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Bildungsferne ein wenig ferner

Von Christian Rösner

Politik

Zwischenbilanz zu "Qualifikationsplan Wien 2020": Immer mehr holen Lehrabschluss nach, immer weniger brechen Schule ab.


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Wien. "Haben 2009 noch 11,9 Prozent vorzeitig die Schule verlassen, waren es 2015 nur noch 10,2 Prozent. Das sind zwar immer noch viele, aber die Richtung stimmt", erklärte Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner (SPÖ) am Montag. Auch die Zahl jener Wienerinnen und Wiener, die einen Lehrabschluss nachholen, steige leicht an: Waren es 2011 noch 1734 Menschen, betrug die Zahl im vergangenen Jahr bereits 2129. "Das bedeutet, der Qualifikationsplan wirkt", betonte die Stadträtin am Rande eines Gipfelgespräches mit Sozialminister Alois Stöger (SPÖ), Bildungsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), Präsident der Wiener Arbeiterkammer Rudi Kaske und der Präsident der Industriellenvereinigung, Wolfgang Hesoun.

Die Zwischenbilanz der Initiative, die 2013 gestartet wurde, ergab weiters, dass die Zahl der Jugendlichen, die das Bildungssystem nach der Schulpflicht verlassen haben, seit 2008/2009 von 9 Prozent auf 8,4 Prozent in den Jahren 2013/2014 gesunken ist. Und dass der Anteil der Lehrlinge, die nach Ende der Lehrzeit einen positiven Abschluss erzielen konnten, von 82,6 Prozent im Jahr 2011 auf 85,4 Prozent im Jahr 2014 gesteigert werden konnte.

Gebetsmühlenartig wiederholten alle Gipfelteilnehmer die große Bedeutung von Bildung und Ausbildung für den Arbeitsmarkt - und dass mehr als die Hälfte derer, die in Wien arbeitslos sind, nur einen Pflichtschulabschluss haben. Oder: Von jenen, die höchstens einen Pflichtschulabschluss haben, seien 38,5 Prozent arbeitslos - und allein ein Lehrabschluss senkt diese Zahl auf 13,5 Prozent, erläuterte Brauner.

Die nun vorliegende Zwischenbilanz zeige nicht nur, dass die Zahl der Bildungsabbrecher gesenkt werden konnte, "es ist uns gelungen, einen Trend umzukehren", betonte Sandra Frauenberger. Ziel müsse sein, dass Jugendliche ihre Bildungsziele erreichen können und nicht nur ihre Schulpflicht absitzen. Voraussetzung dafür ist für die SPÖ-Politikerin "ein modernes Bildungssystem, das Chancengleichheit herstellt - also die gemeinsame Schule der 6- bis 14-Jährigen". Und diese Möglichkeit müsse laut Frauenberger allen Jugendlichen offenstehen - auch Asylwerbern und Asylberechtigten, die nicht mehr schulpflichtig sind. Aus diesem Grund habe man auch Anfang September das Jugendcollege für Flüchtlinge in Wien eröffnet.

Kritisch gegenüber der bundesweiten Integrationspolitik äußerte sich AK-Präsident Rudolf Kaske, der in diesem Zusammenhang von "Zögern, Zaudern und Blockaden" sprach. Ausgerechnet Integrationsminister Sebastian Kurz wolle nichts von der "early intervention"-Strategie nach Wiener Vorbild wissen, meinte Kaske. Und es sei für ihn nicht nachvollziehbar, dass jugendliche Asylwerber von der Ausbildungspflicht ausgeschlossen sind. "Es bringt überhaupt nichts, wenn Jugendliche zum Nichtstun verurteilt werden", betonte Kaske.

Nur drei von zehn mit Weiterbildung

Er nutzte die Gelegenheit, mehr Ausbildungsförderung einzufordern: Nur drei von zehn Arbeitnehmern erfahren laut Kaske im Berufsleben eine Weiterbildung. Frauen und ältere Arbeitnehmer seien überhaupt von Weiterbildungsmaßnahmen ausgeschlossen. Das müsse sich ändern.

Wie Kaske forderte im Übrigen auch IV-Präsident Wolfgang Hesoun die Ausweitung des Qualifikationsplans auf "2030 oder 2040" - "denn 2020 ist schon sehr bald", so Hesoun. Er zeigte sich überzeugt, dass noch mehr Anstrengungen unternommen werden müssten, um die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen für technische und naturwissenschaftliche Themen noch stärker als bisher zu wecken. Acht von zehn Industrieunternehmen in Österreich hätten Rekrutierungsprobleme in Zukunftsbereichen wie Technik, Produktion oder Forschung und Entwicklung, da nicht ausreichend technisch ausgebildete Bewerberinnen und Bewerber zur Verfügung stehen würden, so Hesoun. Als Best-practice-Beispiel nannte der IV-Präsident das Projekt der sogenannten zehn Zukunftsschulen in Wien - eine Kooperation zwischen Stadtschulrat und der Industriellenvereinigung Wien. Das Projekt umfasst unter anderem Fortbildungsseminare für Lehrer, um ihnen ein vertieftes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln. Es gibt Exkursionen in Wiener Betriebe, um den Schülern die Herausforderungen verschiedener Industrie- und Wirtschaftsbereiche näherzubringen.

50.000 Arbeitsplätze mit 250.000 Euro Förderung

"Wenn man mit einem Pflichtschulabschluss keinen Arbeitsplatz mehr bekommt, dann herrscht Handlungsbedarf", meinte wiederum Minister Stöger und verwies auf die zusätzlichen 200 Millionen Euro, die im Rahmen der Budgetverhandlungen für den Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt wurden. Außerdem sichere die Wiedereinführung des Fachkräftestipendiums 6500 Menschen die finanzielle Existenz für die kommenden zwei Jahre.

Auch Stöger nutzte abseits des Qualifikationsthemas die Gelegenheit, um einmal mehr seiner Forderung nach einem kommunalen Investitionsprogramm im Gesamtumfang von bis zu 750 Millionen Euro Ausdruck zu verleihen. Die Investition sollte für die Modernisierung der Infrastruktur in Gemeinden zur Verfügung stehen - mit einem maximal förderbaren Anteil von 25 Prozent. Stögers Rechnung lautet: 3000 Gemeinden investieren je eine Million Euro, 250.000 werden vom Investitionsprogramm getragen, macht 750 Millionen Euro aus - die am Ende für rund 50.000 Arbeitsplätze sorgen sollen.