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Beruf: Schlepper

Von Iris Mostegel

Politik

Smart, gebildet, einnehmend: Schlepper sind oft nicht so, wie man sich das vorstellt, sagt Kriminologe Di Nicola.


"Wiener Zeitung": Sie haben zwei Jahre entlang der Hauptrouten illegaler Immigration recherchiert und mit vielen Schleppern gesprochen. Wie ticken diese Leute?Andrea Di Nicola: Das sind clevere Typen. Gute Geschäftsmänner, die immenses Geld verdienen. Und ganz anders, als man sich gemeinhin einen Schlepper vorstellen würde. Nehmen wir den Mann etwa, der ein ägyptisches Schlepper-Netzwerk kontrolliert: Er nennt sich El Douly, also "der Internationale". Er ist Mitte 40, sehr gebildet, spricht mehrere Sprachen. Immer, wenn wir ihn getroffen haben, trug er fünf bis sechs internationale Zeitungen mit sich. Er hält sich konstant auf dem Laufenden, was sich in Europas Flüchtlingspolitik tut, um in seiner Arbeit möglichst schnell darauf reagieren zu können. Was bei den Gesprächen mit den Schleppern außerdem auffallend war: Viele sind - verstehen Sie mich nicht falsch - auf gewisse Art ziemlich einnehmend. Sie sind offen und können mit Leuten sehr gut umgehen. Dennoch: Unterm Strich geht es ihnen natürlich darum, viel Geld zu machen. Mit dem Risiko, dass ihre "Klienten" - so nennen sie die Flüchtlinge - dabei sterben.

Skrupellos also.

Das hängt davon ab. Manchen ist das Schicksal der Flüchtlinge egal. Sie sind nur an schnellem Geld interessiert. Andere kümmern sich tatsächlich um sie - natürlich aus Eigeninteresse: Je mehr Flüchtlinge sie heil nach Europa bringen, umso besser ist ihr Ruf, umso mehr neue Kunden gewinnen sie und umso mehr Profit machen sie. Um beim Ägypter El Douly zu bleiben, er argumentiert ungefähr so: "Ich weiß, dass sie sterben könnten. Aber ich gebe mein Bestes, sie sicher nach Europa zu bringen." Ein Schlepper-Boss aus der Türkei bietet diesbezüglich ein ganz spezielles "Service" an: Er kassiert von den Flüchtlingen erst dann das Geld, wenn sie heil im Westen angekommen sind. Gute PR für ihn. Wie gesagt: Je besser ihr Ruf, umso mehr Geld machen sie.

Wie ist die Selbstwahrnehmung von Schleppern?

Sie sehen sich als Wohltäter, manche sogar als Art Heilige. El Douly erzählte zum Beispiel, in einigen Gegenden Ägyptens küssen ihm Dorfbewohner die Hände. Generell treten Schlepper gerne als Dreamseller auf à la: "Wollt ihr ein menschenwürdiges Leben im Westen, dann bin ich eure einzige Option." Die Flüchtlinge sehen das übrigens ähnlich. In ihren Augen sind Schlepper auch Wohltäter. Sie sagen: "Niemand kümmert sich um meine Probleme, aber die helfen mir wirklich."

Und das Risiko zu sterben?

Das nehmen die Flüchtlinge in Kauf. Oft heißt es: "Wenn ich in meiner Heimat bleibe, sterbe ich. Wenn ich flüchte, sterbe ich vielleicht auch. Aber zumindest besteht die Chance, zu überleben."

Wie kann man sich den logistischen Ablauf einer Schlepperaktion vorstellen? Ist da ein Schlepper von A bis Z verantwortlich?

Nein. Das ist ein verästeltes Netzwerk mit einem sehr hohen Grad an Arbeitsteilung. Man kann sich das vorstellen wie eine große, kriminelle Reiseagentur: Der eine ist für die Akquise von Flüchtlingen zuständig, ein anderer treibt das Geld ein, der nächste kümmert sich um die Transportmittel, ein weiterer sorgt für Ordnung und sofort. In der Türkei haben wir etwa ein Netzwerk kennengelernt, wo die gesamte Arbeitskette aus 40 bis 60 Personen besteht. Überraschend war, wie gut die Kooperation innerhalb dieser Netzwerke funktioniert: Da herrscht gegenseitiges Vertrauen, man hält sein Wort.

Das klingt ziemlich professionell.

Es ist tatsächlich beeindruckend, wie gut strukturiert und organisiert die sind. Außerdem sehr flexibel, auf geänderte Umstände reagieren sie unheimlich schnell und effektiv. Man muss sich vor Augen halten, dass diese Leute 24 Stunden pro Tag damit beschäftigt sind, Lücken in unserem System ausfindig zu machen und die Schwachstellen auszunutzen, um die Festung Europa zu infiltrieren. Dabei entwickeln sie viel Kreativität. Ein Beispiel: Einmal ging es darum, afghanische Flüchtlinge, die es bereits nach Italien geschafft hatten, unauffällig an ihre gewünschte Enddestination zu bringen, sagen wir Deutschland. Was die Schlepper gemacht haben: Sie haben die Flüchtlinge als touristische Familie auf Vergnügungsreise verkleidet. Ein Flüchtling spielte den Vater, ein weiblicher Flüchtling gab sich als Mutter aus, zwei minderjährige Afghanen firmierten als deren Kinder. Zuvor ließ man sie duschen, gab ihnen schöne Kleidung, falsche Dokumente und ein Zugticket nach Deutschland.

Das sind Schlepperaktionen innerhalb von Europa. Wie funktioniert das außerhalb?

Das ist unterschiedlich, je nachdem, wie viel Geld Sie zur Verfügung haben. Je billiger die Reise, desto größer das Risiko. Eine neue und extrem riskante Methode ist es etwa, die Flüchtlinge in Frachtschiffen von der Türkei nach Italien oder Griechenland zu bringen - das Schiff ist aber ohne Steuermann. Offenbar schalten die Schlepper während der Überfahrt das Schiff auf Autopilot und kehren selbst in einem anderen Boot zurück. Die sagen sich: Falls etwas schiefgeht, werden die Italiener sie schon retten.

Sie meinten vorhin, die Schleppernetzwerke seien sehr gut organisiert. Libyen erweckt einen anderen Eindruck.

Libyen ist eine Ausnahme. Der dortige Schleppermarkt ist seit einiger Zeit unkontrolliert. Zum einen gibt es aufgrund der Flüchtlingsströme eine extrem große Nachfrage nach Schlepperdiensten, zum anderen befindet sich das Land selbst in Chaos. Für viele Dilettanten also die ideale Gelegenheit, schnelles Geld zu machen - komplett ohne Rücksicht auf das Schicksal der Flüchtlinge.

Weshalb sind diese Schleppernetzwerke so schwierig zu zerschlagen?

Ein Grund ist, dass Schlepper seit Jahren "stabile Marktbedingungen" vorfinden, sprich: Es gibt immer irgendwo Krisen oder Kriege, die verzweifelte Leute dazu veranlassen, ihre Heimat zu verlassen. Und da es eben kaum legale Wege gibt, nach Europa zu kommen, passiert es auf illegalem Weg mit den Schleppern. Ein anderer Grund ist, dass Europa meistens nicht die großen Bosse, sondern die kleinen Fische dingfest macht, etwa die Steuermänner der Schiffe. Manchmal sind das selbst nur Flüchtlinge, die sich so die Kosten für die Überfahrt ersparen. Leute wie diese Steuermänner sind jedoch nur das letzte, unbedeutende Glied in der Kette des Schleppernetzwerks. Wird einer verhaftet, steht der Nächste schon zur Stelle.

Der neueste Plan der EU: Militärisch vorgehen und vor der Küste Libyens die Boote von Schleppern zerstören. Was wird das bringen?

Kurzfristig vielleicht einen punktuellen Erfolg. Langfristig bringt es nichts. Denn die Schlepper werden umgehend auf die neuen Umstände reagieren und ihre Routen sowie Methoden anpassen. Wie gesagt: Die sind extrem wendig und flexibel. Man muss sich das wie mit einem Fluss vorstellen: Versucht man ihn an einer Stelle zu stauen, sucht sich das Wasser sofort einen neuen Lauf.

Ist das Schleppergeschäft ein Spiegel der Asylpolitik Europas?

Ein Schlepper hat uns einmal gesagt: "Je mehr ihr die Grenzen der Festung Europa hochzieht, umso besser für unser Geschäft. Wir verlangen einfach höhere Preise." Und tatsächlich: Auf diese Weise fördert die EU nur die Nachfrage nach Schlepperdiensten. Man muss sich vor Augen halten, dass das ein riesiger Markt mit riesigen Profiten ist - nach dem Drogenhandel das einträglichste Geschäft: Es wird auf 10 Milliarden Dollar jährlich geschätzt. Wir haben ausgerechnet, dass allein das Schleppergeschäft übers Mittelmeer auf 600 Millionen Euro pro Jahr kommt.

Was muss Europa tun, um den Schleppern die Geschäftsgrundlage zu entziehen?

Das Thema ist komplex, also werden gute Lösungen ebenfalls komplex sein müssen. Einer von vielen Punkten, wo man einhaken könnte: Derzeit sind selbst jene Flüchtlinge, die vor Kriegen fliehen und Recht auf politisches Asyl in Europa haben, gezwungen, kriminelle Schlepperdienste in Anspruch zu nehmen, um dieses Recht überhaupt erst wahrnehmen zu können. Eine Möglichkeit wäre es, in Tunesien oder der Türkei sichere Lager zu errichten, wo die Flüchtlinge bereits Asyl beantragen können. So brauchen sie für die gefährliche Mittelmeer-Reise keine Schlepper mehr. Ein Teil ihrer Geschäftsgrundlage wäre weg. Ein weiterer Punkt: Wir müssen koordiniert gegen die Big Bosses im Schlepperwesen vorgehen. Wir haben Schlepper getroffen, die sich lustig über Europa machen, weil wir so unorganisiert sind. Das Wichtigste aber ist: Die EU braucht eine Vision für eine einheitliche und humane Migrationspolitik. Derzeit sieht sie nur die Spitze des Eisberges und bekämpft Symptome.

Andrea Di Nicola ist Experte für organisierte Kriminalität und lehrt als Kriminologe an der Universität Trient. Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer und Reporter Giampaolo Musumeci recherchierte der 41-Jährige zwei Jahre im internationalen Menschenschmugglermilieu. Die Ergebnisse veröffentlichten sie im kürzlich erschienenen Buch "Bekenntnisse eines Menschenhändlers. Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen" (Verlag Kunstmann).