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Biedermänner und Söhne

Von Bülent Kacan

Gastkommentare
Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen).

Gegen Rassismus helfen keine permanent eingeredeten Schuldgefühle, sondern mediale Aufklärungsarbeit und soziale Gerechtigkeit.


Wenn eine Million Flüchtlinge ausschlaggebend dafür sind, dass die Rechtspopulisten in Deutschland von nicht geringen Teilen der Bevölkerung, wie bei den jüngsten Landtagswahlen, enormen Zuspruch erhalten, so zeigt dieser Umstand doch nur, dass der Rassismus hierzulande latent immer schon vorhanden war - es brauchte bloß den passenden Aufhänger, damit er in der sogenannten Mitte der Gesellschaft salonfähig werden konnte. Was geschähe, wenn die Zahl der Flüchtlinge, wie unlängst in der Türkei, auf zwei oder drei Millionen Schutzbedürftige ansteigen würde? Käme es zu Pogromen gegen Muslime in Ost und West? Eine, wenn man so will, Republikkristallnacht, bei der Moscheen systematisch in Flammen aufgingen?

Tatsächlich zeigen die Ereignisse der vergangenen Wochen, dass unter dem hauchdünnen Firnis des zivilisatorischen Fortschritts die Elementarkräfte der Barbarei, zu denen der Hass auf die sogenannten Fremden, das totalitäre Denken sowie die autoritäre Persönlichkeit zählen, nach neuen Ausbruchswegen mit denselben destruktiven Zielen suchen, die da heißen: ethnisch-kulturelle Homogenisierung einer Bevölkerung, die unlängst eine zur Realität gewordene heterogene Vielfalt lebt, welche unmöglich rückgängig gemacht werden kann, möchte man dieser nicht kollektiv Gewalt antun.

Und doch fragt sich das politisch-kulturelle Establishment: "Wie kann dies sein, nach 1945? Haben wir denn nicht dazugelernt?" Und es will nicht begreifen, dass der Rassismus nach 1945 lediglich in einer allzu durchsichtig-undurchsichtigen Flasche mit der Aufschrift "Bundesrepublik Deutschland" unter Verschluss gehalten wurde. Die in der mentalen Textur großer Bevölkerungskreise wirkenden und nachwirkenden vormodernen Stereotype wurden nie wirklich aufgearbeitet, geschweige denn verarbeitet. Über Jahrzehnte wurden großen Bevölkerungskreisen unter dem Diktat "Ihr seid die Täter und werdet es auch bleiben!" permanente Schuldgefühle und also Minderwertigkeitskomplexe eingeredet. Das bundesrepublikanische Credo "Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein!" galt lange Zeit als Ausdruck einer moralisch integeren Persönlichkeit. Moralinsaure Bekenntnisse dieser Art wurden nicht selten von öffentlich zur Schau gestellten Selbstkasteiungen begleitet, bei denen man reumütig zu erkennen gab, dass die Überzeugung "Nie wieder!" auf zittrigen Beinen stand.

Nun bahnen sich diese Komplexe insbesondere in Krisenzeiten ihren Weg, und es ist beliebe nicht das sogenannte asoziale Pack, es sind auch die etablierten Biedermänner in Ost und West, die tonangebenden Wölfe in blütenweißen Schafspelzen, die progammatisch Hetze betreiben in einer Zeit, in der der Hass auf Menschen - in der Tat verstecken sich hinter den sterilen Begriffen Fremder/Flüchtling leibhaftige Menschen - Hochkonjunktur hat.

Was aber tun? Man muss das Übel an der Wurzel packen - durch Bildung, mediale Aufklärungsarbeit und soziale Gerechtigkeit, anders wird es nicht funktionieren.

Den Medien fällt im Prozess der Zivilisierung des Noch-nicht-Zivilisierten eine ungeheure Verantwortung zu. Hoffen wir, dass diese Verantwortung nicht ins Ungeheuerliche wächst.

Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen).