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Berlin kämpft mit Strukturschwäche

Von Peter Kantor, Berlin

Wirtschaft

Mehr noch als Gesamtdeutschland steckt die Hauptstadt Berlin in einer Wirtschaftskrise. Ein gigantischer Schuldenberg, eine stark geschrumpfte Industrie und eine gebremste Bauwirtschaft vor dem Hintergrund der anhaltenden landesweiten Rezession ließen die Arbeitslosenrate auf fast 20% steigen, weit mehr als im Landsschnitt. Als Hoffnungsschimmer gelten am ehesten der Dienstleistungssektor und der Tourismus.


Berlin ist nicht nur in politischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Sonderfall in Deutschland. Nach der Wiedervereinigung hat die Stadt zwar alte Größe und Hauptstadtstatus wiedererlangt, gleichzeitig aber auch viele Sonderleistungen und Förderungen von früher eingebüßt. Als Folge steht die Verwaltung heute vor dem Bankrott und wird auch von der anhaltenden Wirtschaftskrise mehr noch als Gesamtdeutschland gebeutelt (siehe Interview mit Bürgermeister Klaus Wowereit am

8. Sept. 2003 in der "W.Z."). Während das BIP-Wachstum 2001 und 2002 bundesweit bei 0,8 bzw. 0,2% lag, schrumpfte die Wirtschaftsleistung in Berlin um 0,8 bzw. 0,7%. Und auch heuer kann bestenfalls ein "Nullwachstum" erwartet werden, jedenfalls aber ein deutlicher Rückstand auf die bundesweite Entwicklung.

"Der wirtschaftliche Strukturwandel in Berlin ist noch immer nicht abgeschlossen, die teilungsbedingte Strukturschwäche noch nicht überwunden", meint Christoph Lang von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen in Berlin. Immerhin habe sich die Industrie nach einem schmerzhaften Anpassungsprozess auf ein Niveau von mehr als 100.000 Arbeitsplätzen stabilisiert und sei international wettbewerbsfähig. Zusammen mit rund 200.000 Arbeitsplätzen in industrienahen Dienstleistungen habe sich hier ein Industrie-Netzwerk entwickelt, das Ausgangsbasis für künftiges Wachstum sein könne.

Wachstumssektor Medien und Informationstechnik

Positiv entwickelt sich laut den deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten auch der Dienstleistungssektor, wo seit 1990 mehr als 150.000 Arbeitsplätze neu entstanden sind. Besonders hervorgehoben wird der Sektor Informationstechnik und Medien, wo Berlin in Deutschland mit einem Beschäftigungswachstum von zuletzt 7,3 % einen Spitzenplatz einnimmt. Auch in den Bereichen Life-Science (Biotechnologie und Medizintechnik), Verkehrstechnik und optische Technologie profitiert Berlin von der guten Forschungs-landschaft und einem günstigen Klima für Unternehmensgründungen.

Die Bauwirtschaft hingegen, die in den ersten Jahren nach der Vereinigung Motor der wirtschaftlichen Entwicklung gewesen ist, durchläuft einen schmerzhaften Schrumpfungsprozess. Die großen Baumaßnahmen nach der Wiedervereinigung und zum Umzug der Bundesregierung sind weitgehend abgeschlossen, der Wohnungsbau stagniert, und bei Bürobauten drückt das bestehende Angebot auf den Markt. Hier ist auch in den nächsten Jahren mit weiteren Rückgängen zu rechnen.

Trotz negativer konjunktureller Rahmenbedingungen bleibe Berlin attraktives Ziel für Firmenansiedlungen, meint die Berliner Senatsverwaltung und verweist auf die aktuelle Ansiedlung der Coca Cola-Deutschlandzentrale in Berlin. Positiv werden auch der Umzug von Universal Music von Hamburg nach Berlin und die Verlagerung der Musikmesse Popkomm und des Musiksenders MTV vermerkt.

Im Bemühen, sich als Standort für das Ost-West-Geschäft zu positionieren, kommt Berlin gut voran. So entschieden sich weltweit orientierte Unternehmen wie SAP, Bertelsmann oder der Pharmakonzern Altana erst kürzlich für den Ausbau Berlins als mittel- und osteuropäischen Brückenkopf. Ein Erfolgsbeispiel ist auch das ehemalige ostdeutsche Pharma-Unternehmen Berlin-Chemie, das dieses Jahr wieder mehr Arbeitsplätze haben wird als zur Zeit der Wende. Weiters der Fensterhersteller KBE Profilsysteme, der seinen Firmensitz aus dem Saarland nach Berlin verlegt, weil seine Hauptabsatzmärkte inzwischen ebenfalls in Mittel- und Osteuropa liegen.

Auch Firmen aus dem Osten schätzen Standort Berlin

Andererseits investieren auch zunehmend osteuropäische Unternehmen in Berlin, um heute schon vom EU-Binnenmarkt zu profitieren. So hat der polnische Mineralölkonzern "PKN ORLEN SA" am 6. Juni 2003 seine erste Tankstelle in Berlin eröffnet. Ein anderes Beispiel ist die Elektromontaz-Export S.A., die seit 1997 mit einem eigenen Elektromontage-Unternehmen in der deutschen Hauptstadt vertreten ist.

Als ein wichtiger Hoffnungsfaktor für die Berliner Wirtschaft gilt der Fremdenverkehr. Berlin ist die wichtigste touristische Destination in Deutschland und erwirtschaftet tourismusbedingt einen Umsatz von rund 5,2 Mrd. Euro jährlich. Im Jahr 2002 wurden 4,75 Mill. Gäste und 11,0 Mill. Übernachtungen gezählt, der Sektor sichert rund 66.000 Vollarbeitsplätze. Im Vergleich der europäischen Metropolen steht Berlin als touristische Destination an 3. Stelle nach London und Paris und vor Rom und Madrid. Aus Deutschland kommen fast 75% der Gäste. Österreich nimmt mit 39.000 Gästen (2002) den 11. Rang unter den Auslandsmärkten ein.

Erfolgreich - auch auf wirtschaftlichem - Gebiet entwickeln sich die Beziehungen zwischen Wien und Berlin. Es gibt regelmäßige Kooperationsveranstaltungen im Zusammenspiel BAO Berlin und Wiener Wirtschaftsförderungsfonds, so zuletzt im März 2003. Verlässliche Zahlenangaben zur Bedeutung des Handels zwischen den beiden Städten bzw. über Investitionen gibt es zwar nicht, wohl aber aussagekräftige Außenhandelsdaten Berlins mit Österreich. Laut Berliner Senatsverwaltung betrugen die Ausfuhren Berlins nach Österreich im Jahr 2002 rund 446 Mill. Euro und somit 20,5 % mehr als im Vorjahr.