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BIP-Mythen im Gesundheitssystem

Von Ernest G. Pichlbauer

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Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.

Volkswirtschaft ist schwierig. Umso leichter ist es, "BIP-Mythen" und "Es-gibt-keine-Kostenexplosion-im-Gesundheitssystem-Märchen" zu erzählen.


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Wenn Sie 100 Euro verdienen und 50 davon für Miete ausgeben, dann sind das 50 Prozent Ihres frei verfügbaren Einkommens. Sollte Ihr Einkommen schneller wachsen als Ihre Miete, dann sinkt der Prozentsatz, auch wenn die Miete steigt. Wenn Sie also nach einer gewissen Zeit doppelt so viel, also 200 Euro, verdienen, aber die Miete nur um 50 Prozent auf 75 Euro gestiegen ist, dann zahlen Sie nur mehr 35 Prozent Ihres Geldes für das Wohnen. So weit, so gut.

Wenn jedoch Ihr Vermieter nicht am Geld, sondern an Prozenten interessiert ist und daher festlegt, dass Sie, egal was Sie verdienen, 50 Prozent zahlen müssen, müssten Sie entweder 100 Euro Miete zahlen oder, viel wahrscheinlicher, eine andere Wohnung suchen. Einfach deswegen, weil Sie, wie jeder andere auch, an Geld und nicht an Prozenten interessiert sind.

Nun, wenn es um das Bruttoinlandsprodukt (BIP) geht, ist das anders. Denn es ist modern geworden, nur mehr in BIP-Prozenten zu reden.

Gerade im Gesundheitssystem ist diese BIPitis ausgebrochen. Und Politiker, insbesondere Ärztekämmerer, erzählen Land auf, Land ab, es gäbe keine Kostenexplosion, da die Ausgaben gemessen am BIP seit "Jahrzehnten" stabil bei ungefähr zehn Prozent liegen.

Gerne wird außer Acht gelassen, dass das so betrachtete BIP immer 100 Prozent beträgt. Wenn also, wie großzügig gesagt wird, die Ausgaben "ungefähr" gleich geblieben sind, wird verschwiegen, dass ein "Mehr" dort immer ein "Weniger" woanders bedeutet. Der Anteil am BIP lag 1995 noch bei 9,5 (ungefähr 10?) Prozent und 2008 bei 10,5 (auch ungefähr 10?). Nach heutigem Geldwert beträgt die Differenz schlichte 2,7 Milliarden Euro, ein bisschen viel für "ungefähr".

Und weil es ja um Prozente geht, heißt dass nichts anderes, als dass diese Milliarden Euro heute jemand anderem zur Verfügung stehen als noch 1995. Ob dieses Geld über Steuern und Beiträge der Bevölkerung schlicht abgenommen und das frei verfügbare Einkommen reduziert, oder aber aus anderen öffentlichen Bereichen (Bildung, Forschung, Verkehr, Sicherheit etc.) abgezogen wurde, soll nicht näher betrachtet werden. Wesentlich ist, dass diese Mittel "umgeschichtet" wurden. Und angesichts der demographischen Veränderung wird diese Umschichtung munter weitergehen.

Und wenn wir schon bei BIP-Prozentrechnungen sind, dann sei ein bisschen in die Zukunft geschaut.

Aus welchen Gründen auch immer, obwohl wir Ende 2010 haben, sind die Daten für 2009 vom Gesundheitsministerium noch nicht veröffentlicht. In diesem Jahr schrumpfte das BIP. Die Ausgaben in echtem Geld sind jedoch munter weiter gestiegen. Und so kann man auch ohne ministerielle Hilfe gut abschätzen, was - gemessen am BIP - so in die Gesundheit geflossen sein wird. Und wenn nicht irgendwelche unerkannt gebliebenen Wunder aufgetreten sind, dann werden es wohl ungefähr 11,5 Prozent werden; eine "explosionsartige" Steigerung um 10 Prozent verglichen mit 2008.

Und da nicht unwichtige Teile des BIP 2009 auf Schulden aufgebaut sind und unsere Gläubiger - so wie jeder andere auch - nicht an Prozenten, sondern an echtem Geld interessiert sein werden, wird zukünftig der "frei verfügbare BIP-Kuchen (echtes Geld und keine Prozente)" wohl kleiner werden. Mal sehen, wie die, die heute noch erzählen, dass die Gesundheitsausgaben "stabil" sind, dann argumentieren werden.

Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.