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"Beten und Arbeiten": Über Klöster, die Betriebe sind

Von Alexander Glück

Wirtschaft

Die Braukünste der Mönche sind weithin bekannt. Seit langem ist der beleibte Bruder Gambrinus allerorten zur Metapher bedächtigen Brauens und stärkender Biere geworden, denn schließlich soll es die Fastenzeit gewesen sein, in der die Fratres auf die Idee mit dem nahrhaften Gerstentrank gekommen sein sollen. Das Klischee ist positiv besetzt, denn wer als Gottesdiener Bier braut, kann dabei nichts Böses im Schilde führen. Gleiches gilt für die Produktion von Schnaps, Seife und Medizin: Was aus dem Kloster kommt, scheint noch einen Hauch von Andacht in sich zu tragen und wird von immer mehr Menschen geschätzt.


Und das nicht zuletzt deshalb, weil das Kloster in unserer bewegten Zeit zum Sinnbild von Ruhe, Sorgfalt und Geistigkeit geworden ist - die man diesseits seiner Mauern schon lange schmerzlich vermisst.

So wird die Ringelblumencreme der Franziskanerinnen zu so etwas wie einer Metapher. Über ihre weltliche Zusammenstellung hinaus vermittelt sie dem Anwender ein bisschen Klösterlichkeit, und man stellt sich gerne vor, wie Schwester Philomena in der Abgeschiedenheit ihres Ordens im großen Salbentopf rührt.

Börsenotiert und TV-präsent

Diese Vorstellungswelt ist es, die "Gutes aus Klöstern" (so der Titel eines einschlägigen Versandhandelskatalogs) gegenwärtig hohe Nachfrage beschert. Die Mönche und Nonnen beten nicht nur, sie arbeiten auch; die vielfältigen Produkte dieser Arbeit erfreuen sich steigender Beliebtheit, und unversehens werden aus Gottesmenschen UnternehmerInnen, die sehr genau darauf achten, wie die Geschäfte laufen.

So zeigt etwa das Kloster Andechs, eine alte Benediktinerabtei am Ammersee, vielfältige wirtschaftliche Aktivitäten. Das Kloster ist ein beliebtes Ausflugsziel und bekannt für sein Bier. Im Bayerischen Rundfunk hat es eine Fernsehserie laufen. Und an der Börse ist es mittlerweile auch: Der Umsatz der klösterlichen Aktiengesellschaft betrug im Jahr 2001 immerhin 22 Mill. Euro, und das soll sich noch steigern.

Getreu dem alten Klostermotto "Ora et labora" haben die Klosterbewohner immer einiges dafür getan, dass ihr Alltag produktiv ist. Oft blüht diese Arbeit im Verborgenen, oft werden die hergestellten Sachen im eigenen Klosterladen verkauft und erlangen über die Region hinaus kaum Bekanntheit. Doch im Zuge des anhaltenden Retro- und Wahrhaftigkeitstrends, mit dem industrieverdrossene Teile der urbanen Gesellschaft zurückkehren wollen in bessere Zeiten, werden auch die bislang nur kleinsten Kreisen bekannten Klosterprodukte bekannt gemacht. Einer der Propagandisten dieser Ästhetik, Peter Seewald, ging soweit, Seifen, Salben und anderen Sachen systematisch aufzuspüren.

Das Ergebnis war zunächst ein Ladengeschäft in München, dessen komplettes Programm dann in das Angebot eines im Rheinland situierten Versandhauses der gehobenen Art integriert wurde. Und da finden sich nun etliche Dinge, von deren Existenz man bis jetzt nichts ahnte.

Dieser Aufschwung mönchischen Rezeptwerks kann man jedoch auch historisch erklären. Seit dem sechsten Jahrhundert haben die Klöster ihren Beitrag zur Konsumkultur Europas geleistet, gerade in materieller Hinsicht. Die vielfältigen Arbeiten wurden von den Mönchen und Nonnen immer als eine creatio continua, eine "Fortsetzung der Schöpfung" mit menschlichen Mitteln verstanden. Insbesondere die so entstandenen Bauwerke legen Zeugnis davon ab, wie weit das verständige Nachempfinden einer kaum begreiflichen höheren Ordnung gehen konnte.

"Beten und Arbeiten"

Der Wirkungskreis dieser Menschen bedeckte ganz Europa und beeinflusste auch die jeweilige Umgebung, wobei sich immer wieder regionale Spielarten ausbildeten. Nicht zuletzt diese Regionalität ist es, die Klosterprodukte in einer globalen Einheitswelt ins sanfte Licht der Unverdorbenheit setzt. Das Unzeitgemäße gewinnt so an Attraktivität, die sich nicht aus Verschrobenheit speist, sondern aus dem Willen zur Alternative.

500 Artikel aus 70 Klöstern

"Die Produkte klösterlicher Ökonomien", ist in einem Katalog zu lesen, "liegen also in mancher Hinsicht quer zu den Tendenzen einer reichlich wildgewordenen globalisierten Ökonomie, die alle regionalen Eigenheiten und Traditionen, alle kulturellen und geistigen Rückbindungen im Produzieren und Gebrauchen als lästige und zu beseitigende Schlaglöcher auf dem Highway zu weltweiten Märkten betrachtet." Zu diesen Programmen, die bereits über 500 Artikel aus etwa 70 europäischen Klöstern umfassen, gehören die verschiedensten Sachen, darunter auch Raritäten und kulinarische Kostbarkeiten. Käse und Konfitüre, Seifen, Cremes, Kosmetika, Schokoladen, Weihrauch, Bier und Kerzen, um nur Streiflichter der breiten Palette zu nennen. Kinderspielzeug aus Holz, Mönchssandalen, Tonträger, Salben, Wässerchen, geistige Getränke und geistliche Literatur bieten fast für jeden etwas. Klosterliköre, Melissengeist und das Wundermittel Arcebuse stehen seit je her in hohem Ansehen. Die Rezepte sind meistens uralt und werden als Klosterschatz gehütet.

Die Arbeit ist hocheffizient: Im Kloster Ettal werden beispielsweise gut 10.000 Hektoliter Bier in sechs verschiedenen Sorten gebraut, und zwar von nur sieben Mitarbeitern. Das Kloster Münsterschwarzach bei Würzburg unterhält 20 eigene Betriebe, um (wie alle Klöster) seinen Unterhalt selbst zu sichern. Die Klosterprodukte können jedoch nach Ansicht ihrer Förderer noch mehr vermitteln als etwas Anteil an einer heilen Welt. Oft werden sie in dem Bewusstsein und dem Willen hergestellt, Glauben zu vermitteln. Und man muss kein Kirchgänger sein, um diesen Beiklang zu spüren.

Ein Stück Glauben finden

Eine Welt, die längst ihren Glauben und ihre alten Ideale zugunsten einer immer schnelleren Innovationsachterbahn aufgegeben hat, und in der die Menschen seit etwa 150 Jahren unter den Folgenden industrieller Entfremdung leiden, nimmt die kleine, verborgene Möglichkeit gerne an, durch diese mit Glauben und Wohlgesonnenheit hergestellten Sachen auch ein Stück Glauben wiederzufinden - auch wenn das alles andere als rational gedacht erscheinen mag.

http://www.gutes-aus-kloestern.de

http://www.manufactum.de