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Bhuttos Witwer klarer Favorit

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Asif Ali Zardari steht im Zwielicht. | "Akuter Mangel an Strom und ehrlichen Politikern." | Lahore. "Wegen akutem Mangel an ehrlichen Politikern und Elektrizität wurde das Licht am Ende des Tunnels ausgeschaltet", lautet ein spöttisches SMS , das in Pakistan in diesen Tagen die Runde macht. Am Samstag soll das Land einen neuen Präsidenten bekommen, die Stelle ist nach dem Rückzug von Ex-General Pervez Musharraf frei. Doch die allermeisten Pakistanis haben andere Sorgen.


Mehl ist knapp, der Strom fällt stundenlang aus, sogar das Wasser bleibt manchmal weg, weil die Pumpen ohne Elektrizität nicht arbeiten. Fast täglich verüben Selbstmordattentäter neue Anschläge. Die Armee bombardiert im Nordwesten des Landes ganze Landstriche, um Al-Kaidas Top-Terroristen aus ihrem Versteck zu treiben. Die Bevölkerung dort ist auf der Flucht.

Beobachter gehen davon aus, dass der nächste Präsident der atomar bewaffneten islamischen Republik Asif Ali Zardari heißen wird. Der Ehemann der im Dezember bei einem Anschlag getöteten Politikerin Benazir Bhutto hat binnen acht Monaten eine Blitzkarriere hingelegt, die niemand erwartet hat. Dem Witwer, der wegen Korruptionsvorwürfen den Spitznamen "Mr. 10 Percent" erhalten hat, hängt in Pakistan ein zwielichtiger Ruf an. Er soll über 200 ärztliche Atteste haben, die ihm Depression, Demenz und andere schwere psychische Störungen bescheinigen. Dennoch ist Zardari der Top-Favorit für das höchsten Posten im Nuklearstaat Pakistan.

Während Zardari zielsicher auf das Präsidentenamt zusteuert, steht sein früherer Koalitionspartner, Nawaz Sharif, nur elf Tage nach dem Bruch der Regierung schon mit einem Bein im Gefängnis. Korruptionsermittlungen gegen ihn sind wieder aufgenommen worden. Sharif genießt weit mehr Popularität als Zardari. Doch das schützt ihn nicht vor der Justiz.

Zardari wird als Präsident von Musharraf einige alten Privilegien erben, die ihm das Leben im Präsidentenpalast erleichtern werden. Er darf das Parlament auflösen, die demokratisch gewählte Regierung nach Hause schicken und dann sogar allein regieren. Zwar hat die PPP versprochen, die diktatorischen Vollmachten des Amtes abzuschaffen, doch konkrete Schritte blieben bislang aus.

Zardari wird immun

Und noch einen Vorteil bietet das neue Amt: Zardari ist immun gegen Strafverfolgung. Musharraf hatte ihm zugesichert, dass die alten Verfahren gegen ihn nicht wieder aufgerollt werden. Doch diese Garantie ist nichts mehr Wert. Die Präsidentschaft bietet neue Sicherheit. Der 53-Jährige hat insgesamt elf Jahre im Gefängnis gesessen, rechtskräftig verurteilt wurde er nie. Psychiatrische Gutachten dienten Zardari dazu, bei verschiedenen Gerichten innerhalb und außerhalb Pakistans Anklagen gegen sich zu verzögern. Zardari hatte nur drei Tage nach dem Tode seiner Frau deren Pakistanische Volkspartei (PPP) überraschend übernommen, als diese noch unter Schock stand. Geschickt bootete er danach seinen politischen Rivalen Sharif aus. Bei den Parlamentswahl am 18. Februar hatte die PPP unter Führung von Zardari und die PML-N unter Leitung von Sharif einen klaren Triumph über die Musharraf nahestehende Regierungspartei errungen. Zardari und Sharif feierten ihren Sieg als "Rache der Demokratie". Doch die neue politische Partnerschaft zwischen den früheren Feinden war schon nach wenigen Wochen zerbrochen. Die neue Regierung in Islamabad stritt um die Macht, statt zu regieren. Solange es Zardari opportun war, schlug er gemeinsam mit Sharif gegen Musharraf, kaum war dieser weg, düpierte er den Partner und kürte sich selbst zum Kandidaten für den Präsidentenposten.

Anklage gegen Gegner?

Sharif hat sich nun auf die Oppositionsbank zurückgezogen und spekuliert auf Neuwahlen. Sein Anti-USA-Kurs trifft bei der Bevölkerung auf viel Sympathien. Ihm wird zudem hoch angerechnet, dass er es war, der mit seiner harten Anti-Musharraf-Kampagne den Ex-General am 18. August zum Rücktritt gezwungen hat. Für die Präsidentenwahl hat die Sharif-Partei als Gegenkandidaten zu Zardari einen früheren Verfassungsrichter und prominenten Musharraf-Gegner aufgestellt: den Juristen Saeduzaman Siddiqui.

Doch das politische Comeback Sharifs könnte schwierig werden, wenn die Ermittler Sharif wieder anklagen würden. Der zweimalige Premierminister Pakistans hält kein politisches Amt, das ihn vor der Justiz schützen würde.

Manche Beobachter glauben, dass Zardari Sharif ins Exil treiben will, um nach Musharraf auch den letzten politischen Rivalen loszuwerden. Sharif hat bereits zehn Jahre im Exil in Saudiarabien zugebracht. Erst Ende November des vergangenen Jahres ist er wieder in seine Heimat zurückgekehrt.

Doch in Pakistans Geschichte hat noch nie eine zivile Regierung gegen den Willen des mächtigen Militärapparates regiert. Unklar ist, wie die Armee unter ihrem Chef Asfaq Kayani mit Zardari klarkommt, wenn dieser Präsident werden sollte.