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Beten, Lieben und Recyclen

Von Lisa Grum

Reflexionen

Der Abfall der Megastadt Kairo landet im Stadtteil Manshiyat Naser, auch "Garbage City" genannt. Dort leben 90.000 Bewohner davon, dass sie Müll wiederverwerten.


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Der informelle Stadtteil der Müllsammler erstreckt sich mit seinen roten, oft selbst gebauten Ziegelhäusern anarchisch und ungeplant über ein weites Gebiet. 
© Foto: Andreas Edler

"Am besten steigt man bei der Zitadelle aus und geht von dort aus zu Fuß. Die Taxifahrer fahren nämlich oft nicht hinein in das Viertel, weil sie Angst vor den Zabbaleen haben" erklärt Danya, eine junge Ägypterin. Sie ist eine der wenigen, die wissen wo Garbage City liegt. Obwohl gleich nebenan die Zitadelle, ein Touristenmagnet Kairos, thront, entgeht das Viertel der allgemeinen Aufmerksamkeit. Wenn dort Besucher auf der Mauer der alten Militäranlage stehen, lenken sie den Blick in Richtung Nil, das Herz Kairos, und drehen dabei dem Müllviertel den Rücken zu.

Die "Zabbaleen"

Garbage City, das offziell Manshiyat Naser heißt, ist das Zuhause der Zabbaleen, der Müllmenschen. Hinter der Zitadelle, abgetrennt durch eine sechsspurige Schnellstraße, deren Überquerung an Selbstmord grenzt, schmiegt sich das unüberschaubare Viertel an den Berg Moquattam. Der informelle Stadtteil erstreckt sich mit seinen roten Ziegelhäusern anarchisch und ungeplant über ein weites Gebiet, das wie durch willkürlich entstandene Rinnsale von engen Gassen durchzogen ist.

Die "Zabbaleen" sind "gefährlich", "arm", "verrückt" und darüber hinaus auch noch "Kopten". Etliche solcher Vorurteile grassieren im städtischen Bewusstsein. Böse Gerüchte, in gut gemeinte Ratschläge verpackt, überschlagen sich. "Dort ist es unsicher", "Zieht euch unauffällig an, am besten schwarz", "Tragt keinen Schmuck und nehmt ja kein Geld mit", "Geh da ja nicht alleine hin, geh am besten gar nicht hin!"

In Wahrheit retten die Zabbaleen Kairo davor, im Müll zu ersticken. Es sind Menschen, die Kairos Straßen zehn Stunden am Tag durchstreifen und alles aufsammeln, was übrig bleibt. Sie säubern die Randsteine, lugen unter die parkenden Autos, grasen die unebenen Gehsteige ab und arbeiten sich in den Gebäuden vom obersten bis zum untersten Stock vor, um die Tonnen vor jeder Wohnungstür zu leeren. Sie sind in der Stadt, deren Müllabfuhr äußerst mangelhaft organisiert ist, ebenso unentbehrlich wie unsichtbar.

Die blutjungen bis uralten Männer, die jeden Tag die Straßen säubern und unter den weißen, monströsen Müllsäcken wie Ameisen verschwinden, entgehen der alltäglichen Wahrnehmung. Auf große Pick ups und Eselskarren stapeln sie die zukünftige Recycling-Ware so hoch wie nur möglich und bringen sie nach Hause. Auf einer breiten Zufahrtsstraße fahren sie nach Garbage City hinein und verschwinden bald zwischen hunderten selbst erbauten, roten Ziegelhäusern, auf einer der vielen Straßen, die sich durch das Viertel schlängeln. Die Luft ist staubig, der Müll liegt sortiert, in allen Regenbogenfarben am Straßenrand und türmt sich zu Bergen auf. Viele Menschen tragen zerrissene Kleidung, die Frauen und Kinder sitzen an der Straße, wo sie Müll sortieren.

Koptische Christen

Die Pick ups und Karren düsen aneinander vorbei und über ihnen, mit Schnüren zwischen die Häuser gespannt, zieren bunte Bilder vom koptischen Papst Tawadros II. die Gassen. Die 90.000 EinwohnerInnen haben sich ihre Stadt am Fuße des heiligen Berges Moquattam erbaut und drei prächtige Felsenkirchen in den Hang gesprengt. Weiter oben, auf der Spitze Moquattams, blicken die Reichen Kairos von ihren schönen Häusern mit großartiger Aussicht auf die Stadt herunter.

Wenn die Zabbaleen nicht gerade ihren zehnstündigen Arbeitsalltag leben, gibt es sonntags eine kirchliche Messe und donnerstags einen Exorzismus (der Dämonen austreibt und sehr schmerzhaft sein soll). Der Sage nach, die Samir, ein Kopte mit schwarzem wirren Lockenkopf, den Besuchern der Felsenkirche mit solch einer Inbrunst erzählt, dass man die Stirnfalten hochziehen und die Augen aufreißen muss, hatten im Jahr 965 der Kalif und der koptische Papst eine kleine verbale Auseinandersetzung. Die endete in einem dreitägigen Zwist, in dem die Christen beweisen mussten, dass der Glaube, so wie es schließlich in der Bibel steht, Berge versetzen kann. Was ihnen laut Sage dank eines einäugigen Schusters und seiner engen Verbindung zu Gott auch gelang. In einem filmreichen Showdown zwischen Muslimen und Kopten versetzte Gott den Berg Moquattam an seinen jetzigen Standort.

"Außerdem", erzählt Samir recht stolz, "konvertierte sogar der Kalif zum Christentum." Diese wundersame Erzählung ist ein wichtiger Teil einer tief verwurzelten Religion, zu der sich über 90 Prozent der koptischen Einwohner und Einwohnerinnen von Garbage City mit ganzem Herzen bekennen.

"Ich glaube an das Paradies. Weil ich weiß, dass es wahr ist", meint Agnus, ein junger Kopte. Er gehört zur jungen Generation in Garbage City. "Christen mögen es, zusammenzuleben. Immerhin sind Kopten von Muslimen im öffentlichen Leben total getrennt."

In ganz Garbage City gibt es laut Agnus nur fünf muslimische Familien. Er selbst hatte aber schon einmal geheim eine muslimische Freundin. Agnus, groß gewachsen, schlank und hübsch, wurde in Garbage City geboren und lebt mit seiner sechsköpfigen Familie zusammen. Wenn es die Zeit zulässt, studiert er neben der Arbeit Englisch auf der öffentlichen Universität Kairo. Sein Englisch ist gut, weshalb er als Führer und Übersetzer arbeitet.

Sozialer Aufstieg

Von Montag bis Samstag durchstreifen die Müllsammler die Stadt und suchen Material.
© Foto: Andreas Edler

Youssef ist in seinem Viertel bereits ein gemachter Mann, denn er besitzt mit seinen knapp dreißig Jahren schon seine eigene Recyclingfabrik, verdient genug Geld und hat sich weiter oben am Berghang eine Wohnung gekauft. Er ist höflich und großherzig. Geld für eine Fabriksbesichtigung nimmt er nicht an, sondern gibt es an Agnus weiter. "Ich habe schon genug, ich nehme nichts. Aber Agnus kann es gut brauchen." Beide haben kleine koptische Kreuze auf die Innenseite ihrer Handgelenke tätowiert, deren Ränder schon leicht verschwimmen. Als Babies erhalten die Kopten dieses Zeichen bereits als Symbol für ihren Glauben. Youssefs Kreuz ist von einer kleinen bunten Jungfrau Maria umrahmt.

Youssefs Fabrik besteht, wie alle anderen auch, nur aus ein bis zwei Räumen im Erdgeschoß der Ziegelhäuser und wenigen Maschinen. Der von den Männern aufgesammelte Müll wird hierher gebracht, um von den Frauen und Kindern mehrmals getrennt zu werden, bis sich große Haufen aus Shishaschläuchen, weißen und bunten Plastikflaschen, Milchtüten und Papier auftürmen. Alles wird zerkleinert, gewaschen, noch mal zerkleinert und in Säcke gepackt, um letztendlich an ägyptische und chinesische Firmen für 50 ägyptische Pfund pro Sack (rund fünf Euro) verkauft zu werden. Die stellen daraus billige Plastiksessel her und liefern sie, ganz nach den Regeln der Globalisierung, nach Ägypten.

Nach den Führungen, die sie alle paar Monate geben, unterhalten sich die jungen Kopten noch gerne mit den Touristen. Bei köstlichem Minztee, inmitten der kleinen staubigen Fabrik, wird über Gott und die Welt philosophiert. Dabei geht es nicht um einen netten Smalltalk, sondern vor allem um die Gelegenheit sich kulturell auszutauschen. "Wir sind ein sehr konservatives Volk hier", erzählt Agnus. "Manchmal zu konservativ. Wir dürfen eigentlich nicht mit Frauen reden." Der Kontakt zu Ausländerinnen ist deshalb auch eine seltene Chance über Liebesdinge und Beziehungsmodelle zu sprechen. Die jungen Kopten haben es nicht leicht in ihrem Alltag, zwischen Tradition und Moderne. Immer mehr junge Männer sind untypischerweise mit dreißig noch unverheiratet. Sie wünschen sich eine Freundin, eine Frau, eine glückliche Beziehung, Liebe. Aber wie soll das funktionieren, wenn man vor der Heirat nicht mit einer Frau sprechen darf? Für Frauen gilt dasselbe. "Normalerweise sind unsere Hochzeiten arrangiert. Möchte man die Sache selbst in die Hand nehmen, ist jedes kleine Treffen extrem kompliziert!" meint Agnus. "Dann setze ich mich zum Beispiel in ein Straßencafé und das Mädchen sich in das Café gegenüber und wir werfen uns Blicke zu".

Allerdings hilft heute Facebook sehr, um miteinander in Kontakt zu kommen, was wiederum ein Grund für die ältere Generation ist, Facebook nicht zu mögen. Das soziale Netzwerk wirkt als Kontaktbörse, im Gegensatz zu den Traditionen, die alle Liebesbeziehungen schwierig gestalten. "Wir leben in einer Kultur des Mittleren Ostens. Unsere Leute sind vom Land hierhergezogen. Dort lebt man konservativ", übersetzt Agnus für Youssef. Die Erwartungen sind sehr strikt. Nicht eheliche Beziehungen sind unerwünscht, Ehen mit "Nicht-Kopten" ebenfalls, Heimlichtun ist schwer und in Hotels kann man unverheiratet in Ägypten nicht einmal einchecken.

Zukunftshoffnungen

Es sind die Jungen, wie Youssef und Agnus, und auch immer mehr Frauen, die nach und nach das Viertel verändern. Sie wünschen sich, dass es "leichter geht". Sie wünschen sich weniger als zwölf Stunden Schwerstarbeit, ein Haus, das nicht zugleich der Arbeitsplatz ist, bessere Luft, eine Beziehung und vor allem Respekt.

Man weiß nicht, ob es in Zukunft noch Zabbaleen geben wird. Die Menschen sind auf sich selbst angewiesen, die Stadt unterstützt sie nicht genug. Manche würden gern bleiben und weiter recyceln, aber wer jung ist und sich Bildung leisten kann, verlässt doch das Viertel der Eltern. "Ich bin stolz auf meine Vorfahren, auf meine Geschichte. Aber ich möchte auch ein gutes Leben, mit Bäumen und frischer Luft." erzählt Akram, Agnus’ Freund.

Die Zabbaleen befinden sich in einer prekären Lage, denn, als würde das nicht reichen, sind sie nicht nur enorm harten Arbeits- und Lebensverhältnissen ausgesetzt, sondern auch der Angst vor dem Bulldozer. Als informelle Siedlung ist Garbage City ständig davon bedroht, von der Stadt Kairo legal geschleift zu werden. Die Bewohner wissen, dass sie nur eine Chance auf mehr Rechte und Unterstützung haben, wenn sie sich organisieren. Gleichzeitig würde ein Aufbegehren ein großes Risiko bedeuten, denn sie sind der Willkür der Regierung ausgesetzt. 90.000 Menschen plus etliche Schaf- und Ziegenherden, Taubenschwärme und Schweine wären auf einen Schlag heimatlos. Eine Situation, die nur ein Wahnsinniger heraufbeschwören würde - aber wer weiß schon, welch wahnsinnige Gedanken heute im Chaos des Landes in den Köpfen der Leute vorgehen? "Wir sind Personen, wir sind Menschen. Aber ein hier geborenes Kind hat weniger Rechte, als eines von Maadi oder Zamalek (zwei wohlhabende Viertel von Kairo)", klagt Agnus.

Die sonntägliche Messe gehört auch zum Leben in "Garbage City".
© Foto: Andreas Edler

Mubarak hat den Zabbaleen das Leben tatsächlich nicht leichter gemacht. Ihre Existenz war 2003 massiv durch die Entscheidung der Regierung bedroht, Verträge im Wert von über 50 Millionen US-Dollar an europäische, multinationale Müllfirmen zu vergeben. Und das, obwohl die Zabbaleen bis zu 80 Prozent des gesammelten Mülls recyceln - das ist mehr, als jede europäische Firma zustande bringt.

Einen neuerlichen großen Rückschlag erlitt das Viertel 2009, als das Landwirtschaftsministerium aus Angst vor H1N1-Influenza, alle Schweine in Garbage City töten ließ. Ein Riesenproblem, da das effektive Recycling (und die Tatsache, dass ein Viertel, das sich "Müll"stadt nennt, überraschenderweise kaum stinkt) von den Schweinen abhängt, an die der biologische Abfall verfüttert wird. Mittlerweile, drei Jahre später, gibt es wieder ein paar Schweine. Allerdings nur im Geheimen. Während auf den Dächern der Häuser Ziegen, Schafe und Tauben gehalten werden, müssen die Schweine versteckt in Hinterräumen bleiben.

Denkt man an das rosafarbene, große, laute und viel Platz einnehmende Klischeebild eines europäischen Durchschnittsschweins, stellt man sich das vermutlich sehr schwierig vor. Die Schweine hier sind aber schwarz, sehen richtig süß aus und sind so klein, dass ein einzelner Mann reicht, um sie zum Schlachten auf die Straße zu tragen. Die Vorderpfoten in der einen, die Hinterpfoten in der anderen Hand. Während mancher dieses Ereignis als grausam empfindet, sehen es andere vielleicht als sanfte Art des Schlachtens an. Ein Schwein, das in Garbage City zu alt oder krank ist, stirbt in den Armen seines Besitzers. Mit zwei raschen Schnitten an der Kehle und am Bauch. Jedes Massenhaltungsschwein erleidet einen kälteren Tod. Die Blutlache breitet sich schnell und weit über den erdigen Boden aus und hinterlässt einen dunklen Fleck, wie man sie oft auf den Straßen des Viertels findet.

Kleine Freiräume

Der Alltag ist hier schwierig. Die sechs Arbeitstage sind lang, nur der Sonntag ist frei. Privatsphäre ist ein Privileg, vor den Geschwistern kann man sich nicht einfach ins eigene Zimmer zurückziehen. Wasser- und Stromversorgung funktionieren mehr schlecht als recht, weshalb die morgendliche Dusche und der abendliche Fernsehfilm manchmal ausfallen. Spielplätze, Parks, Restaurants sind nicht vorhanden.

Dennoch schaffen sich die Menschen hier Freiräume, Möglichkeiten zur Kreativität und Spaß. Sie feiern Feste, wie die koptische Hochzeit, wo schon mal eine Seitenstraße blockiert wird, Klapptische und Stühle aufgestellt werden, und eine Bühne aus Kisten und Holzbrettern zur Attraktion des Abends wird. Sie rauchen Shisha in improvisierten Straßencafés oder machen aus der Taubenzucht ein Hobby. Wie Akram so schön meint und einen damit zum Schmunzeln bringt: "Es ist nicht der beste Platz auf der Welt, aber auch nicht der schlechteste." Er mag die Leute, er mag die Freundschaft und das Familiäre. In Garbage City hat er drei der wichtigsten Dinge im Leben, sagt er "Sicherheit, Arbeit und Freunde".

Lisa Grum schreibt momentan an ihrer Masterarbeit in Politikwissenschaft zum Thema "Wohlstand" und hat in Kairo gelebt.
Andreas Edler hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert und lebt als Journalist und freier Fotograf in Wien.