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Biotech kommt -Skepsis bleibt

Von Werner Müllner

Wissen

Der Geist ist längst aus der Flasche, der globale Biotechnologie-Boom - entgegen zahllosen Beteuerungen vieler, vor allem europäischer Politiker - global wohl nicht mehr aufzuhalten. Die vor allem in Europa und abgesehen vom Medizinbereich heftig umstrittene Technologie wird als "Turbo" für Erkenntnis- und Umsatzentwicklung euphorisch akklamiert, nicht nur, aber besonders in der einschlägigen Industrie etwa in Kanada und den USA.


"Die Bio-Produkte-Branche ist in die idealtypische Lage gelangt, sowohl wirtschaftliches Wachstum als auch nachhaltige Entwicklung fördern zu können", meinte etwa Ron Kehring, der Vorsitzende von Bio Products Saskatchewan Inc. bei der kürzlich im kanadischen Saskatoon abgehaltenen "Bio-Logical Futures"-Konferenz. Und die US-Expertin Tracy M. Carole, Co-Autorin einer Studie über Biotech-basierte US-Industrien und deren Zukunftspotenzial, ergänzte bei der Tagung: "Biotechnologie und biotech-basierte Produkte sind die Zukunft der chemischen Industrie."

Gerade die erwarteten Segnungen medizinischer Biotechnologie dürfen keinesfalls unterschätzt werden, unzählige Menschen mit bisher nicht bzw. kaum heilbaren Leiden können dadurch auf ein besseres/längeres Leben hoffen.

Dennoch stellt sich grundsätzlich die Frage: Wozu eigentlich "Biotech"? Biotechnologische Methoden versprechen im Wesentlichen dreierlei: Eine Hebung der Quantitäten und der Qualität von Produkten (vor allem auf dem Agrarsektor) sowie bisher unvorstellbare Innovationen, dies vor allem, aber nicht nur auf dem medizinischen Sektor. Nicht alles davon macht überall Sinn und nicht alles davon wird sich überall auf dem "Markt" durchsetzen.

Wozu Biotechnologie?

Stichwort Quantität - Dieses Argument dürfte wohl in Europa mit seiner von der EU sündteuer gestützten Überproduktion von Grundnahrungsmitteln nicht eben ein schlagendes Argument pro Biotech sein. Wieso noch mehr Ertrag durch biotechnologisch "getunte" Kulturpflanzen, wenn schon die üblichen Erträge auf dem "freien Markt" der Industrienationen nicht untergebracht werden können? Und: Die plötzliche Sorge um die künftigen Absatzmärkte der Entwicklungsländer bei einem Biotech-"Boykott" durch die EU, seit kurzem regelmäßig öffentlich promotet durch US-Präsident George W. Bush, wird wohl weniger dahin gehend verstanden, dass sie vom Mitleid für die darbenden Staaten Afrikas getragen ist als vom Ziel der Öffnung globaler Märkte für US-Agrar-Bio-Giganten.

Allenfalls versprechen Agrar-Biotechnologien noch den Ersatz von Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln sowie chemisch-hormonellen Wachstumsförderern, doch um den Preis einer (noch) hohen Ungewissheit vieler der neuen Techniken in Sachen Risiko für Konsumenten und Agrarkulturen. Ganz zu schweigen von bisweilen skurrilen Rechtsfragen in Sachen Patentierung.

Mehr Qualität, nur für wen?

Stichwort Qualität - Die Frage ist: Wessen Qualität? Die berühmte "Anti-Matsch-Tomate" ist mit Sicherheit ein Qualitätssprung für Produzenten und vor allem Handel. Ist sie es aber auch für die Konsumenten, wenn die Konsequenz daraus immer noch frisch aussehende, aber eigentlich bereits "alte" Paradeiser im Regal sind? Nebenbei: Diese Biotech-Tomate wurde in Nordamerika entwickelt, weil dort die Transportwege teilweise extrem lang sind.

Eine erhöhte "Qualität" liegt wohl auch vor, wenn Pflanzen unter immer extremeren Bedingungen gedeihen und akzeptable Erträge abwerfen. Das ist für die einzelnen Bauern sicher Gewinn bringend, ob es nicht bloß einen weiteren Beitrag zur globalen Überproduktion von Nahrungsmitteln darstellt, sei dahin gestellt. Und: Wenn in immer nördlicheren Regionen unserer Erde Pflanzen wie Sojabohnen kultiviert werden können, dann wird das den Absatz solcher Produkte der Entwicklungsländer tendenziell auch nicht eben heben.

Vielfach wird "Qualität" auch in einem noch weiteren Sinn definiert, etwa hinsichtlich der Produktionsbedingungen und -auswirkungen auf die Umwelt. Kurz gedacht macht es sicher Sinn, etwa ein Schwein - das "EnviroPig" ("Umwelt-Schwein") - zu entwickeln, in dessen Kot der Phosphatgehalt drastisch gesenkt wird. Schließlich ist Überdüngung durch zu viel Schweinemist regional ja tatsächlich ein Problem. Und die Auswüchse der selben lassen sich wiederum keineswegs auf den Faktor "zu viel Mist" reduzieren. Da hilft das an der Universität von Guelph nahe Ontario geschaffene "EnviroPig" auch nichts. Und: Ähnliche Resultate lassen sich auch auf herkömmliche Weise durch eine spezielle Nahrungszusammensetzung für die Tiere erreichen, wenn auch nicht so leicht.

Chancen für die Medizin

Stichwort Innovation - Gerade auf dem medizinischen Sektor locken hier tatsächlich vielversprechende Potenziale, untermauert durch erste große Erfolge biotechnischer Entwicklungen. Es ist ja kein Zufall, dass dieser Bereich am wenigsten Widerstand herausfordert. Nur: Wo sind hier die Grenzen? Klar ist es segensreich, wenn mittels Gentechnik Tabakpflanzen Wirkstoffe in bisher nie gekannten Mengen produzieren, die gegen Typ 1-Diabetes helfen. Solche werden etwa von der Firma Plantigen in London, Ontario, erfolgreich gezüchtet.

Die Liste solcher und ähnlicher segensreicher Projekte ließe sich schon heute fast beliebig fortsetzen, und sie wird in den nächsten Jahren noch länger werden. Doch: Gerade im Medizinbereich stellt sich die Frage nach ethischen Limits des bio-technologisch Machbaren sehr schnell, da muss es nicht gleich um Stammzellenforschungen an Embryonen gehen.

Fazit: Forscher, Industrien, Politiker und andere Verantwortliche müssen auf dem Sektor Biotechnologie vor Bevölkerung und Verantwortlichen ganz besonders deutlich den Beweis antreten, dass sie verantwortungsvoll und transparent agieren. Ansonsten bleibt beim Konsumenten nicht nur im Lebensmittelbereich der bittere Nachgeschmack, dass ja doch bloß Farmer und Pharma davon profitieren.