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Bilanz der Papstreise: Harmonischer, als man vorher erwarten durfte

Von Heiner Boberski

Analysen

Die Statue von Benedikt XV., dem Friedenspapst zur Zeit des Ersten Weltkriegs, blickte auf Benedikt XVI., als dieser am letzten Tag seiner Türkei-Visite Friedenstauben aus dem Hof vor der katholischen Heilig-Geist-Kathedrale in Istanbul aufsteigen ließ. Das Bemühen um Frieden und Versöhnung prägte diese Papstreise, die man zu Beginn mit dem Betreten eines Minenfeldes verglichen hatte.


Doch die Begeisterung für den Papst in der Mehrzahl der türkischen Medien nahm von Tag zu Tag zu. Dessen islamkritische Worte von Regensburg schienen am Ende fast vergessen, zumindest aber wettgemacht. Mit klug gewählten Worten und Gesten gelang es Benedikt XVI., zumindest das Verhältnis zu den gemäßigten Muslimen in der Türkei zu entkrampfen. Nur eine kleine Minderheit agitierte gegen den Papstbesuch.

Dass sich der Pontifex in Ephesus mit der türkischen Fahne zeigte und die türkische Sprache verwendete, brachte ihm Pluspunkte ein. Und dass er die Blaue Moschee besuchte und dort mit nach islamischer Sitte überkreuzten Händen mit dem Mufti gen Mekka schaute und betete - nach Vatikan-Lesart: meditierte -, ließ sogar einen türkischen Kolumnisten witzeln: "Hätte der Besuch noch ein, zwei Tage länger gedauert, wäre der Papst wohl noch zum islamischen Glauben übergetreten."

Im Atmosphärischen verlief der Papstbesuch weit harmonischer, als man vorher erwarten durfte. Während es dem Papst gelang, Tauwetter zwischen ihm und den Muslimen herbeizuführen, brach gleichzeitig zwischen der EU und den Türken ein frostiges Klima herein. Da kam es dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan, der entgegen seinen ersten Absichten Benedikt XVI. doch persönlich empfing, sehr gelegen, auf gute Wünsche des Papstes für einen türkischen EU-Beitritt verweisen zu können.

Dass dazu nicht nur Atmosphärisches, sondern auch Substanzielles passieren muss - vor allem wahre Religionsfreiheit mit entsprechenden Rechten für die christlichen Minderheiten in der Türkei -, hat der Papst nicht verschwiegen, es ging aber in den vielen Reden über Dialog, Frieden und gegenseitige Wertschätzung unter. Wie auch der ursprüngliche Hauptzweck der Reise nach der Regensburger Rede und ihren Folgen - vor allem dem gebannten Blick auf eine mögliche Konfrontation zwischen Christen und Muslimen oder auf ein Attentat auf den Papst - an den Rang gedrängt wurde: der Besuch beim Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., um die Annäherung zwischen Katholiken und Orthodoxen voranzutreiben.

In ihrer gemeinsamen Erklärung haben Papst und Patriarch "den großen Tag der Wiederherstellung der vollkommenen Einheit" angesprochen, Benedikt XVI. hat auch vom "Skandal" der Kirchenspaltung gesprochen. Es wird noch großer Mühen bedürfen, um diesen Skandal ganz aus der Welt zu schaffen. Auch dazu ist nicht nur Atmosphärisches, sondern auch Substanzielles nötig.