Zum Hauptinhalt springen

Bezahlt wird am Ende

Von Harald Waiglein

Analysen

Alan Greenspan dankt als Chef der US-Notenbank ab. | Er hinterläßt gewaltige Ungleichgewichte in der US-Wirtschaft. | Wenn Alan Greenspan heute, Dienstag, nach 18 Jahren an der Spitze der US-Notenbank sein Amt an Ben Bernanke übergibt, geht eine Ära zu Ende.


Wie kein anderer Notenbankchef hat es Greenspan geschafft, schon zu Lebzeiten zu einer Legende zu werden. Er hat den Ruf des Zauberers, der die US- und die Weltwirtschaft gleich bei mehreren Gelegenheiten vor dem Untergang gerettet hat. Kaum vorstellbar, dass 1987, als der damalige Fed-Chef Paul Volcker das Amt an Greenspan übergab, sich viele in den USA fragten, ob der Nachfolger diesem Job tatsächlich gewachsen sei.

Greenspan war einige Zeit davor durch einen peinlichen Fauxpas aufgefallen. Als Chef des Wirtschaftsbeirates des US-Präsidenten (CEA) meinte er 1974, dass die Broker an der Wall Street die größten Leidtragenden der hohen Inflation seien. Er musste sich später dafür entschuldigen und zugestehen, dass Geldentwertung für Arme noch schlimmer ist als für Aktienhändler.

Greenspeak

Greenspan dürfte daraus zwei Lektionen gelernt haben. Lektion 1: Sag niemals etwas Kontroverses. Und 2: Wenn doch, dann drück Dich am besten so unklar wie möglich aus ein Motto, dass er als Notenbankchef immer beherzigte. Greenspan konnte die seine Person betreffenden Bedenken rasch zerstreuen: Im Oktober 1987 sorgte er nach einem Börsencrash dafür, dass die Märkte durch Zinssenkungen wieder Liquidität erhielten. 1998 rettete er den Long-Term-Capital-Management-Fonds vor dem Zusammenbruch und ersparte den USA damit eine Finanzkrise. Zuletzt war Greenspan nach dem Platzen der Börsen-Spekulationsblase im Jahr 2001 mit mehreren Zinssenkungen zur Stelle. Diese dämpften den unausweichlichen Konjunktureinbruch weitgehend ab.

Die Frage ist nur: um welchen Preis? Volkswirtschaften haben die Eigenheit, dass sich Ungleichgewichte früher oder später ausgleichen müssen. Greenspans Zinspolitik rettete zwar die Wirtschaft kurzfristig vor einer tiefen Rezession. Gleichzeitig sind die Ungleichgewichte größer geworden. Das US-Leistungsbilanzdefizit liegt bei über 6 Prozent (ein Wert, der bisher in jedem anderen Industrieland zu einer Krise geführt hat), die privaten Haushalte geben um 4 Prozent mehr aus, als sie verdienen, und die Spekulationsblase ist von den Aktienin die Immobilienmärkte weitergewandert.

Diese Ungleichgewichte müssen sich früher oder später ausgleichen. Es gibt dafür nur drei Möglichkeiten. Erstens: der Wechselkurs des Dollar bricht ein. Zweitens: das Wirtschaftswachstum in den USA bricht ein. Oder drittens: eine Kombination aus beidem. Erst wenn das passiert, kann man eine endgültige Bilanz der Ära Greenspan ziehen. Denn erst dann wird klar, was sie gekostet hat.