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"Betreuung" soll Regime helfen

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Risiko der Manipulation ist bei Bürgerkrieg immer gegeben.


Damaskus. "Die Angaben sind schwer nachzuprüfen, weil Bashar al-Assads Regime den Zugang für Journalisten versperrt." So oder so ähnlich lautete der Zusatz in nahezu jedem Bericht über Syrien, seitdem im März 2011 die Aufstände dort ausbrachen. Für westliche Journalisten blieb das Land verschlossen. Blogs, Videos und Facebook-Einträge von Aktivisten vor Ort waren oft die einzigen Quellen der Berichterstattung. "Weil da von uns keiner hinkommt", wurde als Erklärung für die Kritik an mangelnder Authentizität gegeben.

Seit geraumer Zeit ist das anders. Anscheinend hat die Regierung in Damaskus erkannt, dass von der Verweigerung von Visa für Medienvertreter die andere Seite profitiert. Die von den Rebellen besetzten Grenzübergänge zur Türkei ermöglichen ein Einsickern von Journalisten auch ohne Visum. Als Folge wird nun vermehrt auch offiziell eine Einreiseerlaubnis seitens der syrischen Regierung gewährt. Was die Journalisten zu sehen bekommen und mit wem sie sprechen können, hängt jedoch entscheidend davon ab, ob sie mit einem Staatsvisum einreisen oder illegal über die Grenze kommen.

"Spiegel"-Korrespondent Christoph Reuter hat sich über die Türkei einschleusen lassen und war drei Wochen lang in Zentralsyrien unterwegs, "wo die Dicke des Infernos herrscht und die Städte regelrecht eingeäschert werden". Homs, Idlib, Rastan und auch einzelne Dörfer würden kontinuierlich von Panzern oder Hubschraubern mit Mörsern oder Raketen beschossen, vollkommen ohne jede Unterscheidung, ob es sich dabei um ein Rebellenziel handelt oder ob dort Zivilisten wohnen. "Das ist die Situation in der Mitte des Landes." An den Rändern sei es anders. Auf dem Lande oder in den Dörfern existiere das Regime schon nicht mehr. Die Orte seien entweder freigekämpft oder aufgegeben worden. Die Operationen der regulären syrischen Armee verliefen immer nach demselben Muster: "Erst kommen die Hubschrauber, dann die Panzer, dann die Fußtruppen und schließlich die Plünderer. Hinterher sind 10, 20 oder 40 Leute tot, die Häuser abgebrannt, Teile des Ortes liegen in Trümmern." Dann zögen sich die Truppen wieder zurück, weil sie nicht überall gleichzeitig sein können. Jenseits dieser Angriffe, die apokalyptisch anmuten, hätte der Staat diese Dörfer fast komplett aufgegeben. In manchen Orten funktioniere noch das Mobilfunknetz, in vielen nicht mehr.

Dörfer in Provinz Idlib müssen sich selbst verwalten

Der Vorteil in der Provinz Idlib sei, dass oftmals noch das türkische Mobilfunknetz funktioniere. Ansonsten müssten die Dörfer sich selbst verwalten, ihre eigene Polizei aufstellen, sich selbst um die Lebensmittelversorgung kümmern und eine eigene Rechtsprechung organisieren.

Reuter war überrascht, in Dörfer zu kommen, aus denen das Regime sich vor mehr als zwei Monaten zurückgezogen hatte, und "wie entspannt die Atmosphäre dort war". Dieser Zustand gelte für die gesamte Provinz Idlib, für weite Teile der Provinz Aleppo und für jene Teile der Provinzen Hama und Homs, die von Sunniten bewohnt werden. Das Regime werde von den Rändern her implodieren.

"Sie sind ein Revolutionsromantiker, Herr Reuter", wirft Jürgen Todenhöfer dem "Spiegel"-Korrespondenten in einem Streitgespräch vor. Der Publizist und ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete hatte kürzlich die Gelegenheit, die andere Seite des Bürgerkriegs in Syrien kennenzulernen und ein Interview mit Präsident Assad zu führen. Seitdem kritisiert er die "einseitige Berichterstattung zugunsten der Rebellen" in den Medien. Es gäbe noch genug Unterstützer Assads, die an ihm festhielten. Todenhöfer behauptet, eine Patt-Situation erfahren zu haben. Das Land sei je zur Hälfte gespalten in Assad-Gegner und Befürworter.

Reuter weist den Vorwurf Todenhöfers als absurd zurück, verweist aber auf das Risiko der Manipulation, das bei einem Bürgerkrieg immer gegeben sei. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" räumt der "Spiegel"-Mann, der mittlerweile zum sechsten Mal seit dem Ausbruch der Revolte vor 17 Monaten in Syrien war, jedoch ein, dass es einen erheblichen Unterschied mache, wie man in das Land einreise. Komme man mit einem Staatsvisum, werde man von der Regierung "betreut", dürfe nur in Viertel mit Regime-Anhängern, spreche mit Offiziellen und Offizieren der Staatsarmee. Reise man illegal ins Land, sei es umgekehrt.

Journalisten als Faustpfand gegen die andere Seite

"Man trifft Rebellengruppen, Vertreter der Freien Syrischen Armee (FSA), normale Bürger, die ums Überleben kämpfen und unter dem Krieg leiden", sagt Reuter. Trotzdem könne er Menschenrechtsverletzungen der Rebellengruppen recherchieren, aufdecken, was bei der FSA nicht rund laufe, und viel schneller religiös fundamentalistische oder gar dschihadistische Tendenzen aufdecken als die Kollegen, die mit den Regierungstruppen unterwegs seien. Doch werde es für Journalisten auf beiden Seiten immer gefährlicher, je blutiger die Auseinandersetzungen würden.

Jede Seite neige dazu, Medienvertreter als Faustpfand gegen die andere einzusetzen. Da gerate man schnell zwischen die Fronten. Mit Bürgerkrieg unerfahrene Journalisten würden zuweilen verheizt und als Kanonfutter missbraucht. Auch die Organisation Reporter ohne Grenzen spricht von zunehmender Gefahr für Medienvertreter. Mit zehn toten Journalisten war der Juni bisher der tödlichste Monat, insgesamt sind seit Mai 2011 fast 40 Journalisten ums Leben gekommen.