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Besuch bei Ochs und Esel

Von Manfred A. Schmid

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In der Christnacht, heißt es, können die Tiere sprechen. Diese Gabe werde ihnen einmal im Jahr verliehen · als Dank dafür, dass sie einst im Stall von Bethlehem ausgeharrt hatten und so Zeugen des

Weihnachtswunders wurden. Also begab ich mich am Heiligen Abend zu mitternächtlicher Stunde in den Küniglstall des ORF-Zentrums. Der Erste, der mir über den Weg lief, war Kommissar Rex. Er sei es

leid, immer mit Wurstsemmeln vollgestopft zu werden, außerdem fände er es traurig, dass am Christtag ausgerechnet der US-Import "101 Dalmatiner" ausgestrahlt werde. Das hätte man · mit ihm · billiger

haben können. Aber so sei es eben mit dem Quotendenken: Quantität gehe vor Qualität.

Dann traf ich auf eine Abordnung des Schönbrunner Tiergartens, die mir eine Petition mit der Forderung nach einer täglichen TV-Sendung für ihren Zoo-Direktor überreichte. Um des lieben

Weihnachtsfriedens Willen unterschrieb ich. Seit Helmut Pechlaner nämlich darauf gekommen sei, dass er weniger oft im Fernsehen zu sehen sei als Antal Festetics oder Kaplan Paterno, soll er ziemlich

unleidlich geworden sein. "Wer will uns?" hallte es mir dann in einem anderen Stockwerk entgegen. Da mit Ende dieses Jahres ihre Betreuerin Edith Klinger abgelöst werden soll, befürchten die

verwaisten Vierbeiner demnächst als nicht mehr vermittelbar zu gelten. Eine erkleckliche Anzahl von Lurchen und anderen fossilienähnlichen Lebewesen flüchteten, als sie meiner ansichtig wurden,

sofort in die Kellergewölbe. Sie hielten mich wohl für einen "Universum"-Filmer, der sie in ihrem einzigartigen Biotop ablichten wollte. Und schließlich, nachdem mir ein paar Schafe über den Weg

gelaufen waren, die sich als ORF-Hörer- und Sehervertreter ausgaben, traf ich noch auf ein paar über ihre Spesenabrechnung gebeugte Weiße Elefanten. Als ich sie auf ihre Konsulentenverträge ansprach,

blieben sie stumm.