Zum Hauptinhalt springen

Bierlis und gepflegte Herrenräuscherl

Von Werner Grotte

Wissen

Abhängigkeit ist kein Randproblem. | Hunderttausende süchtig nach Alkohol und Nikotin. | Neue Therapien sollen auf Verbote verzichten. | Wien. Wenn am Stammtisch der Begriff "Sucht" fällt, sind meist blutige Spritzen oder "Hasch-Zigaretten" die gängige Assoziation. Dass hunderttausende Österreicher tatsächlich ein Suchtproblem haben, allerdings nach ganz legalen Substanzen, wollen nur wenige realisieren, weil längst selbst betroffen.


Wie ernst die Lage ist und was man dagegen unternehmen kann, klären Experten aus Österreich und Deutschland seit gestern, Freitag, bei einem zweitägigen "Suchtkongress" im Wiener Palais Ferstel.

Die Zahlen sprechen für sich: 1,6 Millionen Österreicher rauchen, rund 330.000 gelten als alkoholkrank, gut 120.000 als medikamentensüchtig - die Konsumenten illegaler Drogen werden auf knapp 30.000 geschätzt. Genaue Zahlen über die von all diesen Stoffen ausgelösten Todesfälle gibt es aufgrund uneinheitlicher Mess-Systeme nicht - aber sie gehen jährlich in die Zigtausende. Selbst bei den sogenannten "Drogentoten", die an illegalen Substanzen sterben, ist in fast allen Fällen Mischkonsum (mit Alkohol) Todesursache.

Bezug zu Jugendstudie

"Das Schlimme ist das kaum vorhandene Problembewusstsein in weiten Bevölkerungsteilen. Bierli und gepflegtes Herrenräuscherl gelten nach wie vor als gute Freunde und gesellschaftsfähig", betont Kongress-Initiator Michael Musalek, seit 2004 Leiter des Anton Proksch Institutes (API). Dass der Kongress fast zeitgleich mit der Veröffentlichung jener beängstigenden Studie stattfindet, die Österreichs Jugendliche zu den ungesündesten der Welt reiht, sei laut Musalek "nicht geplant gewesen, aber auch kein Zufall".

Die 330.000 offiziellen Alkoholiker seien ja nur die Spitze des Eisberges; "dazu kommt noch eine vielfache Zahl Gefährdeter, deren Trinkgewohnheiten schon problematisch sind. Viele von denen haben Kinder, die sich bei Papa und Mama abschauen, wie viel Gspritzte man beim Fernsehen verträgt", beschreibt der Psychiater die Praxis.

Die Studie sei ja nicht die erste ihrer Art mit solchen Ergebnissen, "und es ist egal, ob wir die Erst- oder Fünft-Ungesundesten sind - tatsächlich ist Österreich leider immer im Negativ-Spitzenfeld zu finden, und da sollten alle Verantwortlichen dringend etwas tun".

Das haben auch die Therapie-Anbieter tun müssen: Bei der Präsentation des "Orpheus"-Programmes im Vorjahr bekannte sich Musalek klar zum viel beachteten Paradigmenwechsel, der erstmals nicht mehr die totale Abstinenz, sondern das "erfüllte Leben" und damit den Menschen als Ganzes in den Mittelpunkt einer erfolgreichen Therapie stellt.

Angesichts ebenfalls stark zunehmender "nicht substanzgebundener Süchte" (bis zu 60.000 Österreicher gelten als pathologisch spielsüchtig, dazu kommt eine steigende Zahl Internet-, Computer- und Kauf-Süchtiger) werde man "mit Verboten in der Therapie nicht mehr weiterkommen, denn Verbote sind reine Symptombehandlung", so Musalek.

"Verbote helfen nichts"

Natürlich gebe es Menschen, die die innere Härte aufbrächten und sich die Sucht dauerhaft versagen, aber das sei eine Minderheit. Entsprechend hoch waren bisher die Rückfallsquoten bei klassischen Therapiemodellen - oft jenseits der 80 Prozent.

Um diese Quote umzudrehen, sei es von entscheidender Wichtigkeit, Patienten für eine weiterführende Behandlung zu gewinnen. "Mit dem Entzug allein ist noch nichts geschafft, weil der stellt ja nur den Körper wieder auf Null, damit er halbwegs funktioniert". Sucht sei in der Regel auf ein schweres inneres Manko zurückzuführen, das durch die jeweilige Substanz bekämpft werden soll. So würden gerade Alkohol oder Opiate gern und häufig als eine Art "Selbsttherapie" eingesetzt - mit den bekannten Folgen.

Denn hinter der fröhlichen Feier-Fassade lauere früher oder später das Gespenst der Abhängigkeit. So gilt ein Alkohol-Entzug unter Fachleuten in seiner Intensität als durchaus vergleichbar mit einem "Heroin-Kracher". Nimmt man die organischen Folgeschäden, so gelten Alkohol und Nikotin - nicht nur aufgrund ihrer viel weiteren Verbreitung - als weitaus gefährlicher. Immerhin werden reine Opiate seit nunmehr 20 Jahren mit Erfolg als Substitution für Ex-Heroinsüchtige eingesetzt.

"Ohne den Missbrauch illegaler Drogen kleinreden zu wollen, aber wenn wir von Sucht sprechen, müssen wir das Kind schon beim Namen nennen, und der heißt eben in 90 Prozent der Fälle nicht Heroin oder Kokain, sondern Alkohol und Nikotin", betont der Primarius. Eltern, Schule, Medien und Politik seien gefordert, dies endlich im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.