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Besuch beim Nachbarn nach hundert Jahren

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Europaarchiv
Schon seit dem Wochenende riegeln irische Polizisten Plätze ab, an denen Elizabeth II. erwartet wird. Foto: reu

Queen Elizabeth II. reist nach Irland. | Briten und Iren brechen 100-jährigen Bann. | Dublin. Es dauerte viel länger als geplant. Er werde "in nicht allzu ferner Zukunft" wieder in Dublin sein, versprach der damalige englische König George V. bei seinem Besuch in Irland. Das war 1911. Doch es dauerte ein volles Jahrhundert, bis man sich an den Ufern des Liffey erneut für eine Visite der britischen Royals rüstete. Mit ihrer Ankunft in Dublin bricht Elizabeth II. am heutigen Dienstag einen Bann, der all die Jahre auf dem Verhältnis der beiden Nachbarvölker lastete. Immerhin hat die Königin in ihren fast sechzig Dienstjahren 129 Länder, viele davon in fernen Kontinenten, besucht. Nur ins unmittelbare Nachbarland, in die irische Republik, hat sie nie einen Fuß gesetzt.


Für den britischen Premier David Cameron, der ebenfalls nach Dublin fliegt, ist der Besuch "ein Symbol der Partnerschaft und starken Freundschaft, die heute zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich besteht". Der irische Regierungschef Enda Kenny spricht vom "Beginn einer neuen Ära". Und die meisten Iren betrachten die Reise als längst überfällig.

Dass ein solcher Besuch zuvor nicht möglich war, hat vor allem historische Gründe. Schon vor 1911 hatte es jahrzehntelang rumort in der britischen Kolonie. Mit dem Osteraufstand von 1916 und der hart erkämpften Unabhängigkeit von der Krone fünf Jahre später hatte sich das irisches Volk von der ehemaligen Kolonialmacht scharf abgesetzt.

Eine Versöhnung nach der Trennung wurde nicht zuletzt dadurch erschwert, dass London die Grüne Insel ihrerseits trennte. Um den britisch orientierten, königstreuen Protestanten im irischen Nordosten das größtmögliche Stück Land mit protestantischer Mehrheit zu garantieren, war das künstliche Gebilde Nordirland geschaffen worden, das im Vereinigten Königreich verblieb.

Der erzwungene Verbleib einer irisch-katholischen Minderheit in dieser britischen Provinz und deren Behandlung als Bürger zweiter Klasse, nährte in späteren Jahren den bitteren und auf beiden Seiten grausam geführten Konflikt, der als Nordirlands "Troubles" in die Geschichte einging. Der Anspruch beider Staaten auf das Territorium Nordirlands machte in der Folge die diplomatischen Beziehungen zwischen Dublin und London schwierig - und Staatsbesuche zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Nur nicht verbeugen

Erst der nordirische Friedensprozess der 1990er Jahre und die auch von London entschlossen mitgetragene Verständigung in Nordirland führten zu einem neuen Klima beidseits der Irischen See. In den letzten Jahren signalisierte Dublin starkes Interesse an voller Normalisierung der Beziehungen.

Ganz sicher ist sich allerdings niemand, wie das Gastspiel der Queen über die Bühne gehen wird. Offene Feindseligkeit der Dubliner Bürgerschaft wird zwar nicht erwartet. Doch weniger versöhnlich zeigen sich kleine Gruppen wie die republikanisch-sozialistische Organisation Eirigi, die am Mahnmal für die im Unabhängigkeitskampf gefallenen Iren am Dubliner Parnell Square protestieren wollte. Dass die Queen ausgerechnet dieses Mahnmal besichtigen will, empfinden die Eirigi-Mitglieder als "den reinsten Hohn". Zu größeren Protesten ist es freilich nicht gekommen. Seit dem Wochenende hat die irische Polizei alle Plätze abgeriegelt, an denen die Königin erwartet wird.

Die Sicherheit der Besucherin lässt sich Irland sieben Millionen Euro kosten; 6000 Polizisten aus dem ganzen Land sind im Einsatz. Zur Beschämung der irischen Regierung haben britische Zeitungen sogar enthüllt, dass die Leibwächter der Queen bewaffnet einfliegen werden.

Dennoch rät der Vize-Regierungschef und Labour-Vorsitzende Eamon Gilmore zu Gelassenheit. In seiner Jugend gehörte er selbst dem gewaltlosen Flügel der irischen Republikaner an. Nun wird er, in seiner Funktion als Außenminister, die Queen zu ihrem "historischen Besuch" willkommen heißen. "Verbeugen", sagt er, "werde ich mich allerdings nicht."