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Bevor die Blase platzt: Was unbemerkt am Warenkorb vorbeigeht

Von Stefan Melichar

Analysen

Die Ursachenforschung in Zusammenhang mit der internationalen Finanzkrise hat der Debatte rund um die richtige Erfassung der Teuerung neuen Schwung verliehen. Tatsächlich stimmen Experten darin überein, dass die Exzesse am US-Immobilienmarkt - die letztlich die Krise verursacht haben - durch die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank Fed begünstigt worden sind.


Wenn zu viel billiges Geld im Umlauf ist, müsste im Normalfall aber die Inflation in die Höhe schnellen. Wie ist es nun möglich, dass sich auf der einen Seite eine derartige Spekulationsblase bilden konnte, auf der anderen Seite die Alarmglocken der Statistiker jedoch stumm geblieben sind?

Kritiker werfen der US-Politik vor, ihre Inflationszahlen absichtlich nach unten zu drücken. Dies sei durch mehrere Modifikationen bei der Inflationsberechnung möglich, erklärt Joachim Brunner in seinem Buch "Finanzkrise 2008". Die Ermittlung der Inflationsrate mittels eines sogenannten Warenkorbes hält Brunner dabei für besonders anfällig. So fließen hier Preissteigerung nicht unbedingt eins zu eins in die Statistik ein: Mittels sogenannter hedonischer Modelle werden bei einigen Produktgruppen Verteuerungen ignoriert, soweit diese auf eine Qualitätssteigerung des Produkts zurückzuführen sind. Steigt nun zum Beispiel bei einem technischen Gerät der Preis über einen gewissen Zeitraum hinweg langsamer als die Leistung, wird das Produkt für die Statistik automatisch immer billiger.

Darüber hinaus sorgt die sogenannte geometrische Gewichtung dafür, dass höherpreisige Produkte innerhalb des selben Produkttyps bei der Berechnung der Durchschnittspreise weniger ins Gewicht fallen. Hier gehen die Statistiker automatisch von der Annahme aus, dass Konsumenten die Möglichkeit nutzen, auf billigere Produkte auszuweichen, teurere Produkte damit weniger gekauft werden und eine geringere Rolle für die gesamte Inflation spielen.

Geldmenge als Indikator

Brunner hält zwar beide Modifikationsmöglichkeiten "im Prinzip" für berechtigt, nichtsdestoweniger würden sie jedoch zu einer "massiv niedriger ausgewiesenen Inflationsrate" führen. Der Autor verweist auf die Möglichkeit, die Teuerungsrate aus der Geldmenge, die dem Wirtschaftssystem zur Verfügung steht, zu berechnen.

Bei der Geldmenge werden drei Kategorien - M1, M2 und M3 - unterschieden. M1 umfasst Bargeld und täglich fällige Einlagen, M2 zusätzlich noch kurzfristige Spar- und Termineinlagen, M3 darüber hinaus marktfähige Finanzinstrumente, Geldmarktfondsanteile sowie bestimmte Schuldverschreibungen von Finanzinstituten.

In der Theorie errechnet sich die Inflationsrate aus der Differenz von Geldmengen- und Wirtschaftswachstum. Wächst M3 zum Beispiel um 13 Prozent, das nominelle BIP jedoch nur um 4 Prozent, beträgt die Teuerung 9 Prozent. Für die vergangenen Jahre ergibt sich in den USA so eine deutlich stärkere Inflation, als es Warenkorbberechnungen vermuten ließen. Kritiker werfen der Fed vor, seit 2006 die M3-Entwicklung nicht mehr zu publizieren, um eine bedenkliche Geldpolitik zu verschleiern. Wie Schätzungen der Plattform "Shadow Government Statistics" (SGS) zeigen, hätte sich die Blase klar erkennen lassen (siehe Grafik).

In Österreich wendet die Statistik Austria bei der Inflationsberechnung übrigens bei Büchern und Speichermedien ein hedonisches Rechenmodell an. Qualitätssteigerungen bei Autos werden auf Basis verfügbarer Preislisten teilweise herausgerechnet. Das Prinzip der geometrischen Gewichtung hat hierzulande - dem europäischen Standard folgend - 2006 Einzug gehalten.