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BIP-Wachstum beflügelt Beschäftigung -manchmal

Von Veronika Gasser

Wirtschaft

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Beschäftigung? Die Daten lassen anscheinend verschiedene Schlüsse zu. So war es in den 60er- und 70er-Jahren unumstrittenes ökonomisches Gesetz, dass eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit führt. In den 80er- und 90er-Jahren kamen eher jene zu theoretischen Lorbeeren, die diesen Zusammenhang in Abrede stellten. Der Ökonomen-Mainstream heute sieht Arbeitslosigkeit und Wachstum als von einander abgekoppelte Faktoren. Die Studie der Wirtschaftsforscher Markus Marterbauer und Ewald Walterskirchen (Wifo) im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) weist an Hand von Länderanalysen nach, dass die enge Beziehung zwischen Wachstum und Arbeitslosigkeit sehr wohl besteht.


Das Ökonomen-Duo hat für seine Studie die wirtschaftliche Entwicklung in den kleinen EU-Ländern Österreich, Dänemark und den Niederlanden, sowie den Wirtschaftsmächten Deutschland, Frankreich und Großbritannien untersucht. Der Beobachtungszeitraum reicht von 1980 bis 1998. "Die Beziehung zwischen Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit ist enger als bisher angenommen", konstatieren Marterbauer und Walterskirchen. Hatten die orthodoxen Ökonomen in den 80er und 90er-Jahren den Anstieg der Arbeitslosigkeit auf die inflexiblen Arbeitsmärkte zurückgeführt - zu hohe Löhne, großzügige Arbeitslosenunterstützung, zu geringe Lohnunterschiede -, so interpretiert die Studie diese isolierte Sicht von Wirtschaft hier und Arbeitsmarkt dort als unzureichend: "Der falsche Eindruck einer Abkoppelung des Arbeitsmarktes von der Wirtschaftsentwicklung entstand offenbar durch die niedrigen BIP-Wachstumsraten". Es sei evident, dass die Beschäftigung nur dann steigen kann, wenn das Wachstum über die Produktivitätssteigerung hinausgeht. Laut Studie senke also ein höheres Wachstum die Arbeitslosigkeit.

Beschäftigung ist nicht gleich Beschäftigung

Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist, dass Beschäftigung und Beschäftigung nicht unbedingt dasselbe sind. Während die Studienautoren eine Zunahme des Wirtschaftswachstums über den Schwellenwert von rund 1,8% als notwendig erachten, damit die Beschäftigung zunehmen kann, zeigt sich, dass vor allem atypische Arbeitsverhältnisse im Vormarsch sind. Diese Tendenz gilt für die meisten untersuchten Länder, allerdings mit unterschiedlichen Auswirkungen: In den Niederlanden führte eine Beschleunigung des BIP-Wachstums um 1 Prozentpunkt zu einer Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen um 0,4% im gleichen und um 0,6 % im nächsten Jahr. "Hier kommt der Anstieg der Teilzeitbeschäftigung zum Ausdruck. Seit Beginn der 80er-Jahre ist weniger das Arbeitsvolumen als die Zahl der beschäftigten Personen gestiegen", so die Studie. Der Boom bei der Teilzeitbeschäftigung brachte zwar ein erfreuliches Ergebnis in der Beschäftigungsstatistik, es sanken damit aber die Reallöhne pro Kopf. Auch handelt es sich bei der nicht unbeträchtlichen Zahl von Teilzeitbeschäftigten und neuen Selbständigen meist um sogenannte prekäre Arbeitsverhältnisse ohne arbeits- und sozialrechtlichen Schutz. Betroffen davon sind vor allem Frauen, weil sie hauptsächlich in Teilzeitjobs unterkommen.

Die Niederlande haben im Vergleich zu Österreich weitaus weniger Vollzeitbeschäftigte, wobei bei uns die wachsende Zahl der geringfügig Beschäftigten kaum noch erfasst ist. Auch haben holländische Arbeitskollegen einen Anspruch auf eine Lohnsubvention respektive "Prekaritätsentschädigung", wenn sie keinen Vollzeit-Job finden können. Anders zeigen sich die Auswirkungen in Großbritannien: Hier gab es vor allem eine Zunahme der "selbstständig" Beschäftigten. Diese Gruppen in flexiblen Arbeitsverhältnissen müssen sich allerdings mit relativ geringen Einkommen zufrieden geben, bestätigt Günther Chaloupek, Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der AK. Er sieht die Beschäftigungszuwächse bei gleichzeitigem Auseinanderdriften der Einkommen sehr kritisch. Österreich weist schwache Konjunktur- und Beschäftigungsschwankungen auf. Entscheidend für diese Entwicklung war die makroökonomisch orientierte Lohnpolitik, der ausgebaute Wohlfahrtsstaat und die beschäftigungsorientierte Transfer- und Investitionspolitik der letzten Jahre. "Das Sparpaket der Regierung trifft vor allem den privaten Konsum. Einbrüche sind jedoch auf Grund der guten Wirtschaftslage kaum zu erwarten", so Walterskirchen.

Frankreich ist ein Sonderfall

Eine Sonderposition nimmt Frankreich ein. Hier gab es seit 1997 ein hohes Wirtschaftswachstum - rund 0,3% pro Jahr über dem EU-Durchschnitt - und die Arbeitslosenquote ist um 2,5% zurückgegangen. Die EU-Kommission erwartet für 2000 ein Wachstum von Produktion und Nachfrage von 3,7% sowie 1,7% bei der Beschäftigung. "Doch für ein großes Land wie Frankreich reicht Wirtschaftswachstum allein nicht aus. Hier gab es mit Arbeitszeitverkürzung und Kontrolle der Migrationsströme auch wirtschaftspolitische Akzente", erklärt Marterbauer. Die Arbeitszeitverkürzung wurde von der Regierung für alle beschlossen und schlich sich nicht über eine Liberalisierung der Arbeitsrechte ein. Ein weiteres Stimulationselement sehen die Autoren im Anstieg der Binnennachfrage, ausgelöst durch privaten und öffentlichen Konsum. Der private Konsum entstand durch stärkere Umverteilung zu niedrigen Einkommen. Deshalb gelte: Wirtschaftswachstum ist nur bei kleinen Ländern ausreichend, um die Beschäftigung anzukurbeln. Nur in Dänemark - wegen eines restriktiven Sparprogrammes - und Deutschland konnte sich die Lage am Arbeitsmarkt nicht wesentlich verbessern. In Deutschland liegt der BIP-Zuwachs schon seit 1993 deutlich unter dem EU-Schnitt. Nur Arbeitsmarkt-Eingriffe konnten mehr Beschäftigung schaffen.

Aufräumen wollen die Wifo-Experten mit der Annahme, dass Löhne wesentliche Wirtschaftsbremsen seien: "Im internationalen Wettbewerb sind Wechselkurse viel wichtiger als Löhne". Außerdem habe der Export nur indirekten Einfluss auf die Inlandsnachfrage, die im Fall des Wirtschaftswachstums die erste Geige spielt. Und diese kann durch steigende Löhne stimuliert werden. Für Chaloupek ist bewiesen, dass "niedere Einkommen das Wachstum eher drosseln". Auf Grund der Studien-Ergebnisse müsste vor allem das Thema Arbeitszeitverkürzung stärker diskutiert werden.