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Bioenergie spart doch kein CO<sub>2</sub>

Von Eva Stanzl

Wirtschaft
Pflanzen für die Nahrungsmittelindustrie sind als Energiequelle nicht unbeschränkt verfügbar.
© © Perry - Fotolia

Experte: "Biokraftstoffe lenken nur Umweltförderungen in Landwirtschaft".


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Halle/Wien. Bioenergie kann fossile Brennstoffe nicht ersetzen und trägt kaum zur Reduktion von Treibhausgasen bei. Zu diesem Schluss kommen die deutsche Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle an der Saale und das Wiener Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Der Befund der Forscher durchkreuzt politische Pläne. Landwirtschafts- und Umweltminister Nikolaus Berlakovich will den umstrittenen Agrartreibstoff E10 einführen und in zwei Jahren einen Anteil am Benzin-Gesamtabsatz von 50 Prozent erreichen. Biokraftstoffe würden Treibhausgase wirksam reduzieren, wie er betont, ohne sie müsse Österreich im Ausland CO2-
Zertifikate zukaufen.

Kein rascher Umstieg

Helmut Haberl, Direktor des Instituts für Soziale Ökologie, hält diese Politik für unzweckmäßig. "Das ist nichts als eine elegante Methode, Umweltförderungen in die Landwirtschaft zu lenken. Zudem erspart man sich, indem man einfach einen Treibstoff durch einen anderen ersetzt, eine grundlegende Diskussion über unser Verkehrssystem", betont er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Um Polit-Konfrontationen zu vermeiden, würde die Illusion erweckt, dass es möglich sei, einfach und im Handumdrehen von fossiler Energie auf Bioenergie umzusteigen. "Das geht sich aber mit halbwegs vernünftigen Annahmen für den Verbrauch von Energie und Nahrungsmitteln und die landwirtschaftliche Nutzung nicht aus", so Haberl.

Bioenergie stammt aus nicht-fossiler Biomasse wie etwa Pflanzen, Holz oder Algen. Sie entsteht, wenn man Biomasse direkt verbrennt oder daraus hergestellte Treibstoffe wie Biogas, Biodiesel oder Bioethanol erzeugt. Als Hauptmotiv für die Verwendung von Bioenergie gilt, die CO2-Emissionen zu reduzieren und den Klimawandel zu mildern.

Von den alternativen Energietechniken trage die Bioenergie aber am allerwenigsten zur Treibhausgas-Reduktion bei, und der Preis je eingesparter Tonne CO2 sei der höchste, betonen die Wissenschafter in ihrer Studie. Eine echte Energiewende sei auf diesem Weg nicht zu erzielen.

"Berechnungen zum Ausbau von Biomasse beruhen auf der Annahme, dass genügend aufgelassenes Ackerland vorhanden ist, um darauf ausreichendes Rohmaterial für ein Land wachsen zu lassen", sagt Haberl. Es gebe jedoch viel weniger freies Land als angenommen. "Viele Flächen, die als aufgelassenes Ackerland registriert sind, werden als Weideland genutzt. Die Konkurrenz von Biotreibstoffen aus Zucker, Stärke und Pflanzenölen mit der Nahrungsmittelindustrie ist größer als gedacht."

Als Veredelungswirtschaft importiert Österreich große Mengen an Rohprodukten und exportiert gleich viele verarbeitete Produkte, deren Herstellung Emissionen erzeugt. So verursacht der Anbau von Biomasse wie etwa Mais Stickstoff-Emissionen durch Dünger und Treibstoff-Ausstöße durch Traktoren. Da die Stärke der Maiskörner in das Ethanol für Biotreibstoff umgewandelt wird, fehlt der Mais in der Nahrungsmittelproduktion. "Wenn wir deutlich mehr der heimischen Produktion in Bioenergie stecken, werden wir entweder mehr Rohstoffe oder mehr Lebensmittel importieren müssen", warnt Haberl.

Bilanz in 200 Jahren neutral

Steigende Biomasse-Importe haben zur Folge, dass Wälder in anderen Regionen geschlägert werden müssen. "Die Emissionen, die hierbei verursacht werden, werden aber in den europäischen Regeln zur Berechnung der Klimabilanz von Bioenergie nicht berücksichtigt", betont der Experte.

Laut Wahrscheinlichkeitsrechnungen geben Biotreibstoffe jedoch gleich bis doppelt so viele Emissionen ab wie fossile Energieträger. Zudem kann ein geschlägerter Baum kein CO2 mehr aufnehmen. Würde die gesamte brachliegende ehemalige Ackerfläche Russlands oder der Ukraine, die mittlerweile Wald ist, für die Produktion von Bioethanol geschlägert, wäre die Treibhausgasbilanz laut Haberl erst in 200 bis 300 Jahren neutral.

Der Wiener Ökologe und seine deutschen Kollegen plädieren keineswegs für eine Beibehaltung der CO2-neutralen Kernenergie. Vielmehr appellieren sie, Energie sinnvoll zu sparen, etwa durch die Nutzung von Abwärme bei der Stromerzeugung oder effektive Wärmedämmung. Investitionen sollten sich zudem auf andere erneuerbare Energiequellen konzentrieren, wie Sonnen- oder Windenergie. Das EU-2020-Konzept, wonach zehn Prozent des Treibstoffes für Transportzwecke aus Biomasse stammen sollen, sollte überdacht werden.

Das größte Potenzial für Bioenergie könnte man erschließen, indem man die Nahrungsmittel- und Energieproduktion kombiniert. So könnten etwa Mist und Gülle aus der Tierhaltung, Lebensmittelabfälle und pflanzliche Reststoffe der Energiegewinnung dienen oder vorhandene landwirtschaftliche Flächen abwechselnd für den Boden regenerierende Biomasse und Nahrung verwendet werden.