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Bewaffnete Wahlverhinderer

Von Veronika Eschbacher aus Donezk

Politik
Umarmung für einen Separatisten in Donezk. Bewaffnete Kräfte verhinderten vielerorts die Wahl.
© reu

In der Ostukraine gelang es den Separatisten, in einigen Orten die Wahl zu torpedieren. | Viele Menschen in der Region fühlen sich ohnehin von Kiew vernachlässigt. Ein Lokalaugenschein.


Donezk. Still ist es an diesem Sonntag in der Donezker Verwaltungsregion. Großstädte wie Dörfer sind wie ausgestorben, es sind kaum Autos oder Menschen unterwegs entlang der blühenden Felder oder sonnendurchfluteten Pappelalleen. An weit voneinander entfernten maroden Busstationen zwischen Orten wie Majorsk, Krasnij Partizan oder Dzerschinskij warten Einheimische oft vergeblich auf eine Verbindung. Wenn sie einen Bus erwischen, der sie holpernd in die nächstgrößere Stadt bringt, fahren sie an bescheidenen, einstöckigen Häuschen mit großen Gärten vorbei, an einzelnen Verkäufern, die Schüsseln mit den ersten Erdbeeren oder Gläser mit Milch am Straßenrand anbieten.

Doch bevor sie ihr Ziel endgültig erreichen, müssen sie erst "Blokposti", Checkpoints, passieren. Die meisten davon wurden von Mitgliedern der selbst ausgerufenen Donezker Volksrepublik errichtet - die sich, geht es nach den Aufständischen, nach ihrem Zusammenschluss mit der Lugansker Volksrepublik am Vortag nun eigentlich bereits Neurussland nennt. Je nach strategischer Wichtigkeit der Stadt, in die die Menschen wollen, stehen Bewaffnete bei den Checkpoints. Und einmal sind sie besser aufgelegt, einmal schlechter.

Am Sonntag - dem Tag der Präsidentenwahl - ist ihre Laune im Keller. Vielleicht liegt das daran, dass die Aufständischen seit mehreren Tagen praktisch im Dauereinsatz sind. In den vergangenen Tagen wurden von Separatisten Wahllokale gestürmt, Wahlhelfer kurzzeitig gefangen genommen und die Bewohner via TV kryptisch darüber "informiert", dass - sollten sie wählen gehen - die Donezker Volksrepublik ihre persönliche Sicherheit nicht gewährleisten könne.

Großes Misstrauen

Die Männer haben ganze Arbeit geleistet. Zwar bestand für Orte, die sich fest im Griff der Aufständischen befinden und deren Bevölkerung ihre Tätigkeit großteils unterstützt - wie etwa Slawjansk oder Horliwka -, ohnehin wenig Hoffnung darauf, dass dort aufgrund der prekären Sicherheitslage durch die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den Separatisten auch nur einige wenige Wahllokale für die Bürger offenstehen würden. Die Rebellen haben aber auch in Nacht- und Nebelaktionen Städte, die bisher unberührt waren, noch wenige Stunden vor den Wahlen unter ihre Kontrolle gebracht. "Was soll das heißen, ob ich mich von den Kämpfern bedroht fühle?", fragt Irina, eine Bewohnerin von Artjomiwsk, einem dieser bisher von den Unruhen und Rebellen praktisch unberührten Städten. "Ich fühle mich endlich beschützt!", sagt sie, und freut sich, dass auch in ihrem Ort seit wenigen Stunden die Stadtadministration von Vertretern der Donezker Volksrepublik besetzt ist und rund um sie Barrikaden errichtet wurden.

Ob es Einheimische waren, die diese errichteten, könne sie nicht sagen. Aber zur Wahl hätte hier ohnehin keiner gehen wollen. "Es gibt nicht einen Kandidaten, dem ich traue." Zudem habe sich ohnehin keiner von ihnen für die Menschen im Donbass interessiert. "Ich habe weder meine Wahlkarte bekommen, noch gab es hier irgendeine Agitation", sagt sie und zeigt auf ein leeres Billboard am Hauptplatz. Dort sei bis vorgestern ein einziges Plakat von Michail Dobkin, dem Kandidaten für die Partei der Regionen, gehangen. "Wir sind denen in Kiew total egal." Daher bete sie jeden Morgen dafür, dass Russland die Region aufnehme. Ihre Freundin Ljudmila kann darüber nur den Kopf schütteln. "Ich habe Angst, genauso wie meine Kinder. Ich will nicht, dass hier Männer mit Automatikwaffen herumlaufen. Die Ukraine muss geeint bleiben", sagt sie leise, aber bestimmt und macht sich ohne Verabschiedung davon.

Unweit von Artjomiwsk, in Nowohorliwka, stehen drei Freunde in der Sonne. "Ljoscha", ruft einer einem Bekannten quer über die Straße zu, "wo rennst du denn so eilig hin? Zu den Wahlen?" Dabei klopft er sich vor Lachen auf die Schenkel. Nein, auch hier hat kein einziges Wahllokal geöffnet - und nein, man hatte ohnehin nicht vor, hinzugehen.

Eine letzte Hoffnung für diejenigen, die an den Wahlen interessiert waren, war der Oligarch Rinat Achmetow, der ungekrönte König des Donbass, für den in der Industrieregion rund 300.000 Menschen arbeiten. Er stellte sich vergangene Woche gegen die Separatisten und rief zum Widerstand auf. Es folgten Berichte, dass Wahllokale in seinen Fabriken und Bergwerken geöffnet würden. Beobachter sprachen davon, dass dies eine Trendwende im Kampf gegen die Separatisten eingeleitet hätte.

Das kostet Sergej ein müdes Lächeln. "Damit hat er gar nichts geschafft. Im Gegenteil: Er hat damit alle hier gegen sich aufgebracht", sagt der 33-jährige Arbeiter in einer der Fabriken des Oligarchen in Jenakiewo. "Er hat doch nur Angst, alles zu verlieren. Für ihn sind wir keine Menschen, nur Vieh." Und davon, dass er in seiner Fabrik heute wählen könne, höre er zum ersten Mal. Sergej hätte sich aber nicht erst seit dessen Verdammung der Rebellen, die er unterstützt, gegen seinen Arbeitgeber gewandt. "Was hat er denn getan? Er hat überhaupt nichts gebaut, er hat sich in den 1990er Jahren doch nur genommen, was eigentlich dem Volk gehört."

Ob sich das Volk nun etwas zurückholt, ist offen. Die Stille in der Region durchbrach am Nachmittag eine Demonstration in Donezk, im Zuge derer eine Gruppe von Befürwortern Neurusslands zu Achmetows Residenz zog, um sie zu stürmen und den "Oligarchen aus dem Donbass zu vertreiben". Zum Sturm kam es vorerst nicht. Zur Belagerung schon.