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Bewacht von Bosniaken

Von Nedad Memic

Wissen
Uniformen der Bosniaken zwischen 1915 und 1918 wurden in der Ausstellung "Die Bosniaken kommen" bei einer Ausstellung der Dolomitenfreunde in Kötschach-Mauthen/Kärnten gezeigt.
© Foto: Dolomitenfreunde

Die multikonfessionellen Regimenter aus Bosnien-Herzegowina gehören zu den spannendsten Kapiteln der k.u.k. Militärgeschichte. Die Bosniaken, wie sie damals genannt wurden, waren ab 1891 auch in Wien stationiert.


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Wien. "Soeben wurden in der Thaliastraße vier Leute arretiert. Voran ging ein Bosniak mit gefälltem Bajonett, hinter ihm ein Offizier, dann zwei Reihen Bosniaken, dann die Arretierten, jeder von zwei Wachleuten flankiert, zum Schluss zwei Reihen Berittene." So berichtet die "Arbeiter-Zeitung" aus Wien am 18. September 1911 über eine Verhaftung in Ottakring. Ein Bataillon des bosnisch-herzegowinischen Regiments Nr. 1 wurde in die Innenstadt und nach Ottakring gesandt, um einen Assistenz-Einsatz bei den Teuerungsunruhen 1911 zu leisten.

"Im Reichsinneren wurden bosnisch-herzegowinische Soldaten ab 1891 stationiert", erklärt Christoph Neumayer, Militärhistoriker und Experte für die bosnisch-herzegowinischen Truppen in der k.u.k. Armee, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Zum einen sollte eine nicht allzu hohe Zahl an bosnischen Soldaten in Bosnien-Herzegowina selbst stationiert werden, denn diese Provinzen waren nicht stabil. Zum anderen sollte bereits damals ein PR-Effekt geschaffen werden: "Man wollte den Einwohnern in den größeren Städten der Monarchie Soldaten aus den neuen Provinzen zeigen, aber auch jungen Männern den Glanz und Standard der Städte in Österreich-Ungarn", so Neumayer.

Mit Fes und Kniebundhosen

In Wien waren die Bosniaken vor allem als Teil der Hofburgwache beziehungsweise vor dem Reichskriegsministerium engagiert. Sie nahmen außerdem an den Frühjahrsparaden auf der Schmelz teil. Die bosnisch-herzegowinischen Soldaten prägten sich im Bewusstsein der Wiener offenbar stark ein - vor allem wegen ihrer charakteristischen Uniformen: mit Fes und Kniebundhosen, die ihnen ein orientalisches Aussehen verliehen. Nicht durchgängig war der Ruf der Bosniaken ein guter: Laut Zeitungsberichten wurde ihnen bei Assistenz-Einsätzen während der Demonstrationen in Graz 1897 und Wien 1911 übertriebene Härte zugeschrieben. Karl Kraus schrieb deswegen sogar von einer "Animosität" der Bosniaken gegenüber anderen Völkern in Österreich. "Während der Unruhen in Graz 1897 wurden Bosniaken gegen die Menge deutscher Demonstranten eingesetzt. Als Folge wetterte die Grazer Bevölkerung gegen diese Fremden", erzählt die Wiener Historikerin Tamara Scheer der "Wiener Zeitung".

Verlässlich und treu

Doch das Bild der bosnisch-herzegowinischen Soldaten änderte sich im Laufe der K.u.k.-Zeit. Dem trug insbesondere ihr Einsatz im Ersten Weltkrieg bei. Die Bosniaken kämpften ab 1914 mehrheitlich an der Ostfront (Galizien), ein kleiner Teil wurde an die serbische Front geschickt. Im späteren Verlauf des Krieges kämpften die bosnisch-herzegowinischen Infanterieregimente an der italienischen Front. "In der österreichischen Historiografie wird den bosnischen Soldaten ein besonderer Stellenwert der Tapferkeit und Verlässlichkeit zugeschrieben. Auch während des Weltkrieges erlangten die Bosniaken bald den Ruf besonderer Tapferkeit", so Neumayer. Dieses Bild der bosnisch-herzegowinischen Soldaten entstand in erster Linie durch ihre militärischen Erfolge an der italienischen Front.

Noch heute wird der Erstürmung des Monte Meletta nahe der norditalienischen Stadt Asiago am 7. Juni 1916 durch das bosnisch-herzegowinische Infanterie-Regiment Nr. 2 am Soldatenfriedhof Lebring bei Graz gedacht. Kein anderes Regiment der k.u.k. Armee wurde so oft militärisch ausgezeichnet wie dieses. Nach diesen "Zweier-Bosniaken" wurde eine Straße in der steirischen Hauptstadt benannt.

Muslime vor Atheisten

Noch ein Aspekt scheint in Bezug auf die Bosniaken interessant zu sein: ihre Multikonfessionalität. Obwohl man heutzutage den Fes und die orientalischen Kniebundhosen am ehesten mit Muslimen assoziiert, machten - zumindest bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs - eigentlich die serbisch-orthodoxen Soldaten den größten Anteil an den bosnisch-herzegowinischen Truppen in der k.u.k. Armee aus (im Jahre 1911 mehr als 24.000 Wehrpflichtige). An zweiter Stelle standen die bosnischen Muslime (heutige Bosniaken) mit mehr als 19.000 Wehrpflichtigen und an dritter die katholischen Kroaten (rund 10.000). Im Laufe des Ersten Weltkriegs verließen jedoch vor allem bosnische Serben die k.u.k. Regimenter, viele von ihnen wurden auch als politische Häftlinge interniert. "Die k.u.k. Armee war eine multiethnische und multireligiöse Armee. Man hat gelernt, mit den diesbezüglichen Herausforderungen - meist erfolgreich - umzugehen", stellt dennoch Neumayer fest.

Religionsausübung war wichtig

Tamara Scheer sieht das ähnlich: "Es gab keine Diskussion in den militärischen Stellen bezüglich Bet- und Essensvorschriften. Es wurde einfach Rücksicht genommen". In der k.u.k. Armee hätten etwa Atheisten mehr Probleme gehabt als Muslime: "Der Kaiser legte viel Wert auf die Religionsausübung", so Scheer. Die k.u.k. Armee hatte sogar im letzten Kriegsjahr 1918 einen Militärmufti. Gegen Ende des Krieges gab es Initiativen an Kaiser Karl, eine Moschee in Wien zu errichten, unter anderem als "Anerkennung an die bosnisch-herzegowinischen Soldaten für die Erfüllung ihrer Kriegspflichten", wie der damalige Abgeordnete Theodor von Liebig in einem Schreiben an den Kaiser ausführte.

Doch dazu kam es nie. Tausende Bosniaken erlebten das Ende des Ersten Weltkriegs als Kriegsverlierer in der italienischen und russischen Gefangenschaft. Insbesondere wegen des russischen Bürgerkriegs gestaltete sich die Rückkehr für viele von ihnen schwer und dauerte oft bis in die frühen 1920er Jahre. Die Bosniaken kämpften für ein untergegangenes Reich, mit dem sich der neu geschaffene jugoslawische Staat ideologisch kaum identifizierte. Die Erinnerungen an den Kriegseinsatz verschwanden allmählich aus dem kollektiven Bewusstsein. Jedoch findet man heute in Bosnien-Herzegowina noch immer viele, deren Großväter oder Urgroßväter für die k.u.k Monarchie kämpften.