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Bewährung gerade in harten Zeiten

Von Hermann Sileitsch

Wirtschaft

Kostendruck versus Betreuung: Bewährungshelfer für immer mehr Klienten zuständig. | Neue Aufgaben durch "elektronische Fußfessel" möglich. | Wien. Nicht nur produzierende Betriebe sind hohem Kostendruck und Sparzwängen ausgesetzt - auch Non-Profit- und Sozialarbeitsorganisationen müssen den Gürtel enger schnallen. Eine besonders schwierige Konstellation trifft die Bewährungshilfeorganisation "Neustart". Auf der einen Seite werden ihr immer mehr Klienten zur Begleitung anvertraut, auf der anderen Seite wird das verfügbare Budget, das zu rund 90 Prozent vom Justizministerium stammt, kleiner.


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Wie kommt die Non-Profit-Organisation damit klar? Immerhin ist ihr "Produkt" die Kriminalitätsprävention, die sich durch die intensive Betreuung der Klienten durch Sozialarbeiter ergibt - weshalb die Personalkosten rund 80 Prozent des Budgets ausmachen.

"Kostendruck bei steigenden Leistungsmengen ist für uns nicht neu", sagt Geschäftsführer Wolfgang Hermann zur "Wiener Zeitung". "Wir sind immer schon so aufgestellt, dass wir den maximalen Nutzen mit verfügbaren Mitteln erzielen wollen. Die Anforderungen sind wie in jedem anderen Unternehmen, nur geht es uns nicht um den Gewinn oder die Verzinsung auf das Eigenkapital, sondern um Sachziele: unsere sozio-ökonomische Aufgabe und den größten Nutzen für die Klienten."

Dass dies nicht einfacher wird, liegt allerdings auf der Hand: Seit 1999 sei der Personalstand von 550 Vollzeitäquivalenten um rund 100 Stellen reduziert worden. Früher war gesetzlich festgelegt, dass ein Bewährungshelfer maximal 30 Klienten betreuen darf - diese Zahl wurde vor zwei Jahren auf 35 angehoben. Im Moment betreut ein "Neustart"-Sozialarbeiter bereits 41 Klienten.

Effizientere Betreuung

Ob es 2011 Kündigungen geben muss, ist noch offen. Schon jetzt wurden 56 Stellen nicht nachbesetzt und eingespart. Medienberichte über eine geplante Zusammenlegung von Standorten dementiert Hermann: Es sei lediglich angedacht, dass Einrichtungsleiter künftig für mehrere Bundesländer zuständig sein könnten.

Wie stark die Budgetkürzung ausfällt, ist ebenfalls nicht absehbar. Der Betriebsrat hat bereits vor dem Ministerium gegen die Sparpläne protestiert, Wolfgang will den laufenden Budgetverhandlungen nicht vorgreifen: "Wir sind in aufrechten Gesprächen, haben Ende April unsere Planung und unser Angebot für 2011 bezüglich der Leistungsmengen und Kosten vorgelegt. Jetzt hat das Ministerium bis 15. November Zeit, darauf zu reagieren."

Würde die Sparvorgabe für das Justizministerium von 3,6 Prozent auf "Neustart" zur Gänze umgelegt, müsste die Organisation mit rund 1,5 Millionen Euro Unterfinanzierung fertigwerden, sagt Hermann. Gedämpft werden könnte dies noch durch Neuaufträge aus der elektronischen Überwachung, besser bekannt als "Fußfessel".

Wo es möglich ist, verkleinert "Neustart" das Management und verringert Overhead-Kosten. Bei der Qualität der Betreuung möchte Hermann so wenige Abstriche wie möglich machen. Deshalb werde überprüft, ob mit neuen Methoden - etwa Gruppenarbeit - die für einzelne Klienten verfügbare Zeit effizienter genutzt werden kann. Das Modell der gestuften Betreuung wurde bereits aus Deutschland re-importiert: In Baden-Württemberg ist "Neustart" ebenfalls mit Bewährungshilfe, Gerichtshilfe und Täter-Opfer-Ausgleich beauftragt. Sexual-, Risiko- und Gewalttäter werden dabei intensiver betreut, im Gegenzug können nicht alle Jugendlichen so eng wie bisher begleitet werden. Hauptamtliche Mitarbeiter durch Ehrenamtliche zu ersetzen sei keine Lösung: Diese könnten nicht bei allen schwierigen Klienten eingesetzt werden.

Spenden: PSK 90.101.500 (BLZ 60.000) oder www.meinespende.at

Wissen

Seit der Gründung 1957 hat "Neustart" (ehemals Verein für Bewährungshilfe) 488.500 Menschen betreut. Neben der Straffälligenhilfe betreut "Neustart" in Österreich die Konfliktregelung im außergerichtlichen Tatausgleich (Diversion bzw. Leistung statt Ersatzfreiheitsstrafe) und leistet Aufklärungsarbeit an Schulen. 2009 arbeiteten bei "Neustart" 583 haupt- und 900 ehrenamtliche Mitarbeiter.