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Besuch im Prater, ein zeitloses Vergnügen

Von Petra Tempfer

Reflexionen

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings strömen auch zahlreiche Besucher aller Altersklassen in den Prater. Um hier in jene bunte Welt einzutauchen, die einen auf zeitlos außergewöhnliche Weise die Sorgen des Alltags vergessen lässt.


Kreischend umklammern die Mädchen die Sicherheitsbügel der knallroten Schaukel, auf der bunte Glühbirnen blinken, und die soeben in die Luft gewirbelt wird - beim Sinkflug erreicht das Geschrei eine solche Lautstärke, dass für einen kurzen Moment die Disco-Musik aus dem Lautsprecher übertönt wird. Schaulustige verfolgen gebannt, wie die Fahrgäste abermals in die Höhe sausen: "Tornado" ist der sprechende Name dieser Attraktion, die im Vergnügungspark des Wiener Praters im zweiten Bezirk seit der diesjährigen Saisoneröffnung wieder rotiert.

Ähnlich der abenteuerlichen Schaukel hat auch der Prater schon unzählige Hoch- und Tiefpunkte erreicht - immerhin besteht er seit 243 Jahren und hat seit seiner Gründung nicht nur wirtschaftliche Blütezeiten, sondern auch Kriege und Konjunkturflauten erlebt.

Hungrig nach Vergnügen

Am ersten sonnigen Wochenende dieses Jahres strömen Besucher aller Alterklassen in den Wurstelprater - hungrig nach Vergnügen und Spaß fahren sie Ringelspiel, Autodrom und Hochschaubahn und greifen für ein nächstes Jeton - trotz Finanzkrise - immer wieder in die Geldbörse. Direkt auf dem neuen Riesenradplatz werden einige Zeugen einer Massenkarambolage. Im "Grand-Autodrom" haben sich fünf mit dickem Gummi ummantelte Fahrzeuge ineinander verschachtelt. Die Fahrer kurbeln hektisch am Lenkrad, bis eine elegant gekleidete Dame die Bahn betritt und das Schlamassel entwirrt: Evelyn Grubmir, seit 35 Jahren Besitzerin dieser Prater-Attraktion.

"Natürlich lege ich selbst Hand an, das gehört einfach dazu", meint diese. Das "Grand-Autodrom" hat ganzjährig geöffnet, da müssen Reparaturen und Service-Arbeiten nebenbei geschehen. Die kleinen, bunten Autos werden nämlich emsig benutzt - an der Anzahl der Besucher hat sich in den Vorjahren laut Besitzerin wenig geändert. Am Wochenende und an den Feiertagen sei erfahrungsgemäß am meisten los, "da stehen Wiener und Touristen Schlange", erzählt Grubmir.

Zwischen ganz kleine Kunden, die mit ihrem Jeton fest in der Hand aufgeregt auf das nächste freie Auto warten, mischen sich Väter, Großeltern und Jugendliche. "Trotz Fernsehen, Computer und Internet ist der Wurstelprater für alle Altersklassen noch immer etwas Außeralltägliches", erklärt dazu Roland Girtler vom Institut für Soziologie der Universität Wien, "man taucht in eine bunte Welt ein - und ist fasziniert." Inmitten Zuckerwatte, Naschereien und Musik lasse man sich vom Strom der fröhlichen Menschen durch das Vergnügen treiben.

Adrenalinkick auf der Hochschaubahn

"Ich komme regelmäßig hierher", erzählt etwa die 14-jährige Louise aus Wien - die Schülerin sucht den Adrenalinkick bei Fahrten mit der Hochschaubahn. Außerdem sei ein Besuch des Praters immer mit einem lustigen Nachmittag mit Freunden verbunden, der "problemlos mehrere Stündchen dauern kann." Je länger, desto teurer ist der Spaß: An manchen Tage gibt Louise 50 oder mehr Euro aus.

Die Preise für die einzelnen Fahrten schwanken stark: Ringelspiele mit quietschgelben Plastikenten oder schnittigen Rennwagen für die Kleinsten kosten pro Fahrt etwa 1,50 Euro. Der durchschnittliche Fahrtenpreis der insgesamt 80 Privatunternehmen liegt bei drei Euro. Ein Besuch beim Praterkasperl, der auf dem Wurstelplatz 1 sein nicht jugendfreies Programm präsentiert, kostet 3,70 Euro. Für besondere Attraktionen müssen rund acht Euro bezahlt werden - wie etwa für das Karussell "Turbo Booster", das sich mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern im Kreis dreht. Gemächlicher rotiert das Riesenrad - um 8,50 Euro darf man mitfahren und in einer der Gondeln schwebend den Anblick der Stadt aus der Vogelperspektive genießen. Wer sich stolzer Besitzer einer Pratercard nennt, die 39 Euro pro zwei Stunden kostet und neuerdings über das Internet aufladbar ist, muss dennoch für eine Fahrt mit dem Riesenrad zahlen: Hier gilt die Pratercard nicht.

Varieté und exotische Tiere

Das Riesenrad ist zur Hauptattraktion und zum Touristen-Magneten des Wiener Praters geworden - obwohl es erst im Jahre 1895, also rund 130 Jahre nach der Eröffnung des Vergnügungsparks, errichtet worden ist. Damals, auch als es noch nicht existierte, kamen Schaulustige, um etwa den Ururgroßvater von Nikolaj Pasara zu sehen - der ohne Arme und Beine geboren und somit zur Attraktion im Varieté geworden war. Unter dem nationalsozialistischen Regime im Zuge des Zweiten Weltkrieges wurde dieses aufgelöst.

Länger blieb die Tierschau bestehen: Da, wo sich heute das "Blumenrad" dreht, kreischten früher Affen in ihren Käfigen und wanden sich Schlangen in Terrarien. "Mit Fernsehen und -reisen verlor das Zur-Schau-Stellen exotischer Tiere seine Faszination", meint Pasara, der heute die "Monza Go-Kart-Bahn" des Praters leitet. Dafür hat er sogar seinen Lehrerberuf an den Nagel gehängt. "Wenn Du auf dem Prater aufgewachsen bist, lässt er Dich nicht mehr los", weiß Pasara, "ich bin Hauptschullehrer, aber mein Herz war immer im Prater." Das Leben im Vergnügungspark sei mit einer Sucht vergleichbar.

Nicht nur Schausteller, sondern auch Besucher verfallen mitunter der Prater-Atmosphäre. Das Ehepaar Helga und Karl M. etwa wohnt seit Jahrzehnten in Wien-Leopoldstadt und spaziert regelmäßig durch das Gelände. "Einfach nur spaßeshalber, um zu schauen, was es Neues gibt", erzählt Helga M. Gemeinsam mit ihrem Mann trinkt sie traditionsgemäß ein oder zwei Achterl Wein bei der Würstel Hütte. "Und dann gemma wieda ham", ergänzt Karl M.

Besonders erfreut waren beide über die Wiedereröffnung der Holzrutsche "Toboggan" und des "Sturmbootes". Beide Attraktionen stammen aus der vorigen Jahrhundertwende, waren jahrelang gesperrt und wurden originalgetreu restauriert. Schon vor mehr als hundert Jahren, als sie erstmals im Prater errichtet wurden, galten sie als Besonderheiten und lockten zahlreiche Besucher an.

Böhmischer Prater der "kleinen Leute"

Zeitgleich frönten die "kleinen Leute" - hauptsächliche Bewohner des Arbeiterbezirkes Favoriten, von denen ein Viertel aus Böhmen und Mähren stammte und bei den Wienerberger Ziegelwerken beschäftigt war - im Prater an der Peripherie dem Vergnügen. Die sogenannten Ziegelböhmen, die dem Böhmischen Prater beim Laaer Wald seinen Namen gaben. Dieser unterscheidet sich auch heute noch durch seine Kleinheit und niedrigere Preise vom Wurstelprater.

Zwischen 1,50 und zwei Euro kostet hier eine Fahrt mit der Kinderautobahn, dem Boot oder dem sogenannten Riesenrad, das um vieles kleiner als jenes im Prater ist. Kostenlos darf sogar so manches Kind bei Henriette Geissler am Ende des Böhmischen Praters eine Runde mit der "Raupe" drehen. Und dabei der Musik aus der mehr als hundert Jahre alten, liebevoll verzierten Drehorgel lauschen.

Ein nostalgisches Kleinod

"Sehen Sie, ich bin seit 46 Jahren da, der Böhmische Prater war und ist ein nostalgisches Kleinod", sagt Geissler und winkt dem kleinen Buben zu, der als einziger Fahrgast in einem Waggon der "Raupe" Platz genommen hat. Doch gerade der Wert dieses historischen Platzes wird laut Geissler nicht mehr geschätzt. Im Gegensatz zu den Schaustellern des Wurstelpraters klagen jene des um vieles kleineren Vergnügungsparks über rückläufige Besucherzahlen.

"Papa, das ist ja alles altes Klumpert, warum führst Du mich daher?", fragt da etwa eine vorbei spazierende Zwölfjährige ihren Vater, in deren Ohren die Stöpsel eines MP3-Players stecken. Dennoch wehren sich alle neun Schausteller, die ihre Betriebe meist von Vätern, Groß- und Urgroßvätern übernommen haben, vehement gegen die Behauptung, der Böhmische Prater stehe vor dem Aus.

"Zu uns kommen viele Stammkunden, die den nostalgischen Flair lieben", weiß Franz Reinhardt - hinter ihm drehen sich überdimensional große Häferl mit blauen Tupfen langsam im Kreis. Die Zeit sei schneller geworden, meint der Schausteller. Früher glich ein Besuch im Prater einem heiß ersehnten Abenteuer, das häufig einen ganzen Tag lang dauerte und bei einem guten Essen in einem nahen Gasthaus ausklang. Heute wird das schnelle Vergnügen gesucht, das in immer höheren Hochschaubahnen und schnelleren Schaukeln gefunden wird - um einen für kurze Zeit die Sorgen seines von Terminen beherrschten Alltags vergessen zu lassen.

Info:

Wiener Wurstelprater

Prater

1020 Wien

Tel.: 01/728 159 40

www.prater.at

Böhmischer Prater

Laaer Wald

1100 Wien

Tel.: 01/689 91 91

www.tivoli.at