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Berührungsängste

Von WZ-Korrespondentin Karin Rogalska

Politik

Flüchtlinge in Deutschland. Lokalaugenschein im Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel.


Stralsund. Von Tag zu Tag werden die Töne schriller im Streit der großen Koalition in Berlin über die Flüchtlingspolitik. Kein Staat lege eine solche Naivität an den Tag wie ausgerechnet Deutschland, attackierte der frühere Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) jüngst Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch die Regierungschefin weiß die Medien auf ihrer Seite. Der Eurozonen-Sparzuchtmeister Deutschland, allen voran die so gestrenge Merkel, zeige plötzlich Herz, so der Tenor im In- und Ausland.

Merkels Botschaft von der neuen Barmherzigkeit dringt jedoch nur langsam in ihren Wahlkreis ganz im Nordosten Deutschlands. Dort ballt sich alles, was als erschwerend für die Integration von Fremden gilt. Die Region Vorpommern ist durch den Zusammenbruch der traditionellen Werften-Industrie nachhaltig geschwächt. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald gehört zu den traurigen Top Ten der Regionen mit den meisten Empfängern staatlicher Unterstützung in Deutschland. Berührungsängste scheinen vorprogrammiert. 2012 war Mecklenburg-Vorpommern mit 2,1 Prozent das Bundesland mit dem zweitniedrigsten Ausländeranteil, der Landkreis Vorpommern-Rügen mit 1,3 Prozent sogar Schlusslicht innerhalb Mecklenburg-Vorpommerns.

Vielfalt - ein leeres Wort

Die Deutsch-Französin Cécile Bonnet, Stadtverordnete in der Landeshauptstadt Schwerin, stellt dazu fest: "Fast überall gibt es hier ein Papier zur Willkommenskultur. Solange aber sogar EU-Bürger Schwierigkeiten mit der Anerkennung von Abschlüssen haben, solange sich interkulturelle Wochen auf Folklore beschränken und solange in den Kitas und Schulen keine nachhaltige Strategie zur Förderung von Vielfalt als Chance zu erkennen ist, bleibt es ein nettes, aber leeres Wort."

Nur langsam wächst das Interesse daran, was Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwingt. "Wir müssen mit den Ländern stärker ins Gericht gehen, in denen politische oder religiöse Verfolgung stattfindet", fordert der Bundestagsabgeordnete Peter Stein aus Mönchhagen neuerdings ungewohnt lautstark. Deutschland müsse sich dort auch stärker beim Aufbau von Renten- oder Krankenversicherungen engagieren. Der Apotheker Bernd Junge aus Stralsund wirbt schon seit einigen Jahren für den Bau von Brunnen in Uganda. Das Sammeln von Spenden verbindet er mit Aktionen wie einem "Weltwassertag". Doch erst in jüngster Zeit hört er vermehrt Fragen zur konkreten Situation in dem afrikanischen Land.

Mecklenburg-Vorpommern muss zwei Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen, die nach Deutschland gelangen. Auf Vorpommern-Rügen entfallen heuer insgesamt gut 1000 Menschen. Landrat Ralf Drescher wirkt damit allmählich, aber sicher überfordert.

Noch im Juli wurden seine Mitarbeiter relativ leicht fündig bei der Suche nach Wohnungen, die Kommunen für Flüchtlinge zur Verfügung stellen. Inzwischen sei es aber eng, so Drescher. Damit sind langsam aber sicher private Vermieter gefragt. Und damit machen Spekulationen die Runde, Flüchtlingen würden nicht immer nach sachlichen Kriterien untergebracht. So soll sich die Chefin einer privaten Hausverwaltung auf Rügen bei einer Wohnungsbaugenossenschaft auf dem Festland eingekauft und dort die Zuweisung von Flüchtlingen in eine von ihr favorisierte 1000-Seelen-Gemeinde durchgesetzt haben.

Karoline Preisler leitet ehrenamtlich den "Nachbarschaftstreff" in Barth, seit Mai 2014 dort einer der Hauptanlaufpunkte für Flüchtlinge. Preisler rief ihn vor zwei Jahren ins Leben, weil sie in Berlin als Dozentin für Quartiermanagement tätig gewesen und darüber auf den sozialen Brennpunkt Barth-Süd gestoßen war. "Wir haben dann ein Bürgercafé für sozial verdrängte Menschen eingerichtet. Es gab also eine Struktur, wo Flüchtlinge hinzustoßen konnten", schildert die Juristin ihre Anfänge. Die Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister lief zunächst gut. Eines Tages aber war beispielsweise eine Wohnung, die sie für Deutschkurse nutzte, nicht mehr zugänglich. "Wir waren als Ehrenamtliche wohl zu erfolgreich", seufzt Preisler. Sie habe dann eben mit den Flüchtlingen eine eigene Schule gebaut, was reibungslos geklappt habe.

Schlecht vorbereitet

Auch Bernd Röll, Flüchtlingsbeauftragter des Kreisdiakonischen Werks Stralsund, sieht in der Flüchtlingskrise deutliche Defizite bei der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Aktivitäten von Ehrenamtlichen im Landkreis müssten koordiniert werden. Zugleich dürfe nicht alles an ihnen hängen bleiben. Die Vorbehalte der Menschen gegenüber Flüchtlingen seien nicht durchweg ein Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit. Die Stadt Stralsund etwa habe die Menschen nicht mit Informationsveranstaltungen auf die Neuankömmlinge vorbereitet. Menschen wie Gesine Fritsche teilen solche Überlegungen. Sie postierte sich am gestrigen Freitag während eines Aufmarschs von Rechtsextremen mit einem Stand vor einer Gemeinschaftsunterkunft. Es reiche nicht, vor demokratiefeindlichen Gruppierungen zu warnen, ist sie überzeugt. Vielmehr müsse man die Fragen aus der Bevölkerung ernst nehmen und Rechtsextremen durch fundierte Informationen über Flüchtlinge den Wind aus den Segeln nehmen.