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Bildungsreise ins schwarze Land

Von Brigitte Pechar

Politik

Nahaufnahme des Bezirks Bruck/Leitha. | SPÖ will Zahl der Jugendarbeitslosigkeit halbieren. | Bruck/Leitha. Es ist einer der ärmsten Bezirke Österreichs, den sich SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer am Montag, diesem - laut Wetterbericht - "trüben Herbsttag mit lichten Momenten", für seine "Startklar"-Tour ausgesucht hat. Der Bezirk Bruck an der Leitha ist - wie fast alle Bezirke in Niederösterreich schwarz dominiert mit einigen roten Einsprengseln wie die Bezirkshauptstadt.


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Erste Station ist um 9.30 Uhr das AMS in Bruck/Leitha, wo Gusenbauer von der Landtagsabgeordneten und Brucker Bürgermeisterin Christa Vladyka empfangen wird. Sofort wird er mit den Problemen des Bezirks konfrontiert: Von 40.600 Einwohnern sind 19.000 Arbeitnehmer, zwei Drittel von ihnen pendeln aus.

Im Bezirk fehle es an Betriebsansiedlungen, beklagt Vladyka. Die 921 Betriebe beschäftigen 6.624 Menschen, es gibt keine Großbetriebe. Hinzu kommt die unmittelbare Nachbarschaft zum Ziel 1-Gebiet Burgenland und zur Slowakei.

Gusenbauer tröstet, die Ziel 1-Förderung werde ja demnächst auslaufen. Er präsentiert sein Konzept, die Gemeinden, die einst die größten Infrastrukturinvestitionsträger waren, wieder zu stärken. Und er verspricht, in einer Legislaturperiode die Jugendarbeitslosigkeit zu halbieren und Lehrlingsstiftungen, "die von dieser unseligen Regierung abgeschafft wurden", wieder einzurichten.

Zweite Station ist die NÖ Gebietskrankenkasse, Bezirksstelle Bruck. Der SPÖ-Chef nutzt die Gelegenheit, die Schwerarbeiterregelung zu zerpflücken. Diese sei ein Pfusch und werde nie halten: "Wenn jemand 45 Jahre lang gearbeitet hat, hat er sich auch eine anständige Pension verdient."

Weiter geht es zur Sparkasse. In der Kassenhalle kommt eine Frau auf Gusenbauer zu: Sie bekomme nur 407 Euro Invaliditätspension. Gemeinsam mit ihrem Mann hätten sie ein Haushaltseinkommen von 1200 Euro, weshalb sie keine Ausgleichszulage erhalte. "Aber wie sollen wir davon leben?" Der SPÖ-Vorsitzende erweckt keine falschen Hoffnungen. Er hört sich die Sorgen an. Schon das sei wichtig, meint er.

Im Gasthaus zum Fidi in Wolfsthal erwartet Gusenbauer ein klares Heimspiel. Dort trifft er 63 Pensionistinnen und Pensionisten zu einem Mittagessen. Dass der nächste Bundeskanzler Alfred Gusenbauer heißt, steht hier fest: "Er ist viel besser als im Fernsehen. Wir werden ihm die Daumen halten", meint Christa Hartl. Ihr Mann, Bruno Hartl, hat schon einen Platz für das Foto mit der Unterschrift des Parteivorsitzenden: Die Kabine der Sportfreunde Berg, deren Obmann er ist.

Zum Nachtisch misst sich Gusenbauer im Schnapsen mit den Senioren: Nur eine Partie gewinnt er. "Harte Bandagen", seien das. Die einzigen an diesem Tag, an dem ihm von allen Seiten nur "Freundschaft" zugerufen wird.

Ist es nicht anstrengend, alle 121 Bezirke Österreichs abzuklappern? "Natürlich, aber ich mach´s gern", sagt Gusenbauer, der bereits beim 82. Bezirk angelangt ist. In der Opposition könne man sich noch zwei Tage in der Woche Zeit nehmen, um hinauszufahren und sich die realen Lebenssituationen der Menschen anzuschauen. "Für mich ist das wie eine Bildungsreise."

Die Nähe macht einen Besuch der Grenzstation Berg unumgänglich. Dort wird bei Kaffe und Kuchen über Schengenausgleichsmaßnahmen diskutiert.

Zur Auflockerung hat die örtliche Parteiorganisation ihrem Chef eine Tischtennis-Exhibition mit der TT-Jugend in Bruck verordnet. Das Nachwuchstalent Lukas Bäcker (15) bestätigt Gusenbauer ein "patzen Service".

Selbst der Betriebsbesuch bei Mück Kunststofftechnik GmbH - 5,5 Millionen Euro Umsatz mit 38 Mitarbeitern in Götzendorf und 20 in Tschechien - beschert dem SPÖ-Vorsitzenden einen unerwarteten Heimvorteil. Seniorchef Alfred Mück, der die Firma 1946 gegründet hat: "Wenn Sie nicht Bundeskanzler werden, ist die Partei schuld, nicht Sie."

In Sommerrein, das seit den 50er Jahren sozialdemokratisch verwaltet wird, applaudieren Gusenbauer 250 Menschen in der neuen Veranstaltungshalle zu. Nach der Rede "unseres Bundeskanzlers", wie Vladyka ihn vorstellte, noch ein geselliges Beisammensein mit Würsteln und Wein. Ein Gruß zum Abschied: "Freunde, wir gehens wieder an!" Und heim geht es nach Wien, wo um 21 Uhr ein "relativ kurzer Arbeitstag für meine Begriffe" beendet wird.