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Biomasse feuert die Energiewende an

Von Andrea Möchel

Wirtschaft
Das Rückgrat der Energiewende bleibt laut Biomasseverband Holz.
© fotolia/Konstantin Romanov

Bis 2030 könnte ein Drittel des österreichischen Energiebedarfs aus Biomasse stammen. Regierung zum Handeln aufgefordert.


Wien. Stellen Sie sich vor, Sie schalten Ihre Gasheizung ein, und nichts passiert. Seit der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine eskaliert, sorgen derartige Horrorszenarien innerhalb der EU für einige Nervosität. Kein Wunder also, dass der Ruf nach unabhängiger Energieversorgung, auch und gerade in Österreich immer größer wird.

"Derzeit muss Österreich 100 Prozent der Kohle, 92 Prozent des Öls und 79 Prozent des Erdgases importieren. Damit fließen Jahr für Jahr mehr als elf Milliarden Euro zu einem großen Teil in politisch instabile Krisenregionen ab", rechnet Horst Jauschnegg, der scheidende Präsident des Österreichischen Biomasse-Verbandes, vor. "Nur wenn man auf die heimischen erneuerbaren Energieressourcen setzt, kann man sich aus dieser Importabhängigkeit befreien." Erreichen könnte man die Energieautarkie durch den massiven Ausbau erneuerbarer Energien, bei gleichzeitiger Senkung des Energieverbrauchs.

Vision Bioenergie

Die Energiequelle, der in diesem Szenario die bedeutendste Rolle zukommt, ist Biomasse. "Dank der in Österreich praktizierten nachhaltigen Forstwirtschaft steht sie zeitlich unbegrenzt zur Verfügung", so Jauschnegg im Bericht "Vision Bioenergie 2013". Der Holzvorrat in unseren Wäldern sei seit 1980 um 40 Prozent angewachsen: "Bis 2030 könnte ein Drittel des heimischen Energiebedarfs aus Biomasse stammen, ein weiteres Drittel aus Wasserkraft, Wind und Photovoltaik." Für das restliche Drittel wären noch fossile Rohstoffe nötig. "Auf den Punkt gebracht: Ohne Bioenergie keine Energiewende!"

Dazu müssten allerdings die verfügbaren Biomassepotenziale konsequent genützt, und gleichzeitig die von der EU angestrebte 30-prozentige Reduktion des Verbrauches erreicht werden. Das sei aber nur dann realistisch, wenn die nötigen politischen Maßnahmen rasch ergriffen werden.

"Vorrangig braucht es den politischen Willen zu einer Abkehr von der Verbrennung von Öl-, Gas und Kohle", so Jauschnegg zur "Wiener Zeitung": "Laut der internationalen Forschergemeinschaft muss die Dekarbonisierung unseres Energiesystems in den nächsten 35 Jahren abgeschlossen sein, um die verheerenden Folgen des Klimawandels auf ein erträgliches Maß einzudämmen."

Seine Vorschläge für eine effizientere Nutzung des Biomassepotentials: Die Forcierung von Bauten aus Holz würde mehr Bioenergie ermöglichen. "Derzeit entsteht Bioenergie primär aus Nebenprodukten der Forst- und Holzwirtschaft. Ein modernes Holzhaus kann durch die bei der Produktion anfallenden Nebenprodukte etwa 70 Jahre geheizt werden", sagt Jauschnegg. Zugleich wäre die Anrechnung eines Kesseltausches im Rahmen des Energieeffizienzgesetzes sinnvoll. "Da wir in Österreich einen großen Altbestand im Bioenergie-Bereich aufweisen, würde eine Modernisierung zu weniger Rohstoffverbrauch und vor allem zu geringeren Emissionen führen", ist man beim Biomasseverband überzeugt.

Derzeit hat die Biomassebranche in Österreich allerdings mit Stolpersteinen zu kämpfen. So sei zum Beispiel die Förderung von Ölkesseln schlicht unverständlich. "Glücklicherweise wird im Rahmen des Energieeffizienzgesetzes ein kleiner Riegel für den Einbau von neuen Ölheizungen gesetzt. Aus unserer Sicht gehört der Einbau von Ölheizungen wie zum Beispiel in Dänemark komplett verboten", so Jauschnegg.

Ein weiterer strittiger Punkt sind die geplanten EU-Vorgaben in Bezug auf Emissionsgrenzen im sogenannten "kleinen Leistungsbereich". Jauschnegg: "Derzeit sind in den EU-Institutionen Kräfte am Werk, die die sinnvolle Bewirtschaftung der heimischen Wälder durch zusätzliche Bürokratie erschweren und die Existenz von bäuerlichen Biomasseheizwerken durch eine geplante massive Verschärfung der Emissionsgrenzwerte gefährden." Das sei im Widerspruch zu den EU-Zielen hinsichtlich Klimaschutz und Ausbau erneuerbarer Energie, weshalb man diesen Barrieren auf EU-Ebene entgegentreten müsse. Weitere Hindernisse gibt es im Bereich der Stromerzeugung aus Biomasse: "Ein großes Thema sind hier die Nachfolge-Tarife für Altanlagen insbesondere bei Biogas", sagt der Fachmann. "Zahlreiche Anlagen werden in den nächsten Jahren aus dem Ökostromtarif fallen."

Vorreiterrolle

Gleichzeitig ist die Branche selbst im Wandel. Laut Biomasseverband wird es künftig zu einer Verlagerung von forstlichen hin zu landwirtschaftlichen Rohstoffen im Biomassebereich kommen. So geht der Trend in Richtung Nutzung von derzeit brachliegenden Rohstoffpotenzialen bei landwirtschaftlichen Nebenprodukten und bei Abfall. "Bald schon werden agrarische Reststoffe wie Stroh und Maisspindeln, oder sogar Olivenkerne im mediterranen Raum verstärkt energetisch genutzt werden. Nachhaltig bereitgestelltes Holz bleibt aber auch in Zukunft laut Biomasseverband das Rückgrat der Energiewende." Damit Österreich seine Vorreiterrolle bei der Entwicklung der Bioenergie international noch stärker ausspielen kann, besteht Handlungsbedarf. Jauschnegg: "Der Umbau des Energiesystems wird sich global zu einem neuen Konjunkturmotor entwickeln." Österreich habe angesichts einer bestens geschulten Land- und Forstwirtschaft mit entsprechender Wald- und Flächenausstattung optimale Voraussetzungen für die Energiewende. "Österreichische Biomasse-Technologie ist weltweit ein zentraler Teil der Energiewende", betont der neue Verbandspräsident Josef Plank.