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Billige Arbeitskräfte gegen teure Präsidentenpaläste

Von Klaus Blume

Politik

Mexiko-Stadt - Wann immer ein Politiker aus Taiwan nach Mittelamerika reist, ist ihm ein roter Teppich gewiss. Ob Präsident Chen Shui-bian, Vizepräsidentin Lu Hsiu-Lien oder ein Fachminister - die Gäste von der anderen Seite des Pazifiks kommen selten mit leeren Händen. Wo die Regierungen auf der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika klamm sind, ist Taipeh zur Stelle und spendiert Geld für Brücken in Costa Rica, Regierungsgebäude in Nicaragua oder Häuser nach dem verheerenden Erdbeben in El Salvador.


Die sieben Staaten Mittelamerikas gehören zu den insgesamt rund 30 weltweit, die diplomatische Beziehungen zu Taiwan unterhalten, und Taipeh lässt sich deren Unterstützung in internationalen Gremien etwas kosten. Doch während die Regierungen zwischen Guatemala und Panama auf den großzügigen Geldgeber nichts kommen lassen, sehen Gewerkschaften und Menschenrechtler den vermeintlichen Wohltäter mit anderen Augen. Ihr Vorwurf: Taiwanesische Firmen, die in Mittelamerika in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Fabriken in speziellen zollfreien Zonen errichtet haben, beuten ihre Arbeiter rücksichtslos aus und halten sich nicht an bestehende Arbeitsgesetze.

Die Taiwanesen, die in der Region inzwischen zehntausende von Arbeitsplätzen geschaffen haben, nutzen im Zuge der Globalisierung das niedrige Lohnniveau, Steuerbefreiungen und die geographische Lage, um vor allem Textilien für den Export in die USA zu fertigen.

Frühkapitalistische Zustände

Doch in ihren Werkshallen herrschen oft frühkapitalistische Zustände. "Misshandlungen, Schläge, unbezahlte Überstunden, Entlassungen von Gewerkschaftsmitgliedern, unangemessene Arbeitsbedingungen und die Diskriminierung von Schwangeren zählen dort zum Alltag", sagt Gilberto Ernesto Garcia vom privaten Zentrum für Arbeitsstudien in El Salvador. Ähnliches gelte für Firmen aus Südkorea.

Welcome to Nicaragua

Am stärksten ist die taiwanesische Präsenz in Nicaragua, wo die traditionellen politischen Beziehungen während der Herrschaft der linksgerichteten Sandinisten (1979-1990) nur vorübergehend unterbrochen waren. Taiwanesisches Kapital steckt im größten internationalen Hotel Managuas, in Einkaufszentren und in mehreren Dutzend Textilbetrieben. Für nur rund 60 Dollar (68,4 Euro/941 S) im Monat nähen dort tausende Frauen im Akkord Jeans und T-Shirts zusammen. Wer sich über Entlohnung und Arbeitsbedingungen beklagt, wird gefeuert.

Die häufigen Arbeitskonflikte in den taiwanesischen Fabriken in Nicaragua haben inzwischen auch das Ausland auf den Plan gerufen. Doch als sich der US-Gewerkschafter Charles Kernaghan im September vorigen Jahres ein Bild der Verhältnisse bei den Firmen "Chentex" und "Mil colores" machen wollte, verweigerte ihm die Regierung in Managua die Einreise. Innenminister Rene Herrera warf ihm vor, er wolle "die Arbeitsbeziehungen destabilisieren."

Auf die Hilfe ihrer Regierung können die Arbeitnehmervertreter in Nicaragua, wenn es um die Einhaltung von Tarifverträgen oder gesetzlichen Normen geht, nicht zählen. Präsident Arnoldo Aleman, der sich während seiner Amtszeit in verschiedene Korruptionsskandale verwickelt sah, hat gute Gründe, gegenüber den Taiwanesen Nachsicht zu üben. Allein seit seinem Amtsantritt 1997 erhielt Nicaragua aus Taipeh günstige Kredite und Zuschüsse im Umfang von 152 Millionen US-Dollar. Und als besonders Form der Entwicklungshilfe baute Taiwan Aleman in Managua einen neuen Präsidentenpalast.