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Big Brother für alle, jederzeit und überall - sogar im Schlaf

Von Eva Stanzl

Wissen

Zusammenarbeit als Schlüssel: Mehr Satelliten ermöglichen präzisere Ortung.


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Wien. Mit Hilfe von Satelliten können Menschen künftig punktgenau geortet werden. Wenn sich etwa ein Waldarbeiter zwei Stunden lang nicht bewegt, sendet sein Navi automatisch einen Hilferuf samt der zuletzt registrierten Koordinaten an eine Boden-Zentrale. Ein Kommando springt auf den Plan, um den vermeintlich Verunfallten zu suchen, selbst wenn dieser einfach nur blaumacht und sich sonnt.

In dieser Eigenschaft unterscheidet sich Galileo, das erste unabhängige Ortungs- und Navigationssystem Europas, zwar kaum von anderen Satelliten-Navigationssystemen der Welt. Seine Stärke besteht vielmehr darin, dass Galileo im Vollausbau ab 2019 die bestehenden Systeme GPS, Glosnass und Compass (siehe Artikel links) um 30 Satelliten bereichern wird. Damit werden insgesamt an die 100 Satelliten am Himmel sein, was eine präzise Ortung von Individuen, Fahrzeugen, Schiffen und Flugzeugen fast bis in jedem Winkel der Erde ermöglichen wird. "In der Zusammenarbeit liegt der Schlüssel", betont Robert Weber von Institut für Geodäsie der Technischen Universität (TU) Wien: "Damit eine Ortung überhaupt stattfinden kann, müssen mindestens vier Satelliten in der Nähe sein. Der Vorteil des ersten zivilen Systems sind seine trickreichen Signale, wodurch es besser als andere im Stadtgebiet funktioniert."

Grundsätzlich bietet Galileo einer Einzelperson, die mit dem Navi in ihrem Auto sitzt, nur die Möglichkeit, Signale vom Satelliten im All zu empfangen und sich selbst auf fünf bis zehn Meter genau zu positionieren. Zur Messung sendet der Satellit Signale aus. Das Navi misst die Zeit, die Signale brauchen, um es zu erreichen, und errechnet so die Position. Wenn die Person aber mit ihrem Navi ein Signal an eine Bodenstation zurückmeldet, die ihrerseits Signale vom Satelliten empfängt, wird die Messung schon viel genauer. Der stationäre Satelliten-Empfänger, der seine eigene Position bereits kennt, korrigiert die Signale des Navigationsgeräts und präzisiert so seine Position auf ein paar Dezimeter genau. Auf Wunsch kann das Navi auch zurückmelden, wo sich sein Inhaber zu jeder Zeit und bei jedem Wetter befindet - also eine lückenlose Routenkarte seiner Bewegungen und Aufenthalte erstellen. Immerhin existieren derzeit bereits 130 Bodenstationen in Österreich, die eine hochpräzise Ortung ermöglichen.

Nicht ganz abwegig ist aber auch, dass Bewegungsprofile selbst dann gespeichert werden, wenn der Nutzer das nicht unbedingt will, etwa bei Mautsystemen, die die Abrechnung der gefahrenen Kilometer über das Handy durchführen. Oder indem satellitenbasierte Dienste Geschwindigkeitsübertretungen automatisch auf den Meter genau festmachen. Verkehrssünder wären wohl vor den Kopf gestoßen, wenn sie bei jeder Strafe eine andere Summe bezahlen müssten.

Viele Möglichkeiten

Big Brother für alle, jederzeit und überall - sogar im Schlaf? "Das kann man so sagen. Aber das ist bereits möglich mit Handys, die GPS haben. Der Unterschied liegt wohl nur in der Genauigkeit. Beim Mobiltelefon ist eine Ortung auf 50 bis 100 Meter möglich", sagt Harald Schuh, Leiter des Instituts für Geodäsie der TU: "Allerdings kann man ja auch hier die Ortung ausschalten."

Obwohl Galileo im ersten Ausbaustadium von 18 Satelliten bis 2014 zunächst nur Positionierungen vornehmen können soll ohne die Dezimeter-genaue Ortung, ist die Liste potenzieller Anwendungen schon jetzt lang. Denn nicht nur Frächter und Taxiunternehmen wollen wissen, wo ihre Laster und Fahrer sind. Sondern die weltweite Satellitennavigation soll auch Verkehrsführung, Kontrolle des Schienen- und Flugverkehrs und der Landwirtschaft, Vermessungstechnik und Such- und Rettungsdienste verfeinern.

Dienste auf der Basis gesammelter Satelliten-Signale könnten Echtzeit-Informationsquellen für Verkehrsteilnehmer sein, indem sie Staus vorab melden und die Routen der Fahrer umplanen. Andere könnten über nahe Geschäfte oder Restaurants Aufschluss geben - inklusive passender Werbeeinschaltungen. "Die Ausprägungen hängen davon ab, welche Geräte die Benutzer verwenden und welche Funktionen sie einschalten", betont Elisabeth Fischer von der Österreichischen Agentur für Luft- und Raumfahrt.

Könnte die Genauigkeit des europäischen zivilen Systems militärische Navigationssysteme stören? Immerhin dezimierte das US-Militär im Golfkrieg GPS für zivile Nutzer, um militärische Operationen nicht zu stören. "Abgesehen davon, dass solche Praktiken mittlerweile verboten sind, stören wir niemanden, denn wir senden mit unseren eigenen Satelliten", sagt Weber: "Das wichtige ist, dass wir unabhängig sind. Sollten die USA GPS abdrehen, funktionieren unsere Computer-Rechner noch immer.