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Bildungsstandards als Gegenmittel

Von Brigitte Pechar

Politik

Schmied will den Lehrerberuf für Quereinsteiger öffnen. | "Jedes Kind, das in Österreich in die Schule geht, muss Deutsch können." | Qualitätsgüte- siegel für Nachmittagsbetreuung. | "Wiener Zeitung": Österreichs Schulen liegen im Argen. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man die internationalen Studien betrachtet: Durchschnitt bei Pisa (Sekundarstufe I), mittelmäßig bei Timss (Volksschulen), weniger dramatisch zeichnete die Situation Pirls (Lesetest). Was ist los?


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Claudia Schmied: Wir haben mit den Tests eine sehr gute Prüfungsarchitektur, die Analysen und Vergleichsmöglichkeiten bietet. Österreichs Schulen sind durchschnittlich. Ich bin aber dagegen, die Schuldfrage zu stellen. Vielmehr müssen wir ein Bündel von Maßnahmen ergreifen. Die Regierung hat der Bildungspolitik einen zentralen Stellenwert eingeräumt - nach dem Motto "Der Wohlstand Österreichs wird im Klassenzimmer entschieden". Bereits im Juni und Juli haben wir mit dem Beschluss für kleinere Klassen, der Lehre mit Matura, der Verlängerung und Ausweitung der Deutschförderkurse und den Bildungsstandards eine wesentliche Weichenstellung gesetzt.

Die Bildungsstandards sind im Wesentlichen ausgearbeitet und beschlossen, aber wann werden sie wirksam?

Unsere Schulen sind sehr input- aber wenig output-orientiert. Die Bildungsstandards sind erstmals ein wesentliches Instrument zur objektivierten Überprüfung der Schulqualität. Ab 2009 gibt es an den Schulen Tests, ab 2012/13 werden die Bildungsstandards flächendeckend eingesetzt. Mit ihnen wird in der vierten Klasse Volksschule und der vierten Klasse Hauptschule beziehungsweise AHS mittels Tests überprüft, was die Kinder und Jugendlichen in Deutsch, Mathematik, und Englisch können. Das bewirkt einen Paradigmenwechsel an unseren Schulen.

Es heißt, dass gewisse Testergebnisse nur intern verwendet werden sollen und die Lehrer sich wehren, daran gemessen zu werden. Wird es eine Evaluierung geben?

Es gibt mehr als 200 Pilotschulen, an denen die Bildungsstandards erprobt werden. Ich gehe davon aus, dass sich die Lehrer austauschen und besprechen, was man besser machen kann, was man tun kann, um Spitzenleistungen zu erzielen.

Timss zeigt auch, dass es regionale Unterschiede gibt, obwohl doch alle Volksschullehrer gleich ausgebildet sind und es sich um Gesamtschulen handelt.

Die Lehrer sind die Schlüsselpersonen. Wir müssen sie daher entsprechend ausbilden und ihnen das nötige Rüstzeug mitgeben. Die Fortbildung der Lehrer soll künftig unter Einbeziehung der Schulleitung am Schulstandort und nicht irgendwo erfolgen. Denn: Eine Schule zu leiten heißt auch, Verantwortung zu übernehmen.

Damit sind wir bei der Lehrerausbildung. Sie haben mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn bereits im Sommer über eine gemeinsame Lehrerausbildung verhandelt. Ab wann soll diese kommen und wo soll sie stattfinden?

Ich werde mit Minister Hahn gemeinsam im Jänner Experten nominieren, die bis Ende 2009 ein Konzept vorlegen werden. Motto: Lasst die Experten arbeiten.

Wichtig sind mir drei Dinge: Erstens muss es Aufnahmeverfahren für angehende Pädagogen geben. Es muss die Eignung gewährleistet sein, das ist im Interesse der Betroffenen. Die Universität Innsbruck arbeitet mit einer Studieneingangsphase. Da werden Studierende schon am Anfang an die Schulen geschickt. So können sie selbst überprüfen, ob sie tatsächlich mit Kindern arbeiten wollen. Zweitens muss die Durchlässigkeit gewährleistet sein. Bei uns ist man einmal Kindergartenpädagogin immer Kindergartenpädagogin, dasselbe gilt für Volksschullehrer.

Drittens werden wir ab 2013 durch Pensionierungen einen enormen Bedarf an Lehrern haben. Ich bin dafür, dass an den Schulen auch Quereisteiger eingesetzt werden. Es kann ja sein, dass sich jemand erst später zum Lehrerberuf berufen fühlt. Diese Menschen sollen die Möglichkeit zu einer berufsbegleitenden Ausbildung erhalten. Es würde auch der Schule gut tun, wenn mehr Menschen dort tätig sind, die eine andere Arbeitswelt kennen. Auch für die Integration wäre es gut, qualifizierte Persönlichkeiten mit Migrationshintergrund an die Schulen zu holen, die dort auch eine Role-Model-Funktion erfüllen könnten.

Der Integration in Österreich wird durch die Vergleichstests von Pisa bis Timss kein gutes Zeugnis ausgestellt. Kinder mit Migrationshintergrund schneiden besonders schlecht ab, auch jene der zweiten Generation.

Deshalb ist ein verpflichtendes Kindergartenjahr wichtig. Jedes Kind, das in Österreich in die Schule geht, muss Deutsch können.

Ab wann soll denn das verpflichtende Kindergartenjahr kommen?

Ein Pilotjahr wird es bei gutem Willen aller Beteiligten 2009/10 geben. Im Bundesbudget sind dafür 70 Millionen Euro vorgesehen, die man den Ländern zur Verfügung stellen kann. Denn Kindergärten sind ja Landessache. Ich werde bis Juni 2009 einen Bildungsplan für dieses Kindergartenjahr vorlegen, der sehr kindgerecht sein wird.

Die Eltern haben große Schwierigkeiten nach dem Wechsel in die Sekundarstufe I, Job und Kind zu vereinbaren. Während die Nachmittagsbetreuung für Volksschüler noch halbwegs funktioniert, ist diese ab 10 nicht mehr ausreichend. Seit Jahren werden mehr Ganztagsschulen versprochen.

Sehr viele Schulen sind für eine Tagesbetreuung nicht geeignet. Wir brauchen daher einen Schub an baulichen Maßnahmen. 1,7 Milliarden sind für Schulbauten vorgesehen, davon werden 600 Millionen im Rahmen des Konjunkturpakets auf 2009/10 vorgezogen. Wichtig ist, die Hebung der Qualität bei der Nachmittagsbetreuung. Dabei geht es nicht um eine Beaufsichtigung, sondern auch um Lernzeiten, verbunden mit Sport und Kunst. Die Kinder sollen mit ihren Schulaufgaben fertig sein, wenn sie nach Hause kommen. Ein entsprechendes Gütesiegel wollen wir im kommenden Schuljahr schon an etwa 160 Schulen vergeben können, 2010/11 sollen es schon 800 sein.

Die Neue Mittelschule wird zwar im kommenden Jahr an mehr als 210 Standorten erprobt, bleibt aber ein Schulversuch. Wann kommt die NMS ins Regelschulsystem?

Realistisch erst in der nächsten Legislaturperiode. Wir haben ab kommendem Schuljahr alle Länder an Bord, die Standorte verdreifacht und damit auch die ganztägigen Schulformen ausgebaut.

Angeblich hat es an einigen Schulstandorten in Wien Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung der Lehrer über eine Neue Mittelschule gegeben.

Für mich ist die wichtigste Abstimmung die der Eltern, die ihre Kinder im Frühjahr dort anmelden.

Ein Manko der Neuen Mittelschule ist auch, dass sehr wenige AHS beteiligt sind.

Die Herkunft der Schule ist zweitrangig. Wichtig ist, dass der Unterricht erstklassig gelingt.

"Der Wohlstand Österreichs wird im Klassenzimmer entschieden."

"Jedes Kind, das in Österreich in die Schule geht, muss Deutsch können."

"Die Bildungsstandards werden einen Paradigmenwechsel an unseren Schulen bewirken."

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