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Billige Arbeiter - günstiges Produkt

Von Peter Kantor

Wirtschaft

Mit der EU-Erweiterung per 1. Mai 2004 hat sich der Wettbewerb in der Lebensmittelindustrie verschärft. Die neuen Mitgliedsländer wollen ihre Vorteile - niedrigere Rohstoffpreise und niedrigere Arbeitskosten - für die Ausweitung ihrer Exporte nützen, die Chancen dafür sind allerdings beschränkt.


In Österreich und der Tschechischen Republik hat sich die Lebensmittelindustrie relativ gut auf die neuen Rahmenbedingungen vorbereitet. Der Markt ist in vielen Bereichen schon verteilt, die Chancen für die "Neuen" vor allem auf Erfolge im Bereich der unverarbeiteten Produkte beschränkt.

Breite Produkt-Palette

Auf tschechischer Seite rechnet sich Lebensmittelindustrie - dank niedrigerer Rohstoffpreise und niedrigerer Arbeitskosten - dennoch Exportchancen aus. So präsentierten sich tschechische Firmen beim "Business Day" in der Tschechischen Botschaft in Wien mit einer Reihe attraktiver Produkte. Die angebotenen Bio-Lebensmittel und geprüfte Qualitätserzeugnisse deckten von Milch, Molkereiprodukte und Fleischerzeugnisse über Hülsenfrüchte, Gewürze, Trockenfrüchte bis zu Schokoladenwaren, Bier und Limonaden eine breite Palette von Produkten ab. Zudem wurde mit potentiellen österreichischen Partnern angeregt über Handels- und Kooperationsmöglichkeiten verhandelt.

Eine Überschwemmung Österreichs mit Lebensmittelprodukten aus den neuen Beitrittsländern ist trotz deutlicher Exportzuwächse aber nicht zu befürchten. "Unsere Ausfuhren in den EU-Raum haben in den ersten fünf Monaten seit dem EU-Beitritt zwar deutlich zugelegt. Weil die Preise bei wesentlichen Produkten wie Milch, Fleisch und Zucker aber noch laufend steigen, ist keine Euphorie angebracht", erklärte Jaroslav Camplík, Präsident der tschechischen Lebensmittelkammer.

Ähnlich argumentiert Zdenek Lukás, Agrarexperte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Seiner Ansicht nach sei es zu erwarten gewesen, dass die neuen EU-Länder in den ersten Monaten ihrer Mitgliedschaft von den günstigeren Preisen und der billigeren Arbeitskraft am Lebensmittelsektor deutlich profitieren würden. Zeitungsberichten zufolge stiegen in den ersten zwei Monaten des EU-Beitritts Tschechiens Lebensmittelexporte in die EU um 56Prozent, Polens Exporte in dem Sektor sogar um 77Prozent (Mai/Juni 2004 gegenüber Mai/Juni 2003). "Diesen Vorteil der Ostmärkte in der Landwirtschaft gibt es aber nur bei Produkten mit hohem Anteil der Arbeitskraft an der Wertschöpfung", erklärt Lukás. Nachsatz: Und auch dieser Vorteil werde sich im Laufe der Zeit relativieren.

Gute Qualität

Ängste hinsichtlich der Qualität tschechischer Produkte befanden die Lebensmittelexperten als unberechtigt. "Alle wichtigen tschechischen Unternehmen der Branche haben sich etwa an die Hygiene-Standards der EU angepasst, betonte Camplik. die Lebensmittel seien grundsätzlich so hochwertig wie aus anderen EU-Ländern, wurde von tschechischer Seite versichert. Für österreichische Unternehmen des Lebensmittelsektors sahen die Teilnehmer am Business Day gleichfalls Chancen für Exporte auf den tschechischen Markt. In Tschechien liegen Preise wie Kaufkraft zwar noch deutlich tiefer als etwa in Österreich, der Aufholprozess schreite aber rasant voran, hieß es.