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Bildungsministerium prüft Präsenzpflicht in Schulen

Von Christina Sauprigl

Politik

Viele Fragen zum Schulbesuch im kommenden Schuljahr sind noch offen - auch jene, ob bei hohen Infektionszahlen sorgenvolle Eltern ihre Kinder aus der Schule nehmen können.


Flächendeckende Schulschließungen und Schichtunterricht sind für Heinz Faßmann (ÖVP) keine Option mehr. In der Vorwoche präsentierte der Bildungsminister das Sicherheitskonzept und sorgte gleichzeitig dafür, dass das Thema Schule wieder stärker in den Fokus der öffentlichen Debatte rückte. In der Wiener Bildungsdirektion schlägt sie laut einem Sprecher aber noch nicht auf. Dabei ist noch vieles im Detail unklar geblieben. Daher erwartet man in den Bildungsdirektionen erst nach Erlass der neuen Verordnung des Bildungsministeriums konkrete Nachfragen zu den Tests, dem Einsatz von Luftfiltern und zur Präsenzpflicht.

In den vergangenen Semestern konnten Schüler unter gewissen Umständen und nach Vorlage eines ärztlichen Attests vom Präsenzunterricht freigestellt werden. Das heißt, sie mussten nicht vor Ort am Unterricht teilnehmen. Für sie gab es die Möglichkeit, den Unterrichtsstoff in Form von Arbeitspaketen von zuhause aus zu erlernen - wenn nicht ohnehin die Schulen geschlossen waren. Das war in Zeiten hoher Inzidenz meist der Fall. Geht es nach der Bundesregierung, soll das öffentliche Leben, darunter die Schulen, aber selbst bei hohen Fallzahlen nicht mehr heruntergefahren werden. Relevant ist für sie nur die Auslastung der Spitäler.

Die Delta-Variante trifft derzeit aber primär Kinder und Jugendliche, da diese im Vergleich zur Gesamtbevölkerung noch wenig geimpft sind. Für Kinder unter 12 Jahren steht noch gar kein Impfstoff zur Verfügung. Im Juni gab laut Zahlen des Austrian Corona Panels der Uni Wien mehr als die Hälfte der befragten Eltern mit minderjährigen Kindern an, diese nicht impfen lassen zu wollen. Regelmäßige, flächendeckende Tests wie bisher wird es im Herbst aber nicht mehr geben, was Michael Wagner, Mikrobiologe an der Universität Wien, kritisierte. Und auch bei manchen Eltern Beunruhigung auslöste.

Ob die Präsenzpflicht generell aufgehoben wird, ist noch offen. Die Verordnung mit allen Details wird im Bildungsministerium zurzeit aber erst ausgearbeitet und dürfte erst kurz vor Schulbeginn erlassen werden. Bisher war "ortsungebundener Unterricht", wie es in der Covid-19-Schulverordnung heißt, für Schülerinnen und Schüler möglich, die entweder selbst einer Risikogruppe angehören, mit einer Risikoperson im selben Haushalt wohnen oder für die "steigende Infektionszahlen eine besondere psychische Belastung darstellen". Für Eltern in Sorge bot der letzte Ausnahmegrund für den Präsenzunterricht einen gewissen Spielraum. Mit Ende des Schuljahres trat der gesamte Paragraf außer Kraft, wie er künftig formuliert sein wird, konnte man im Bildungsministerium noch nicht sagen.

Kaum hybrider Unterricht

Die Qualität der Betreuung jener Schülerinnen und Schüler, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen sei stark vom Schulstandort und den jeweiligen Lehrerinnen und Lehrern abhängig, sagt Evelyn Kometter, die Vorsitzende des Dachverbands der Elternverbände der Pflichtschulen Österreichs. Die Lernpakete müssten von den Schülern oft gemeinsam mit den Eltern erarbeitet werden, es gäbe aber auch viele gute Pädagoginnen und Pädagogen, die sich selbst in ihrer Freizeit um jene Schüler, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen können, kümmern. Um diese zu entlasten, fordert Kometter pro Schulstandort Ansprechpersonen für betroffene Eltern.

Im vergangenen Schuljahr fand der Unterricht an manchen Schulstandorten auch hybrid statt. Das bedeutet, dass abwechselnd ein Teil der Klasse vor Ort am Unterricht teilnahm und der andere Teil der Schüler den Unterricht von zuhause aus verfolgte. Für einzelne Schüler sei das dem Bildungsministerium zufolge aber nicht denkbar. In den vergangenen Monaten zeigte sich, dass dieses Konzept in vielen Schulen nicht umsetzbar ist. Oft scheiterte es an der technischen Infrastruktur. Diese kritisiert auch Kometter: Man sei "sehr hinten nach" und die Infrastruktur an österreichischen Schulen entspräche nicht "dem, was gebraucht wird". Viele Schulen hätten nicht einmal eine Webseite. Auch an der Bereitstellung von WLAN an Schulen und Endgeräten für Schüler und Lehrer würde es oft scheitern.

Arbeitspakete für Abwesende

Aber auch dort, wo es keine hybride Lehre gibt, ist eine Betreuung durch die Lehrerinnen und Lehrer für jene vorgesehen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Schule sein können, zum Beispiel durch Arbeitspakete, die den Kindern geschickt werden. Die Leistungsbeurteilung erfolgt dann in Form einer Feststellungsprüfung am Ende des Schuljahres. Das ist der Unterschied zu Kindern im häuslichen Unterricht, die von der Schule abgemeldet wurden. Für diese gibt es keine zuständige Schule, keine Lehrer, am Ende des Schuljahres müssen diese eine Externistenprüfung ablegen. Die Zahl der Abmeldungen dürfte sich in diesem Jahr mehr als verdoppeln. Die Bildungsdirektionen wissen zwar wenig über die Beweggründe, vermutet wird jedoch, dass die Abmeldungen mit der Angst vor einer Test- oder Impfpflicht zusammenhängen, weniger mit der Sorge vor einer Infektion der Kinder.

Ist ein Kind einmal infiziert, muss die Bildungseinrichtung über das positive Testergebnis informiert werden und das Kind - ebenso wie die Personen, die im selben Haushalt leben - 14 Tage in Heimquarantäne verbringen. Das betrifft auch die Klassenkollegen. In diesem Zeitraum können die Kinder naturgemäß nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, selbst wenn sie nicht selbst erkrankt sind. Geimpfte und genesene Mitschüler und Lehrer haben dabei einen Vorteil: Sie werden als Kontaktperson der Kategorie II eingestuft, müssen sich nicht isolieren und können im Präsenzunterricht verbleiben.