Zum Hauptinhalt springen

Berlins Tor zur Freiheit

Von Markus Kauffmann

Kommentare
Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

"Die deutsche Frage ist offen, so lange das Brandenburger Tor geschlossen ist." Mit diesem Bonmot hatte Richard von Weizsäcker die gespannte Lage im Kalten Krieg beschrieben - anhand jenes Bauwerkes, das wie kein anderes die Teilung Berlins und die Spaltung Europas in gegnerische Blöcke symbolisierte. Hier berührten sich Ost und West.


"Mister Gorbachev, open this gate", rief der damalige US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987 auf einem Holzgerüst vor dem Brandenburger Tor dem sowjetischen Generalsekretär zu. Reagan stand auf westlichem Boden, das Tor hingegen im "Ausland", auf dem Hoheitsgebiet der DDR.

Von Anfang an war dieses Stadttor - es ist das einzige noch erhaltene Berlins - Schauplatz wichtiger Ereignisse in der Geschichte der Stadt, Europas und der Welt.

Am 27. Oktober 1806 zieht Napoleon im Triumphmarsch in die Hauptstadt des besiegten Preußen ein und lässt sich am Brandenburger Tor die Schlüssel der Stadt aushändigen. Am 18. März 1848 kommt es im Zuge der Märzrevolution zum sogenannten Barrikadenaufstand. Die Rebellen ziehen vor das Brandenburger Tor. Durch das Tor zogen die deutschen Soldaten nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 und nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918. Am 30. Jänner 1933 feiern die Nationalsozialisten mit einem martialischen Fackelzug der SA durch das Brandenburger Tor ihre Machtübernahme. Am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, steht das Tor mitten im Sperrgebiet und kann weder vom Westen noch vom Osten aus betreten werden.

28 Jahre danach, am 22. Dezember 1989, wird das Brandenburger Tor unter dem Jubel von mehr als hunderttausend Menschen wieder geöffnet. Die Sperranlagen werden beseitigt. Wenige Bauten können es an historischer Symbolkraft mit diesem Tor aufnehmen.

Dabei begann alles recht harmlos. Der Neffe und Nachfolger des "Alten Fritz", der verschwenderische Preußenkönig Friedrich Wilhelm II, wünschte sich für die Prachtallee "Unter den Linden" einen städtebaulich würdigen Abschluss. Er beauftragte den Direktor seines Oberhofbauamtes, Carl Gotthard Langhans, mit dem Abriss des alten Stadttores an der Straße nach Brandenburg und dem Bau eines neuen.

Langhans war von Hause aus eigentlich Jurist; als Architekt war er nur Autodidakt, der sich für die Schriften des römischen Architekturtheoretikers Vitruv begeisterte.

Am 6. August 1791 wurde die von ihm geschaffene frühklassizistische Stadtpforte dem Verkehr übergeben. Es gab weder eine Parade noch eine Eröffnungsfeier - nicht einmal der Auftraggeber, der König erschien. Zwei Jahre später wurde der Bau von einer fünf Meter hohen, kupfergetriebenen Quadriga des bedeutendsten Berliner Bildhauers der Zeit, Johann Gottfried Schadow, gekrönt: Die Siegesgöttin Viktoria, "die den Frieden bringt", fährt auf einem von vier Pferden gezogenen Wagen in die Stadt ein.

Das Brandenburger Tor ist ein 26 Meter hoher, 66 Meter breiter und 11 Meter tiefer Sandsteinbau. Es hat fünf Durchfahrten, gesäumt von 12 dorischen Säulen, jede von ihnen 15 Meter hoch. Als Vorbild für den Torbau dienten Langhans die Propyläen, der monumentale Eingangsbau der Akropolis. So leitete es den Klassizismus in Berlin ein, eine Epoche, die der Stadt den Beinamen "Spreeathen" eintrug.

Die Geschichte hat die deutsche Frage beantwortet, das Brandenburger Tor ist offen. Wer heute dieses klassizistische Triumphportal durchschreitet, spürt den Atem der Weltgeschichte, gedenkt des Elends der Berliner Mauer und empfindet das Glücksgefühl, dass am Ende Friede und Freiheit doch gesiegt haben.