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Big Business in den Krämerläden

Von Gerhard Lechner

Wirtschaft
No plastic money: Gold und Silber als Anlage. Foto: Lechner

Gold- und Silbermünzen als krisen- sichere Vorsorge. | In Deutschland größte Nachfrage. | Wien. Das Geschäft von Harald Mayer mutet nicht gerade wie ein Businessplatz für Investoren an: der Standort des Wiener Münzhändlers ist die Opernpassage. Zwischen Drogenabhängigen, Touristen, einer Bäckerei und einer U-Bahn-Station liegt der Handelsplatz des Steirers - ein Krämerladen für Liebhaber: Von alten Münzen und Banknoten aus der Zeit des Kaiserreichs und der Inflation in den 20ern - heute sind die ehemals auf die Straße geworfenen Scheine 90 Euro wert - bis zu historischen Ansichtskarten, Comics und Kuriositäten wie einem Geldspielautomaten reicht das Sortiment.


Schilling für Euro

Auf seiner Homepage findet sich freilich auch folgender Punkt: "Silberanleger!!!!!!!!" Klickt man den auffälligen Verweis an, stehen alte Schillingmünzen aus der Zeit vor 1970 zum Verkauf, etwa "100 Stück Zehn Schilling Silber für 216 Euro". Die hier anbeißen sollen, sind keine Liebhaber altösterreichischer Münzkultur, sondern Investoren in Edelmetalle. Das Geschäft ist freilich nicht ganz einfach: "Die Gewinnspannen sind gering, weil die Kurse ständig schwanken. Es kommt auch vor, dass man Verluste macht", so Harald Mayer. Das Hauptgeschäft macht der Münzhändler ohnehin mit den Liebhabern: Die "sammeln alles", wie ein zufällig anwesender älterer Herr bestätigt, der schon 50 Jahre lang Münzen aller Kontinente sammelt, dazu historische Gulden, Kreuzer und Taler.

Dennoch: Das Geschäft mit den Anlegern, denen es nur um den Wert des Metalls geht, boomt: "Seit etwa zwei Jahren kaufen die Leute vermehrt Silbermünzen. Wenn jemand einen Bausparvertrag ausbezahlt bekommt, legt er es oft in Silber an - als Wertsicherung, wegen der Inflation", meint Mayer. Den Banken misstraut er ohnehin, und der Goldpreis werde künstlich gedrückt.

Auch Norbert Künstner, dessen Geschäft in der Gumpendorfer Straße liegt, schwört auf die nicht nur physische Haltbarkeit der Metalle: "Gold und Silber haben alle Krisen durchgestanden, nach 1945 haben die Menschen mit alten Silbermünzen bezahlt." Was für manche wie eine historische Sentimentalität nach Großmutters Rezept klingen mag, wäre da nicht Künstners Versicherung, besonders "Leute aus gehobenen Positionen" würden "viel anlegen" - physisch, in Münzform. "Seit etwa 3 bis 4 Jahren ist ein starkes Interesse für Gold und Silber zu verzeichnen, Silberbarren sind sofort weg", so der Münzhändler. Neuprägungen ohne Sammlerwert oder die erwähnten Silberschillinge gingen gut. Aber auch Norbert Künstner lebt hauptsächlich von den Sammlern.

"Deutsche aufgeweckt"

Das müsste nicht sein, ist Walter K. Eichelburg überzeugt: Der Gründer des "Hartgeld Club Wien" gilt in der Szene als "Goldpapst", aber auch als Kassandra. Seine Website hartgeld.com, die es seit Sommer 2006 gibt, wird mittlerweile etwa eine Million mal pro Monat angeklickt.

Eichelburg schwört auf Gold und Silber als "Rettungsboote" bei einem zu erwartenden Crash des "Papiergeldsystems", wie er es nennt: "Für ein Kilo Gold wird man einmal eine Firma kaufen können", so der ehemalige Netzwerktechniker. Die Deutschen seien die Aufgewecktesten, meint er: "50 Prozent der Weltproduktion an neuen Silbermünzen gehen nach Deutschland. Dort ist man durch die durchwachsene Wirtschaftslage für derartige Investments offen." Und die österreichischen Münzhändler? "Österreich hat eine besondere Münzkultur, das ist ein Vorteil. Die alten Schillinge eignen sich auch gut für Investoren. Aber die Münzhändler leben vor allem von Numismatikern und wissen im Grunde nicht, was sie verkaufen: Rettungsboote", so der Crashtheoretiker: "Die kleinen Händler machen wenig Werbung, haben wenig Eigenkapital, betreiben keine Kundenbindung."

Gute Anlageform

Es geht auch anders: Marie-Luise Kronwitter kann vom Münzhandel leben. Auch deshalb, weil die Deutsche von Käufern aus dem nahen Österreich profitiert: "Die Mehrwertsteuer ist in Österreich ja viel höher, beträgt bei uns nur sieben Prozent", meint die Straubingerin. Viele kämen aus Innsbruck oder Vorarlberg, um die Ware abzuholen, aber man verschicke auch über den Zusteller DHL.

Früher führte auch sie eher einen Krämerladen, einer der Distributoren überredete sie aber zum Einstieg in größerem Stil: "Es läuft extrem gut", meint Kronwitter: "Erstmal sind die Münzen eine Wertsicherung. Und außerdem eine gute Anlage mit hohen Zinsen."

Wie sie wirbt auch Hubert Roos von "Silvi Or" aus Würzburg auf der Homepage Eichelburgs. Der Markt, so der Franke, brauche eine standardisierte, systematische Alternative zu den klassischen Anlageklassen wie Aktien, Immobilien oder festverzinslichen Wertpapieren: "Münze soundso, das ist Liebhaberei. Der Münzhandel ist ein Investmentgeschäft. Die Frage lautet nicht, welche Münze ich habe, sondern zum Beispiel: Habe ich zehn Gramm Gold? Es geht einfach um den Schutz großer Werte, um Vermögensschutz in nennenswertem Stil." Aufgrund enger Gewinnspannen müsse man mit großen Volumina agieren, so Roos: "Bei entsprechender technischer Ausstattung, professionellem Marketing, einer schlanken Geschäftsstruktur und guter Marktkenntnis sind gute Geschäfte möglich." Er selbst lebt vom Münzhandel.

Von solchen Visionen ist man in der Opernpassage weit entfernt. Kleinvieh, die Laufkundschaft also, macht allerdings auch Mist: Eine ältere Dame verkauft Harald Mayer einige Münzen. "Die Alten geben ihre Münzen her, sie wollen das Leben eben genießen", sagt er.

Und wer kauft Münzen? "Vor allem die Mittelklasse. Die Jungen machen gar nix", meint er. Außer die eher traurigen Gestalten des Karlsplatzes: Freundlich und geduldig bedient Mayer einen jungen Mann, der sich kaum artikulieren kann: Eine silberne Kette will er versetzen. Und wofür? Der Mann hat einen Prospekt mitgebracht: Ein 500 Euro teures Handy möchte er sich leisten. Die Kappe ins Gesicht gezogen, murmelt er etwas über die Features und Funktionen des Gerätes. Von Eichelburgs "Rettungsbooten" hat er noch nichts gehört.