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"Bin zu faul zum Rechnen"

Von Roland Knauer

Wissen
Konrad Zuse mit einem Demonstrationsnachbau eines seiner mechanischen Computer. Foto: AP

Der Computer ist eine deutsche Erfindung. | Eine Verwechslung rettete Zuses Rechner. | Berlin. "Ich war zu faul zum Rechnen", meinte der vor 100 Jahren am 22. Juni 1910 in Berlin geborene Konrad Zuse ein wenig selbstironisch. Während seines Ingenieurstudiums an der Technischen Hochschule Berlin entwickelte er daher bis 1941 den ersten vollautomatischen und frei programmierbaren Rechner - eine friedliche Weltrevolution, die "Computer" genannt wird. Zuvor hatte der Beamtensohn bereits vor seinem Abitur 1928 aus Blech und Nägeln eine Schaltung für das Treppenlicht entwickelt.


Nach dem Studium arbeitete er als Statiker bei den Henschel Flugzeugwerken. "Warum kann nicht eine Maschine den Ingenieuren die Sklavenarbeit des Rechnens abnehmen", grübelte er und verblüffte schließlich 1936 seine Eltern, indem er seine Stelle kündigte und deren Wohnzimmer als Entwicklungslabor beschlagnahmte. Mit einer Laubsäge schnitt Konrad Zuse Metallplättchen zurecht als Schaltelemente für die Maschine. Die Plättchen führten mechanisch logische Operationen wie "oder", "und" oder "nicht" aus. Zudem konnte er mit den Plättchen im Speicher "0" und "1" darstellen.

In Handarbeit lassen sich Metallplättchen jedoch nicht sonderlich exakt herstellen. Das Rechenwerk arbeitete daher wenig zuverlässig. Zuse hatte jedoch nebenbei ein "Gleitkomma-Rechenwerk" entwickelt, das Zahlen mit hoher Genauigkeit verarbeiten konnte. Gesteuert wurde die Maschine über Lochstreifen. "Versuchsmodell 1" oder kurz "V1" nannte Zuse dieses Gerät, das er nach dem Zweiten Weltkrieg in "Z1" umtaufte, damit es nicht mit der gleichnamigen Rakete der Wehrmacht verwechselt würde.

Es folgten "V2" mit einer höheren Speicherkapazität und "V3", die mit noch mehr Speicher als erster funktionsfähiger Computer der Welt gilt. Am 12. Mai 1941 führte Zuse das fünf Meter lange, zwei Meter hohe und 80 Zentimeter breite Gerät Berliner Wissenschaftern vor. Im Inneren des Rechen-Monstrums liefen im Prinzip ähnliche Prozesse wie in einem PC ab. Kurz danach begann er die Arbeit an einem noch größeren Rechner namens "V4".

Erster Computer zerstört

Bei Luftangriffen auf Berlin-Kreuzberg im Dezember 1943 wurde der erste Computer der Welt, die V3, zerstört. Da auch sämtliche Bilder den Bomben zum Opfer fielen, verschwand jeder Beweis, dass Zuse bereits 1941 einen Computer gebaut hatte. Lange galt daher der 1944 vom Amerikaner Howard Aiken gebaute "Mark I" als erster Computer. Erst in den 1960er Jahren konnte der Berliner Erfinder mit einem Nachbau die Fachwelt überzeugen, dass der erste Computer in Deutschland gerechnet hatte.

Sein V4 - später "Z4" - überlebte aufgrund einer Verwechselung. Der Bombenkrieg hatte Entwicklungsarbeiten in Berlin unmöglich gemacht. Im März 1945 wollte Zuse daher mit dem begonnenen "Supercomputer" fliehen. Die Wehrmacht vermutete wohl, es könne sich um ein Teil der neuen Vergeltungswaffe V4 handeln, die der Rakete V2 folgen sollte. Eine solche Waffe könnte vielleicht den Kriegsverlauf noch wenden, hoffte das Militär, und der Erfinder bekam einen Armee-Lastwagen zugeteilt - ein veritables Wunder in dieser Zeit.

Über Göttingen und München führte die wegen der Bombenangriffe meist nächtliche Flucht Zuse bis in den Allgäu. Wo er den V4 in einem Schuppen des Hotels Steinadler in Hinterstein vor der anrückenden US-Armee versteckte. Erst 1948 konnte der Erfinder den mittlerweile "Z4" genannten Rechner ausmotten und wieder zusammenbauen. Zufällig erfuhr 1949 Eduard Stiefel von der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich von Konrad Zuse und seinem Computer. Weil die US-Computer damals unverkäuflich waren, mietete die ETH die Z4 für 30.000 Franken.

Siemens kaufte Zuse KG

Zuse gründete 1949 mit der Mietzahlung das erste Computerunternehmen der Welt, die "Zuse KG". Zunächst florierte der Betrieb, 1964 aber ging er aufgrund hoher Entwicklungskosten pleite. Der Siemens-Konzern kaufte die Firma und Zuse war arbeitslos. Am 18. Dezember 1995 starb der Mann, der über seine Erfindung einen denkenswerten Satz sagte: "Wenn die Computer zu mächtig werden, dann zieht den Stecker aus der Steckdose."