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"Bin Laden und nicht die Taliban herrschen in Kabul"

Von Rainer Mayerhofer

Politik

London - "Als wir hörten, dass die Amerikaner von Mullah Omar die Auslieferung Osama Bin Ladens forderten, konnten wir nur lachen. Bin Laden könnte Omar ausliefern nicht umgekehrt. Es sind die Araber, die die Kontrolle über Afghanistan haben", sagte ein vor wenigen Tagen nach Pakistan geflüchteter ehemaliger Leibwächter des Taliban-Chefs in einem Interview mit der Reporterin Christina Lamb, das "The Sunday Telegraph" veröffentlichte.


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Der 30-jährige Hafiz Sadiqulla Hassani, der sich den Taliban zwangsverpflichtet hatte, um seinem 85-jährigen Großvater aus dem Gefängnis zu befreien, gab Ernüchterndes über die Taliban-Führungsschicht und erschreckende Details der Folterpraktiken in afghanischen Gefängnissen preis.

Mullah Omar sei ein mittelgroßer, etwas dicklicher Mann mit einem künstlichen grünen Auge. Seine Befehle gebe er vom Bett aus, und er habe nicht viel zu sagen, weil er ein dummer Mensch sei, der gerade einmal seinen Namen schreiben kann, sagte Hassani der britischen Reporterin. Es gebe keine gebildeten Leute in der Verwaltung Afghanistans, sie hätten keine Ahnung von der Geschichte des Landes und, obwohl sei sich Mullahs nennen, auch keine vom Islam.

Hassani erzählte, er habe vor seiner Tätigkeit als Leibwächter Omars als Geheimpolizist Nacht für Nacht Jagd auf Diebe und "Subversive" machen müssen. Die Patrouillen seien angewiesen worden, nach Kartenspielern, Videoschauern, und Menschen, die Vögel in Käfigen halten, obacht zu geben. Auch Männer mit zu kurzen Bärten und Frauen, die sich außerhalb ihrer Wohnung aufhielten, seien in die Fänge der Geheimpolizei geraten, die ihre Opfer mit in Wasser getränkten Stäben geschlagen habe, bis das Blut spritzte. Jede Art von Vergnügen sei ungesetzlich gewesen.

Den Gefangenen hätten nur im Kopfstand schlafen dürfen. Andere seien an den Füßen aufgehängt worden. Einigen Opfern wurden die ausgestreckten Arme an Pfosten genagelt, wie bei einer Kreuzigung. Am schlimmsten sei es im Gefängnis von Kandahar zugegangen, wo ein Mann so blutig geschlagen worden ist, dass man nicht mehr sagen konnte, ob er bekleidet oder nackt war. Jedesmal wenn er bewusstlos wurde, wurde ihm Salz in die Wunden gerieben, sagte Hassani, der bei den Taten selbst dabei war.