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Berliner Jungens sind am Kien

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Sie singen ihn zwar alle aus voller Kehle mit, den flotten Gassenhauer über die Berliner Jungens. Aber kaum einer weiß heute noch, was die Redensart "am Kein sein" bedeutet.


"Das war damals eine ganz andere Zeit", erinnert sich der heute 84-jährige Gerhard Hellwich. Ein Laib Brot kostete am Schwarzmarkt umgerechnet 40 Euro, ein Viertel Butter 150 Euro. Als der 22-jährige Sohn eines Musikdirektors im Jahre 1947 die Idee hatte, in Berlin einen Knabenchor zu gründen, lag die einstige Hauptstadt Deutschlands in Trümmern.

Nicht um Subventionen, sondern nur um einen Probenraum bettelte der junge Hellwich den damaligen Bezirksbürgermeister seines Heimatbezirks Schöneberg an. Nach dessen Zusage sammelte er die "Berliner Jungens" buchstäblich von der Straße auf. Der Raum war im vierten Stock des Rathauses Schöneberg - die damalige Kantine. Bis zum heutigen Tag können die Sängerknaben einen kostenlosen Probenort im Rathaus nutzen. Der für Bildung und Kultur zuständige Schöneberger Stadtrat rief an den Schulen seines Bezirks singfreudige Kinder zum Mitmachen auf und stiftete die erste offizielle Chorkleidung.

Am 12. November 1947 konnte Hellwich den Chor "Schöneberger Sängerknaben" offiziell gründen. Später kam noch ein Freundes- und Fördererkreis hinzu. In den nunmehr 62 Jahren seines Bestehens kam der Chor bis heute ohne staatliche Subventionen über die Runden.

Und über welche Runden! Hellwig bildete die Jungen aus und sang mit ihnen in Altersheimen und Krankenhäusern, auf Berliner Straßen und Plätzen. Schon zwei Jahre nach der Gründung engagierte der Intendant der damaligen Städtischen Oper, Heinz Tietjen, die für ihre musikalische Präzision geschätzten Sängerknaben im Dezember 1949 als Chor der jüngeren Pilger ("Tannhäuser"). Wieland Wagner holte sie samt ihrem Chorleiter nach Bayreuth. Ebenso sangen sie unter Herbert von Karajan, Eugen Jochum, Karl Böhm oder Lorin Maazel.

Weltberühmt wurden die Schöneberger Sängerknaben aber weniger durch ihr klassisches Repertoire, sondern durch Berliner Gassenhauer, flotte Schlager und allerlei Schnulzen. Kritikern hält Hellwich entgegen: "Die Schnulze erhält den Chor!" Die Knaben machten etwa die junge Conny Froboess mit dem Schlager "Pack die Badehose ein" berühmt oder landeten mit dem Song "Auf Wiedersehen" das, was man heute einen Mega-Hit nennen würde.

Über 300 Konzertreisen brachten die singenden Botschafter Berlins (so der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter) in alle Teile der Welt. Selbst im Weißen Haus durften sie auftreten und dem damaligen Präsidenten Jimmy Carter die Grüße Berlins überbringen.

Damit hatte sich ein Traum des Chorleiters erfüllt, der schon immer mal im Präsidentenpalais in Washington auftreten wollte, um den Amerikanern zu beweisen, dass die "Berliner Jungens" keine Nazis mehr waren.

Inzwischen sind mehr als 4000 Kinder durch Hellwigs musikalische und erzieherische Hände gegangen. "Meine 4001 Kinder" (sein eigenes zählt er dazu) sind sein Leben und sein Stolz, sagt der betagte, doch nach wie vor enthusiastische Musiker.

Einer der Höhepunkte war der Auftritt eines Drei-Generationen-Chors von heute aktiven Sängerknaben bis zu einigen Gründungsmitgliedern mit dem Lied ".. .unsere Stadt hört doch nicht am Brandenburger Tor auf.. .", anlässlich der Jubiläumsfeiern zum Mauerfall.

Der von ihm gegründete Chor ist längst zu einem Berliner Markenzeichen geworden und untrennbar mit der Stadt verbunden. Wenn sie auftreten mit ihren kurzen schwarzen Hosen und dem Berliner Bären am Hemd, ahnt man auch, was "auf dem Kien sein" bedeutet: Kess, auf Draht, schlau, mit einem Wort: in Ordnung!