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Betonung ist Glückssache

Von David Axmann

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Von Zeit zu Zeit muss man es als kritischer Radiohörer den Gestaltern klassischer Musiksendungen gleichtun - und eine alte Platte auflegen. Der Inhalt der kritischen Hörerplatte: Die Klage über der Sprecher Aussprachemängel. Wer im Radio professionellerweise den Mund aufmachen darf, erhält (wie man hört, oder manchmal eben leider nicht hört) zuvor ja eine Sprechausbildung. Dabei werden wohl auch Fremdwörter und fremdländische Namen zur Sprache kommen. Wahrscheinlich geht es dort aber so ähnlich zu wie in der Schule: Die einen passen auf, die anderen nicht. Und die anderen stehen dann, wenn sie z. B. den Namen der Musikerin Leonskaja aussprechen sollen, vor dem Problem: Wie betont man die Frau richtig?

Neulich war auf Ö1 ein Sprecher zu hören, der versuchte aus seiner Not noch das Beste zu machen: Er betonte Leonskaja erst auf der zweiten, dann auf der dritten Silbe. (Und beim nächsten Mal wird er vielleicht die erste Silbe betonen.) Sich keiner Not bewusst war sich hingegen jener, der die Josef-Strauß-Polka "Ex tempore" ansagte und dabei die Betonung tempóre (also auf der zweiten Silbe) wählte. Das klang so hübsch falsch und so unerwartet komisch, dass man als kritischer Radiohörer sofort an den in der Nachfolge von Morgenstern und Ringelnatz verfassten Vierzeiler denken musste: Zeit, entrückt. / Einsam auf dem Bambusrohre / sitzt ein Eismann, seufzt "Amore", / träumt vom Land der Thermophore, / hebt sein Glas: "Und ex! Tempore!"