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Bild mit Makeln

Von WZ-Korrespondentin Veronika Eschbacher

Wirtschaft

Laut US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump stand es selten schlimmer um die US-Wirtschaft. Aber stimmt das?


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Los Angeles. Es gibt dieses eine Wort, das Donald Trump in seinen Wahlkampfreden immer wieder verwendet: Desaster. Aleppo sei ein Desaster, Obamacare ebenso, die offenen Grenzen sowieso. Das allergrößte Desaster jedoch sei der Zustand der US-Wirtschaft. Amerikanische Firmen würden abwandern, gut bezahlte Jobs zur Mangelware werden und die Industrie sterben. Mit noch größerem Nachdruck bringt Trump das Wirtschaftsdesaster zur Sprache, wenn seine Kampagne in einem Swing State des "Rust Belt" Station macht, also der ältesten und größten Industrieregion im Nordosten der USA. Vor allem Bergbau- und Industriearbeiter in Pennsylvania und Ohio klagen über den Tribut, den der Strukturwandel infolge der Globalisierung fordert: hohe Arbeitslosigkeit, niedriges Realeinkommen, düstere Zukunftsaussichten.

Ein differenzierteres Bild bieten Wirtschaftsexperten. Sie können mit der Schwarzmalerei wenig anfangen, wie etwa Gary Burtless von der Washingtoner Denkfabrik Brookings. Die USA hätten mit aktuell 0,3 Prozent eine niedrige Inflation. Die Arbeitslosenrate fiel seit 2009 von zehn auf heute fünf Prozent; der Rückgang sei real, durch keine statistischen Änderungen geschönt und der Wert auch an OECD-Standards gemessen "sehr gut". Als ebenfalls "sehr gut" stuft der Ökonom die stabile Zunahme der Beschäftigung ein: Seit mehr als sechs Jahren steigt die Zahl der Personen in Arbeitsverhältnissen zwischen 150.000 und 220.000 Menschen monatlich. Zudem ist das Pro-Kopf-Einkommen in den USA heute höher als vor der Rezession, das kann nicht jedes OECD-Land von sich behaupten. "Das ist wohl auch gut", sagt Burtless.

Wenn es um das Wirtschaftswachstum insgesamt geht, komme es darauf an, womit man vergleicht. "Nehmen wir unsere eigene Wirtschaftsgeschichte zum Vergleich, waren die vergangenen acht Jahre wachstumsmäßig sehr schwach", sagt der Ökonom. Das Durchschnittswachstum in den USA zwischen 1948 und der ersten Hälfte 2016 betrug 3,21 Prozent; der Rekordwert von plus 13,4 Prozent wurde im vierten Quartal 1950 erreicht. Das Rekordnegativwachstum in diesem Zeitraum liegt hingegen weniger weit zurück: zweites Quartal 2009 mit minus 4,1 Prozent. Das BIP-Wachstum für das dritte Quartal 2016 legte auf das Jahr hochgerechnet um 2,9 Prozent zu. Gravierender sei jedoch, dass das Wachstum in der Zeit nach der "Great Recession", wie die Amerikaner die Jahre nach der Finanzkrise 2007/8 nennen, weniger schnell war als in früheren Erholungsphasen. In den sechs Jahren bis 2015 wuchs das BIP im Schnitt nur um 2,1 Prozent. "Also nicht so großartig", kommentiert Burtless. Daraus resultiere, dass das Wachstum der Einkommen im historischen Vergleich langsamer war: "Eine Quelle für Unzufriedenheit für viele Menschen."

"Gesundung" seit der Rezession

Im Vergleich zu anderen reichen Staaten sähen die USA dennoch ziemlich gesund aus. Und die "Gesundung" seit der Rezession schließe fast alle Sektoren und Bundesstaaten ein. Einen großen Boom erfuhren die Bundesstaaten in der Mitte Amerikas, von Texas im Süden bis North Dakota im Norden, dank des Schieferöl- und Schiefergasbooms. "Seit die Energiepreise ab Mitte 2014 um die Hälfte bis teilweise auf ein Drittel fielen, gibt es bei der Gas-, Öl- und Kohleförderung Rückgänge. Den Bereich Exploration traf es aber am härtesten", sagt Burtless.

Kalifornien habe sich erholt - im August wurden 42 Prozent der neuen Arbeitsplätze in den USA im Golden State geschaffen -, genauso wie die von der Rezession am schlimmsten getroffenen Bundesstaaten Florida, Arizona und Nevada, wo die Häuserpreise wieder auf das Niveau von 2008 anzogen. Städte wie New York oder San Francisco würden boomen. Bleiben jene Gebiete, die sehr stark mit China im Wettbewerb stehen, wie North Carolina, South Carolina und Georgia - also Regionen, in denen niedrig bezahlte Jobs in der verarbeitenden Industrie 2007 noch sehr wichtig waren, "aber auch sie sind zurückgekommen", sagt Burtless.

Durch das "gemischte Bild", wie der Wirtschaftsexperte die gesamtwirtschaftliche Situation beschreibt, ergeben sich für die nächste Administration Handlungsfelder. Die zu langsam steigenden Realeinkommen hängen mit der nachlassenden Produktivität der US-Wirtschaft zusammen. Laut dem US Bureau of Labor Statistics stieg die Produktivität pro Stunde von 2010 bis 2015 lediglich um ein Prozent - der langsamste Anstieg seit dem Zweiten Weltkrieg. Können Arbeiter nicht mehr pro Stunde produzieren, erhalten sie auch keinen höheren Lohn.

Notenbank Fed hält still

Auch die Innovationskraft lässt nach. Technologie-Start-ups wie Uber, Airbnb und Snapchat sind zwar in den Medien präsent, neue Unternehmen sind heute aber rarer. Die Masse der US-Start-ups sind zudem keine "Unicorns" - also Unternehmen, die mit über einer Milliarde Dollar bewertet sind -, sondern kleine Restaurants, Gärtnereien und Autowerkstätten. 2015 lag die Zahl der Neugründungen mit 670.000 unter der im Krisenjahr 2008 mit 678.095 Unternehmen.

Still hielt vor der Präsidentschaftswahl hingegen die US-Notenbank Fed: Sie hat ihren Leitzins wie erwartet nicht verändert. Die Fed-Funds-Rate liege weiter in einer Spanne zwischen 0,25 und 0,50 Prozent, teilten die Währungshüter am Mittwoch mit. Die Finanzmärkte hatten überwiegend mit dieser Entscheidung gerechnet. Damit ließen die Währungshüter zum siebten Mal in Folge den Zins unangetastet.