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Bessere Überwachung? - "Wir sind keine wild gewordenen Desperados"

Von Stefan Janny

Reflexionen
ORF-Chef Wrabetz wehrt sich gegen die Angriffe auf seine Programmreform. Foto: Newald

ORF unterliegt "gewisser Kontrolle" des Marktes. | Kritik am "Mit- teilungsbedürfnis" mancher Vorgänger. | "Wiener Zeitung": Verraten Sie mir Ihre Lieblingsfernsehsendung? | Alexander Wrabetz: Die "ZIB2".


Warum die "ZIB2"?

Weil sie die umfangreichste Informationssendung des ORF ist, weil ich ein informationshungriger Zuschauer bin und glaube, dass sie momentan sehr gut gemacht wird.

Was unterscheidet öffentlich-rechtlichen Rundfunk von privaten Rundfunkanstalten - abgesehen von der Tatsache, dass öffentlich-rechtliche Anstalten staatliche Zuwendungen erhalten?

Diese Liste ist so lang, dass man darauf nur sehr grundsätzlich antworten kann. Zweck des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es jedenfalls nicht, den Shareholder Value zu maximieren, sondern Public Value, also einen öffentlich-rechtlichen Mehrwert zu schaffen.

Damit einher geht neben einem umfassenden Informationsauftrag, wie er in einem kleinen Land im Regelfall von privaten elektronischen Medien nicht erfüllt wird, die Betonung österreichischer Eigenproduktionen im Film- und Serienbereich, wie sie von Privaten nicht geleistet werden kann. Dazu gehört auch ein umfassendes Kulturinformationsprogramm mit einem Radiosender wie Ö1 und zahlreichen Sendungen im Fernsehen. Dazu zählen als wesentliches Merkmal aber auch Werbebeschränkungen, etwa dass es im ORF keine Unterbrecherwerbung gibt.

Das Verbot von Unterbrecherwerbung wird vom ORF mittlerweile aber dadurch umgangen, dass viele Sendungen in mehrere scheinbar unabhängige Teile gestückelt werden, was das Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichem Auftrag und der Teilfinanzierung durch Werbeeinnahmen ganz gut illustriert. Hat dieses duale Konzept auf Dauer Zukunft?

Ich glaube, dass das ein sehr zukunftsgerichtetes Konzept ist. Diese Mischung, dass man zusätzlich zur Gebührenfinanzierung auch einer gewissen Kontrolle des Marktes unterliegt und sich anstrengen muss, Werbeeinnahmen zu erzielen, ergibt zwar durchaus ein Spannungsfeld, das aber, wie man sieht, sehr gut funktionieren kann.

Kommt darauf an, wie man Erfolg misst.

Am besten am Publikumszuspruch. Beim Radio sind wir die Erfolgreichsten in Europa, beim Fernsehen sind wir unter den Top drei.

Beim Fernsehen lässt der Publikumszuspruch allerdings beständig nach.

Wenn jeder Haushalt heute im Durchschnitt 66 Programme hat, was doppelt so viele sind wie noch vor zehn Jahren, ist es kein Wunder, wenn der Marktführer Marktanteile verliert. Das ist fast naturgesetzlich.

Wie weit können oder dürfen diese unweigerlichen Marktanteilsverluste gehen?

Darüber will ich nicht spekulieren und unsere Aufgabe ist es jedenfalls, uns diesem Markttrend bestmöglich entgegen zu stemmen. Im vergangenen Jahr hatten wir 39,4 Prozent. Unser Ziel ist es für 2008, den Marktanteil im Fernsehen auf dem vom Stiftungsrat vorgegebenen Niveau von 40 Prozent zu stabilisieren.

In den ersten vier Monaten ist das allerdings noch nicht gelungen und Ihr Programmdirektor Wolfgang Lorenz hat ja sinngemäß bereits gesagt, dass es auch kein Drama wäre, wenn es nur 38 Prozent werden.

Also er hat gesagt, dass er sich nicht erschießen wird, wenn es nur 38 Prozent werden. Das hoffe ich übrigens auch, dass er sich in diesem Fall nicht erschießt. Aber das ändert nichts an der Zielvorgabe. So wie der Radiodirektor und der Onlinedirektor haben auch die Fernsehdirektoren ihre Vorgaben, und auf die haben sie hinzuarbeiten und ihr Bestes zu geben.

In anderen Unternehmen gibt es personelle Konsequenzen, wenn ein Vorstandsmitglied öffentlich das von Aufsichtsrat und Generaldirektor vorgegebene Ergebnisziel relativiert.

Wir haben das besprochen und gemeinsam festgestellt, dass das keine glückliche Formulierung war. Aber jeder weiß, dass Lorenz von seinem Selbstverständnis her eher mit einem Kreativdirektor als mit einem Vorstandsmitglied zu vergleichen ist.

Sitzt er dann nicht in der falschen Funktion?

Nein. Es ist ja seine Aufgabe, kreativ Programm zu machen und nicht unbedingt Erklärungen zur Entwicklung des Unternehmens abzugeben.

Ihre Vorgängerin Monika Lindner hat grobe Fehler bei der Programmreform geortet - sowohl inhaltlich als auch beim Zeitpunkt.

Meine Funktionsperiode ist jene, in der aufgrund der Digitalisierung erstmals wirklich die volle Konkurrenz durchschlägt. Und leider ist auch die bisher geübte positive Praxis, die den ORF fast 40 Jahre ausgezeichnet hat, dass man seine Nachfolger nicht kommentiert, dem Mitteilungsbedürfnis mancher meiner Vorgänger zum Opfer gefallen.

Lindner hat also unrecht?

Ich will das nicht im Einzelnen rückkommentieren. Aus meiner Sicht wäre es jedenfalls nicht sinnvoll gewesen, den mindestens zweijährigen Digitalisierungsprozess abzuwarten und am Programm nichts zu ändern.

Wir hätten dann wahrscheinlich ganz ähnliche Quotenverluste wie jetzt gehabt und zusätzlich den Vorwurf, dass man nichts getan hat. Und für so grundsätzliche Änderungen wie die Entscheidung, die Durchschaltung der "ZIB" zu beenden, muss man den Elan des Beginns einer Geschäftsführungsperiode nützen. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn "Mitten im Achten" funktioniert hätte, aber es ging um eine grundsätzliche Neuaufstellung der ganzen Zeitzone und das muss man sich einmal trauen.

Es wurden also keine Fehler gemacht? Es ist vieles gelungen - nehmen Sie nur die neue Infolinie oder die neue "Donnerstag Nacht" auf ORF 1. Aber dass wir "Willkommen Österreich" durch "Julia" ersetzt haben und nicht gleich eine Sendeschiene wie die derzeitige "Frühlingszeit" gemacht haben, war schlicht und einfach ein Fehler. Heute haben wir allerdings von 17 bis 19 Uhr bereits wieder höhere Marktanteile als in der Endphase von "Willkommen Österreich".

Wer ist für diesen Fehler verantwortlich?

Es war die Überzeugung des Programmdirektors, dass zu dieser Sendezeit mit einem fiktionalen Programm der gleiche Publikumserfolg zu erzielen ist. Wir haben das Schema gemeinsam ausgearbeitet und ich habe ihm in seiner Verantwortung vertraut. Wir haben es allerdings auch binnen sechs Wochen wieder korrigiert. Im vergangenen Jahr sind im deutschsprachigen Fernsehen über 100 neue Sendeformate gefloppt, wir haben relativ viel neu gemacht und lagen mit drei Formaten und Programmentscheidungen falsch. Das halte ich für akzeptabel.

Das Medienministerium hat kürzlich mittels Brief auf die Kritik und Fragen der EU-Kommission bezüglich der Gebührenfinanzierung geantwortet. Wie beurteilen Sie diese Antwort des Ministeriums?

Es ist eine Antwort des Ministeriums.. .

Aber der Betroffene wird doch eine Meinung dazu haben?

Ich denke, dass es in den wichtigen von der EU-Kommission angesprochenen Fragen Lösungen geben kann, durch die die Zukunftsfähigkeit des ORF nicht beeinträchtigt wird.

Die EU-Kommission fordert unter anderem eine Kontrolle, damit die Gebühren tatsächlich ausschließlich für öffentlich-rechtliche Aufgaben eingesetzt und nicht zur Quersubventionierung anderer Aktivitäten benutzt werden. Die ÖVP will dies durch eine neue Medienbehörde kontrollieren lassen, das Medienministerium will dafür den Rechnungshof einsetzen. Was wäre so schlecht an einer Medienbehörde?

Die Frage ist, welchen Aufwand man für Überwachungstätigkeiten betreiben will, wie viel Bürokratie ein solcher Prozess haben muss und ob man dafür dreißig, vierzig neue Beamtenposten schaffen muss.

Wenn man ernsthaft kontrollieren und nicht nur die Darstellungen des ORF kritiklos übernehmen will, wird das naturgemäß einen gewissen Aufwand verursachen.

Wenn die Öffentlichkeit, vertreten durch verschiedenste Institutionen im Stiftungsrat, der Meinung wäre, dass wir irgendwo nicht die Wahrheit sagen, dann soll sie das ändern. Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, wir sind keine wild gewordenen Desperados, die ihr Eigeninteresse verfolgen, sondern wir führen ein Unternehmen im Auftrag der Republik, die schon jetzt mittels verschiedenster Organe unsere Tätigkeit überprüft.

Wir haben beispielsweise derzeit eine Rechnungshofprüfung, die an Genauigkeit und Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn man da noch eine weitere Überprüfungsstruktur draufsetzt, muss man sich genau überlegen, was man daraus an Qualität gewinnt. Der ORF muss jedenfalls auch in Zukunft auf die Bedürfnisse des Publikums reagieren können, ohne jede Programmfrage einer Regierungsbehörde zur Genehmigung vorzulegen.

+++ Zur Person

Alexander Wrabetz wurde 1960 in Wien geboren. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien, war Vorsitzender der SPÖ-Studentenorganisation VSStÖ und war in der Endphase seines Studiums erstmals - als freier Mitarbeiter im Landesstudio Wien - für den ORF tätig. Nach dem Studium arbeitete Wrabetz zunächst in der damaligen Girozentrale. 1987 wechselte er in die ÖIAG, wo er drei Jahre später den Posten des Generalsekretärs übernahm.

1992 wurde Wrabetz Geschäftsführer der Voest Alpine Intertrading, 1995 wechselte er zum Spitals-errichter und -betreiber Vamed. 1998 wurde er als kaufmännischer Direktor in die ORF-Führung berufen und 2006 von einer Regenbogenkoalition aus SPÖ, BZÖ, Grünen, FPÖ und Unabhängigen im Stiftungsrat zum Generaldirektor gewählt.