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"Bis 2018 ist keine Entspannung am Arbeitsmarkt in Sicht"

Von Sophia Freynschlag

Wirtschaft

Nach einem Rekord an Arbeitslosen im Dezember wird in den nächsten Jahren die Arbeitslosigkeit weiterhin steigen.


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Wien. Seit Jahren steigt die Arbeitslosigkeit in Österreich, und eine Trendwende scheint immer ferner in die Zukunft zu rücken. Zum Jahreswechsel war jeder zehnte Erwerbsfähige ohne Job, die Arbeitslosenquote nach nationaler Definition kletterte auf 10,2 Prozent. In diesem Jahr werde die Arbeitslosigkeit weiterhin im Vergleich zu 2014 zunehmen, sagt Herbert Buchinger, Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS): "Bis 2018 ist keine Entspannung am Arbeitsmarkt in Sicht." Bis dahin werde der Jahresdurchschnitt an Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr stetig steigen.

Auch Wifo und IHS erwarten in ihren aktuellen Prognosen für 2015 und 2016 keine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt. 2015 stehe "neuerlich ein einigermaßen schwieriges Jahr" auf dem Arbeitsmarkt bevor, teilte Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) am Freitag mit. Er rechnet im zweiten Halbjahr 2015 mit einer Stagnation, eine wirkliche Trendumkehr am Arbeitsmarkt erwartet er für 2016, wie er im Ö1-Mittagsjournal sagte. Noch Anfang 2014 rechnete Hundstorfer mit einer Trendwende im Jänner 2015. AMS-Vorstand Johannes Kopf hielt vor einem Jahr Mitte 2015 für zumindest "möglich".

Ausgangslage im europäischen Vergleich "noch eher günstig"

Das Wirtschaftswachstum ist zu schwach, sodass die Zahl der neu geschaffenen Stellen nicht mit dem wachsenden Arbeitskräfteangebot mithalten kann. Zwar ist die Zahl der Beschäftigten im Jahresvergleich um 0,6 Prozent auf 3,38 Millionen Ende Dezember gestiegen, die Zahl der Arbeitskräfte nimmt aber deutlich stärker zu. Gründe dafür sind der spätere Pensionsantritt von geburtenstarken Jahrgängen der Über-50-Jährigen und der Zuzug von Arbeitskräften.

Zwar hat die Arbeitslosenzahl im Dezember mit fast 456.000 Personen (inklusive Schulungsteilnehmer) ein neues Rekordniveau erreicht. Zumindest im Vergleich mit anderen europäischen Ländern sei die Ausgangssituation in Österreich für 2015 "noch eher günstig", so Hundstorfer. Die Arbeitslosenquote liegt im EU-Durchschnitt bei 10 Prozent.

Eine niedrigere Arbeitslosenquote als Österreich (5,1 Prozent nach Eurostat-Berechnung) hat mit 4,9 Prozent nur Deutschland, das Österreich nach fast vier Jahren im September als Musterschüler innerhalb der EU abgelöst hat. "In Österreich steigt das Erwerbspotenzial im Gegensatz zu Deutschland und die Zuwanderung ist stärker als im Nachbarland", erklärt Buchinger diese Entwicklung.

Zahl der Langzeitarbeitslosen hat sich mehr als verdoppelt

Besonders auffällig ist beim Blick auf die Statistik, dass im Dezember 2014 insgesamt 19.195 Personen länger als ein Jahr durchgehend auf Jobsuche waren - mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Rechnet man jene Langzeitarbeitslosen dazu, die während ihrer Jobsuche eine Schulung besucht haben oder nicht länger als zwei Monate beschäftigt waren, kommt man auf rund 101.500 Personen. Die Steigerung der Langzeitarbeitslosen sei eine Folge der geänderten Schwerpunktsetzung des AMS, so Buchinger: Arbeitslose werden seltener in Jobcoachings und Aktivierungskurse geschickt, stattdessen konzentriert man sich auf teurere Umschulungen und fachliche Qualifikation. Dadurch werden zwar weniger Personen ausgebildet, aber diese haben dafür bessere Jobchancen, so Buchinger. Die Zahl der Schulungsteilnehmer ist im Dezember 2014 um sieben Prozent auf 62.157 gesunken.

Zu den Langzeitarbeitslosen zählen vor allem ältere Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen, Niedrigqualifizierte und Personen, die in Regionen mit geringem Stellenangebot wohnen, heißt es vom AMS. Haben ältere Personen ihren Arbeitsplatz verloren, ist die Suche nach einer neuen Stelle oft schwierig. Die Arbeitslosenzahl bei Über-50-Jährigen stieg im Dezember überdurchschnittlich, ebenso bei Ausländern. Das AMS legt - bei gleichbleibendem Budget - in diesem Jahr den Schwerpunkt darauf, Über-50-Jährige wieder in Beschäftigung zu bringen. Für Unterstützung wie Eingliederungsbeihilfen und Kombilohn sind 120 Millionen Euro eingeplant.

Zahl der Kurzarbeitersteigt an

Nach Branchen ist die Arbeitslosigkeit in der Arbeitskräfteüberlassung und im Tourismus besonders stark gestiegen. Der milde Winterbeginn brachte am Bau einen deutlich geringeren Anstieg als im Durchschnitt.

Angesichts der 3900 Menschen in 20 Betrieben in Kurzarbeit (400 mehr als im November) fordert die Industriellenvereinigung (IV), dass die Sozialversicherung für die Kurzarbeiter vom Staat nicht erst ab dem siebten, sondern schon ab dem fünften Monat übernommen wurde, was seit dem Jahreswechsel nicht mehr gilt. Buchinger hatte zuletzt mit bis zu 10.000 Kurzarbeitern in diesem Jahr gerechnet.

Die in der EU vergleichsweise günstige Situation am heimischen Arbeitsmarkt "darf aber kein Ruhekissen sein", mahnte die Wirtschaftskammer und forderte zusätzliche Impulse, damit die Konjunktur und damit der Arbeitsmarkt 2015 in Schwung kommen. Österreich müsse die Senkung der Lohnnebenkosten angehen.

Eine Lohnsteuersenkung fordern Arbeiterkammer fordert und ÖGB. Die AK pocht zudem auf die Einführung eines Bonus-Malus-Systems für ältere Dienstnehmer, wie im Regierungsprogramm vorgesehen. Die IV warnt vor der Umsetzung dieser Idee: Das bringe keine Arbeitsplätze.