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Besondere Rückzugsgebiete

Von Christina Mondolfo

Wissen

Die österreichischen Nationalparks geben heute der Natur die Freiheit, sich zum größten Teil ohne weitere menschliche Einflussnahme zu entwickeln. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz.


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Majestätisch kreist der Bartgeier über den steilen Felswänden – er hält Ausschau nach Aas. Die beiden Steinböcke, die sich gerade einen spielerischen Kampf liefern, wobei jeder Zusammenprall ihrer Hörner weithin vernehmbar ist, interessieren ihn nicht. Und die Bachforelle im klaren Alpenfluss schon gar nicht …

Dass man den Anblick dieses mit einer Flügelspannweite von drei Metern größten Greifvogels der Alpen heute wieder genießen kann, ist ein kleines (oder sogar großes) Wunder, denn in Österreich wurde der letzte Bartgeier Anfang des 20. Jahrhunderts geschossen und somit ausgerottet. Das hatte er seinem Ruf zu verdanken, Lämmer zu reißen und sogar kleine Kinder zu entführen. Offenbar hatte nie jemand die Ernährungsgewohnheiten dieses Vogels genauer studiert, denn außer von Aas ernährt sich der Bartgeier ausschließlich von Knochen, wodurch er eine Nahrungsnische besetzt, die ihm kein anderes Tier streitig macht. Allerdings braucht er andere Beutegreifer wie Wölfe, Luchse, Bären oder Steinadler in seinem Lebensraum, da er von ihnen einen Teil der Beute übernimmt. Und falls die nichts übriglassen, findet er ja vielleicht doch einen abgestürzten Steinbock – den es ebenfalls viele Jahrzehnte nicht mehr in den Alpen gegeben hat...

Auch wenn sich eine solche Szene vielleicht nicht in dieser Form abspielt, Bachforelle, Steinbock und Bartgeier haben wieder eine Heimat in den Alpen gefunden. Das europäische Wiedereinbürgerungsprojekt des Bartgeiers ist dabei untrennbar mit dem Nationalpark Hohe Tauern verbunden. Hier wurden 1986 die ersten Bartgeier freigelassen, mittlerweile wurden im Nationalpark mehr als 40 Jungvögel ausgewildert. Letztendlich soll eine sich selbst erhaltende Population aufgebaut werden. Bei ausreichender Reproduktion in freier Wildbahn können die Freilassungen eingestellt werden.

Bernhard Gutleb, Bärenanwalt und für Naturschutz in Kärnten zuständig, sieht in solchen (und vielen anderen) Aktionen einen bedeutenden Beitrag der Nationalparks zum Artenschutz: "Besonders wichtig ist aber die Öffentlichkeitsarbeit, um eine Willensbildung zum Artenschutz bei den Menschen in Gang zu setzen. Denn der Mensch schützt nur, was er kennt und schätzt", so der Fachmann im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Auch wenn die Anzahl der Arten im Nationalpark Hohe Tauern wegen des sehr spezifischen Lebensraumes überschaubar ist, ist die Natur zumindest nicht so beeinflusst wie etwa in den Donau-Auen, wo der gleichnamige Nationalpark darum bemüht ist, die menschlichen Eingriffe zu kompensieren und Fauna und Flora wieder ein artgerechtes Rückzugsgebiet zu bieten.

Nationalparks werden zwar nicht für Tiere gegründet, sondern vor allem, um eine außergewöhnliche Landschaft zu schützen, doch die ist ja untrennbar mit den in ihr lebenden Pflanzen und Tieren verbunden. Arten, die keine so großen Lebensräume beanspruchen, beziehungsweise kein menschliches Zutun brauchen, profitieren dabei am meisten. Ein gutes Beispiel für die "tierische" Arbeit eines Nationalparks sieht Gutleb etwa auch in der Wieder-Verbreitung der Bachforelle: "Über 100 Jahre wurden die Bäche gnadenlos ausgefischt oder die Forellen wurden einfach in andere Bäche und Flüsse umgesiedelt, wo sie sich dann mit den dort heimischen Arten vermischt haben. Doch wir haben vor einigen Jahren einen isolierten Bach samt Urforellen gefunden, deren Genmaterial noch rein war. Durch Nachzucht und Ausfischung fremder Arten haben wir jetzt wieder einen ordentlichen Bestand an diesem typisch österreichischen Alpenfisch."

Die Bachforelle, aber auch die Koppe, gibt es in ihrer ursprünglichen Form auch im Nationalpark Kalkalpen. Dort teilt sie sich ihren Lebensraum mit Fischottern, Fischreihern, den seltenen Schwarzstörchen und Eisvögeln – alle natürliche Fressfeinde der Fische. "Wir errichten bei den Fischen Barrieren nur für Fremdarten, ansonsten  wollen wir aber natürliche Prozesse zulassen – und es funktioniert, es herrscht ein tolles Gleichgewicht", weiß der Wildbiologe und Projektleiter im Nationalpark Kalkalpen, Christian Fuxjäger. Diese natürlichen Prozesse funktionieren aber nicht bei allen Tierarten. "50 Prozent des gesamten Gebietes sind zwar jagdliche Ruhezone, das heißt dort fällt niemals ein Schuss, doch wenn ein Überbestand an Rehen, Gämsen oder Rotwild besteht, müssen wir eingreifen, damit keine Schäden am Wald durch Verbiss entstehen." Früher waren die großen Beutegreifer ein Regulativ, "doch ein Einzeltier kann keinen Bestand regulieren. Und wir haben ja noch kein Wolfsrudel hier", meint der auch für das Luchsmonitoring zuständige Wildbiologe. So wie Gutleb würde sich auch Fuxjäger eine größere Fläche für die Nationalparks wünschen, denn "dann kann man auch Tiere, die einen großen Lebensraum brauchen, besser schützen." Andererseits sind die umliegenden Gebiete automatisch in die Aktivitäten und Schutzbemühungen der Nationalparks eingebunden, "und die Exklusivität eines Nationalparks soll ja auch nicht durch die inflationäre Errichtung neuer zerstört werden. Wahrscheinlich wäre dann auch die Bevölkerung überfordert, und ein zu kleines Gebiet wird ja viel leichter überrannt – womit der Artenschutz sowieso wieder dahin wäre", meint Gutleb.

Blick vom Rabenfelsen auf den Umlaufberg im Nationalpark Thayatal.
© Lazarek

Dass aber auch ein kleiner Nationalpark gut funktioniert, weiß Christian Übl. Er ist Biologe und Leiter des Wildkatzenprojektes im Nationalpark Thayatal. Die Wildkatze gilt seit den 1950er Jahren als in Österreich ausgestorben, in dieser Zeit verschwand die letzte Population in der Steiermark. Doch 2007 gelang der erste Nachweis der Rückkehr der kleinen, dämmerungs- und nachtaktiven, extrem scheuen Tiere im Thayatal: "Damit ist der Status ‚ausgestorben‘ nicht mehr aktuell", freut sich Übl. Zum Überleben brauchen Wildkatzen vielfältige, naturnahe Wälder ohne menschliche Eingriffe – und genau diese Tatsache kommt auch anderen Tierarten zugute, die sich seit der Anerkennung als Nationalpark im Thayatal wieder vermehrt haben. Die Bestände von Weißrücken-, Grün- und Mittelspechten oder Reptilien wie die Würfelnatter haben sich prächtig entwickelt, bestimmte Schnecken- und Zikadenarten gibt es nur im Nationalpark Thayatal, der auch ein Hotspot für Fledermäuse ist: 20 der insgesamt 28 Arten leben hier. Und viele Insekten oder Mollusken sind mit der Hälfte der Arten von ganz Niederösterreich vertreten, deshalb bezeichnet Übl den Nationalpark Thayatal gerne als "Ökodom".

In sehr naturbelassenen Gebieten wie der Region Thayatal, die lange vor menschlichen Eingriffen durch ihren Status als Grenzgebiet geschützt war, ist die Artenvielfalt eine sehr ursprüngliche. Doch in Gegenden, die etwa durch Bewirtschaftung vom Mensch bereits sehr früh verändert wurden, stellt sich heute mitunter die Frage, ob man die dadurch entstandenen Arten durch weitere menschliche Eingriffe schützen soll oder der Natur freie Hand lässt. Besonders beweidete Flächen oder solche, die regelmäßig gemäht werden, sind heute mitunter zu Streitfällen geworden. Im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel hat man sich dazu entschlossen, auch weiterhin die für diese Landschaft charakteristischen Graurinder grasen zu lassen und so die dadurch entstandenen Lebensräume zu erhalten. Im Nationalpark Kalkalpen ließ man dagegen einige der bisher bewirtschafteten Wiesen und Almen brachliegen, woraufhin die Artenvielfalt um ein Vielfaches zurückgegangen ist. Und im Nationalpark Donau-Auen, der den letzten Auwald Mitteleuropas umfasst, bekämpft man sogar invasive, also eingewanderte, fremde Arten, um der heimischen Flora wieder "Luft zum Atmen" zu verschaffen. "Auch ein Waldbrand ist so eine Sache – lasse ich ihn zu und der Natur ihren Lauf oder lösche ich, um Bestehendes so weit wie möglich zu erhalten? Es gibt kein Patentrezept und es ist jedes Mal eine schwierige Entscheidung, selbst für Experten", beschreibt Gutleb das Dilemma.

© Chloe Thomas/Nationalparks Austria

Aufgrund der diversen Besonderheiten sind Nationalparks auch beliebte Forschungsgebiete. Die diesbezüglichen Aktivitäten unterliegen jedoch strengen Richtlinien, die von den einzelnen Nationalparks vorgegeben werden und die die speziellen Eigenheiten der Region berücksichtigen. Keine der Forschungen oder sonstigen Aktivitäten darf jedenfalls die Erhaltung und den Schutz der Biodiversität beeinträchtigen, so schreibt es die Österreichische Nationalpark-Strategie fest, denn "das in den Nationalparks geschützte Naturerbe ist Teil der österreichischen Identität." Und mehr ist dazu auch gar nicht zu sagen …

Nationalparks
Österreich hat sechs Nationalparks mit einer Gesamtfläche von knapp 2400 km², das sind 2,8 Prozent der Gesamtfläche Österreichs:
Nationalpark Hohe Tauern (mit 1836 km² der größte und gleichzeitig der älteste Nationalpark Österreichs)
Nationalpark Kalkalpen
Nationalpark Gesäuse
Nationalpark Thayatal
Nationalpark Donau-Auen
Nationalpark Neusiedler See –
Seewinkel
Der Nationalpark Nockberge wurde vom Weltnaturschutzbund IUCN nicht in der IUCN-Kategorie II Nationalpark, sondern als geschützte Landschaft (Kategorie V) eingestuft. Daher wurde er in einen Biosphärenpark integriert, wo er einen Teil von dessen Kernzone darstellt.
Drei der Nationalparks schützen
Gebirgsregionen, drei Gewässer und deren Umland.

Definition Nationalpark:
Natürliches Landgebiet oder marines Gebiet, das ausgewiesen wurde, um
(a) die ökologische Unversehrtheit eines oder mehrerer Ökosysteme im Interesse der heutigen und kommender Generationen zu schützen, um
(b) Nutzungen oder Inanspruchnahmen, die den Zielen der Ausweisung abträglich sind, auszuschließen und um
(c) eine Basis zu schaffen für geistig-seelische Erfahrungen sowie Forschungs-, Bildungs-, Erholungsangebote für Besucher zu schaffen. Sie alle müssen umwelt- und kulturverträglich sein.