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Bio-Skandal erreicht Österreich

Von Sophia Freynschlag und Claudia Peintner

Wirtschaft

Zwei Betriebe betroffen - Soja wurde wahrscheinlich als Futtermittel verkauft.


Wien. Der Skandal um gefälschte Bio-Lebensmittel in Italien betrifft auch Österreich: Mehrere hundert Tonnen Soja und in geringerem Umfang Raps von zwei der verdächtigen Unternehmen seien nach dem derzeitigen Ermittlungsstand der italienischen Sicherheitsbehörden nach Österreich geliefert worden, teilte das Gesundheitsministeriums am Dienstagnachmittag in einer Aussendung mit. Bei den Empfängern in Österreich handelt es sich um zwei weiterverarbeitende Betriebe. Abnehmer könnten heimische Futtermittelerzeuger gewesen sein.

Der österreichische Sojaprodukte-Hersteller Mona ist laut eigenen Angaben nicht von den gefälschten Bio-Importen betroffen. "Für unsere Marke Joya verwenden wir ausschließlich Soja aus österreichischem Anbau", sagt Jana Löbelenz von Mona. Für die Eigenmarken werden Sojabohnen aus Europa zugekauft, auch aus Italien wird ein Teil geliefert. "Unser italienischer Lieferant hat uns aber bestätigt, dass er nicht betroffen ist", so Löbelenz.

Die italienischen Behörden haben bisher keine Lieferlisten mit konkreten Warenbezeichnungen, Mengen und Lieferzeitpunkten übermittelt. Die Waren sollen nach derzeitigem Erkenntnisstand nicht gesundheitsschädlich sein.

Allerdings befürchtet die Landwirtschaftskammer hohe Umsatzverluste bei den Bio-Landwirten. "Die Konsumenten fühlen sich betrogen, weil sie für Bio zahlen, wo kein Bio drinnen ist", sagt ein für Pflanzenbau zuständiger Experte in der Kammer.

Österreich importiert jährlich rund 400.000 bis 450.000 Tonnen Sojaschrot, heißt es vom Verein Soja aus Österreich. Der Großteil davon kommt aus Übersee, etwa aus Brasilien und den USA. Bis zu 20.000 Tonnen Bio-Soja werden pro Jahr in Österreich produziert, heißt es von der Landwirtschaftskammer. An Bio-Fertigfuttermittel (ein Gemisch aus Inhaltsstoffen wie Weizen, Gerste, Soja) werden pro Jahr in Österreich 80.000 bis 100.000 Tonnen verbraucht, davon sind rund 4000 bis 5000 Tonnen Importware, sagt Bio-Austria-Geschäftsführer Christoph Gleirscher.

Imageschaden für Bio-Produkte befürchtet

Im Unterschied zu herkömmlichem Soja darf bei Bio-Soja kein Mineraldünger und kein Pflanzenschutzmittel verwendet werden. Vom Aussehen her ist nicht ersichtlich, ob eine Sojabohne aus Bio- oder konventionellem Anbau stammt. Die Einhaltung der EU-Bio-Verordnung wird national von unabhängigen Kontrollstellen gewährleistet, die einmal pro Jahr die Betriebe prüft und Bio-Zertifikate ausstellt. Mit diesem garantiert der Lieferant, dass er die Bio-Vorgaben erfüllt. Die Überwachung der Kontrollstellen obliegt den einzelnen Nationalstaaten.

An dem Betrug sollen Angestellte der italienischen Kontrollstelle aktiv beteiligt gewesen sein. Bioprodukte seien das am stärksten kontrollierte Segment im Einzelhandel, so Gleirscher. "Dieser Skandal zeigt allerdings, dass auch Bio-Ware nicht vor organisierten Betrügereien gefeit ist", sagt Greenpeace-Sprecher Steffen Nichtenberger. Er fordert eine lückenlose Aufklärung und sieht die Behörden in der Pflicht: "Die Behörden müssen so schnell es geht die Konsumenten informieren, welche Produkte betroffen sind. Nur so kann man Sicherheit für die Verbraucher herstellen." Wie hoch der Image-Schaden für die in Österreich beliebten Bio-Produkte ist, lässt sich noch nicht abschätzen.

Von den falschen Bio-Lebensmitteln sind wahrscheinlich auch einige Hundert Tonnen nach Deutschland gelangt, vor allem Futtermittel wie Soja und Raps. Die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner erklärte, wenn sich die ersten Angaben aus Italien bewahrheiteten, handle es sich wohl um "Betrug in großem Stil".

Der Großbetrug war vergangene Woche aufgeflogen. In Verona beschlagnahmte die Polizei 2500 Tonnen falsch deklarierte Lebensmittel, sieben Personen wurden festgenommen. Insgesamt sollen seit 2007 vermeintliche Bio-Produkte wie Mehl, Soja, Obst und Trockenfrüchte im Wert von 220 Millionen Euro mit falscher Kennzeichnung verkauft worden sein. "Wenn man konventionelle Rohstoffe zu Biopreisen verkauft, ergibt das eine gewaltige Gewinnspanne", sagt Gleirscher.

Auf Druck mehrerer Mitgliedstaaten, darunter auch Österreich, wurde laut Gesundheitsministerium erreicht, dass der Bio-Skandal beim Ständigen Ausschuss für den Ökologischen Landbau bei der EU in Brüssel kommende Woche behandelt wird.