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Bio bringt nicht immer Gutes

Von Regine Bohrn und Sophia Freynschlag

Wirtschaft

Benzingipfel soll Ausweg aus Chaos in Deutschland bringen. | Autofahrerclubs wollen Österreich-Start verschieben. | Treibstoff auch moralisch umstritten.


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Berlin/Wien. Die Einführung der Biosprit-Sorte E10 in Deutschland gerät zum Debakel, und auch in Österreich steht der Bio-Treibstoff in der Kritik. In Deutschland wurde nur wenige Wochen nach dem Verkaufsstart im Februar die landesweite Einführung von E10, also Super-Benzin mit zehn Prozent Ethanol, vorläufig gestoppt. Rund die Hälfte der 15.000 Tankstellen haben Superbenzin mit fünf Prozent Ethanol bereits durch das neue E10 ersetzt.

Da aber zehn Prozent der Autos den Treibstoff nicht vertragen, weil Motorteile aus Metall rosten oder Leitungen beschädigt werden können, sind die Fahrer verunsichert - und tanken lieber das teurere Super Plus. Als Folge kam es bei anderen Benzinsorten zu Versorgungsengpässen.

Zudem müssen die Hersteller Strafen zahlen, wenn sie die gesetzliche Biosprit-Quote von 6,25 Prozent am gesamten Kraftstoffabsatz nicht erfüllen. Hintergrund ist eine EU-Vorgabe, dass bis 2020 zehn Prozent des Kraftstoffes Biotreibstoffe sein sollen.

Der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen will trotz Kritik an E10 festhalten. Auswege aus dem Chaos soll ein Benzingipfel der deutschen Bundesregierung mit der Auto- und Tankstellenbranche am Dienstag bringen.

"Tanken oder Teller?"

Angesichts der Probleme in Deutschland sind auch die heimischen Autofahrerclubs skeptisch. Der Arbö fordert Umweltminister Nikolaus Berlakovich auf, die für Oktober 2012 geplante Einführung von E10 zu verschieben. Es gebe hierzulande zwischen 200.000 und 500.000 Autos, die E10 nicht verkraften würden, sagt Arbö-Sprecherin Lydia Ninz.

Österreich müsse sich mit der Aufstockung eigentlich gar nicht beeilen, da man bereits jetzt "Vorzugsschüler" in Sachen Beimischung sei. Beim Diesel liegt der Bio-Anteil bei sieben Prozent und bei Benzin bei fünf Prozent. Außerdem sei eine höhere Beimischung des aus stärkehältigen Pflanzen gewonnenen Ethanols moralisch umstritten. Die zweite Generation Biosprit - also jene, wo nicht nur die Frucht, sondern die ganze Pflanze verwertet wird - "ist weit und breit nicht in Sicht", so Ninz. Daher stelle sich die Frage "Tanken oder Teller?" Zudem seien die Getreidepreise aktuell so hoch, dass E10 "mindestens zwei bis drei Cent teurer" als "normaler" Treibstoff wäre.

Der ÖAMTC pocht zwar nicht auf eine Verschiebung, aber bevor dem Benzin zehn Prozent Ethanol beigemischt werden, müssten Hersteller "verbindliche Angaben" über die Verträglichkeit der Kraftstoffe machen, so der Autofahrerclub. Treten trotz der Verträglichkeitszusage der Autobauer Probleme auf, so dürfe das nicht den Käufern angelastet werden.

Umweltminister Berlakovich hält sich in der Causa zurück. Er ließ am Freitag wissen, man werde E10 erst einführen, wenn technische Verlässlichkeit für alle Autofahrer besteht.

Biosprit-Vorreiter in der EU war Frankreich, wo E10 bereits im April 2009 eingeführt wurde. 2010 machte der Anteil jedoch gerade einmal 13 Prozent aus.