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Bis die Kinder auf der Straße stehen

Von Matthias Balmetzhofer und Christian Rösner

Politik
Die Stadt prüft derzeit ein neues Vergleichsangebot - und will vorerst nichts dazu sagen.
© Balmetzhofer

"Alt-Wien"-Kindergärten: Eltern wissen nicht, wie es weitergeht - würden sogar mehr zahlen, um Kinder dort lassen zu können.


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Wien. Langsam beginnt die Morgensonne die Glasfassade aufzuheizen. Es ist acht Uhr morgens und zahlreiche Eltern bringen ihre Kinder zur Betreuung in den Privatkindergarten "Alt-Wien".

"Damit meine Kinder weiter den Kindergarten ,Alt-Wien‘ besuchen können, würde ich sogar die nächsten drei Monate ohne Förderung bezahlen", erklärt Claudia F. in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die alleinerziehende Mutter war bis jetzt sehr zufrieden mit der Betreuung. Zwei Kinder besuchen den Kindergarten auf der Simmeringer Hauptstraße 34 im 11. Bezirk. Wohin sie ihre Kinder im September bringen wird, weiß sie noch nicht. Sie hofft, dass der Kindergarten "Alt-Wien" nicht zugesperrt wird. Das hat der Betreiber angekündigt, sofern es keine rechtzeitige Einigung mit der Stadt geben sollte - die "Wiener Zeitung" berichtete.

Zwei Väter, die anonym bleiben wollen, erklären, dass ihnen die ungewisse Situation zu schaffen macht. "Aber es geht nicht nur uns so. Auch die Mitarbeiter des Kindergartens wissen nicht, wie es weitergeht", sagt einer der beiden Männer. Er hat gerade sein fünfjähriges Kind der Betreuerin übergeben. "Die MA10 hat uns geraten, den Vertrag mit ,Alt-Wien‘ zu kündigen. Erst dann schauen sie wegen einem Platz für mein Kind", erklärt der zweite Familienvater. Den Vertrag kündigen? Das möchte der zweifache Vater nicht. Er ist verwundert über das Vorgehen der MA10 und fragt: "Wenn ich meinen Vertrag kündige, was passiert, wenn sich die Stadt Wien und die Betreiber des Kindergartens doch noch einigen können? Muss ich dann wieder einen neuen Vertrag abschließen?"

Laut Claudia F. sollen bereits einige Eltern ihre Kinder aus dem Privatkindergarten "Alt-Wien" genommen haben: "Trotz der Urlaubszeit merkt man schon, dass weniger Kinder da sind", meint sie. Ein Kindergartenwechsel noch im August kommt für sie ebenfalls nicht in Frage. "Ich warte, bis meine Kinder auf der Straße stehen, dann nehme ich mir zwei Wochen Urlaub und schaue mich wegen einem neuen Platz um", meint auch einer der Väter. Der September lässt ohnehin nicht mehr lange auf sich warten.

Hoffnungsschimmer

Die Eltern befinden sich also nach wie vor in der Warteschleife. Denn es gibt noch einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass die "Alt-Wien"-Kindergärten doch noch fortgeführt werden könnten. Schließlich hat die Stadt, wie berichtet, ein neues Vergleichsangebot vom Betreiberverein erhalten. Und der bisherige Vereins-Chef Richard Wenzel ist mittlerweile aus dem Vorstand zurückgetreten - so wie von der MA10 ursprünglich gefordert. Ein positives Signal für die Betroffenen?

Nur bedingt, denn es wurden die anderen Forderungen noch nicht erfüllt: die Vorlage der Jahresbilanz von 2015 sowie die Rückzahlung der angeblich zweckwidrig verwendeten Fördergelder in der Höhe von 6,6 Millionen Euro. Abgesehen davon hätte Wenzel diesen drei Forderungen bereits am 3. August zumindest rechtsverbindlich zustimmen müssen, wie die Leiterin der MA10, Daniela Cochlar, der "Wiener Zeitung" erklärte.

Zum neuen Vergleichsangebot schweigt man bei der Stadt - obwohl es der MA10 bereits seit vergangenen Freitag vorliegt. "Ob der vorgelegte Vergleich einen neuen Inhalt hat, kann ich nicht sagen, da ich keine Juristin bin. Der Vergleich wird derzeit geprüft", erklärte Cochlar.

Auch im Büro der zuständigen Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) zeigte man sich zurückhaltend. "Alles, was ich sagen kann, ist, dass ein Vergleichsangebot eingelangt ist und das müssen wir uns anschauen", so eine Sprecherin. Auf die Frage, ob eine Rettung der Plätze im Fall der Erfüllung aller Forderungen noch möglich wäre, hieß es: "Wir haben immer gesagt, wenn alle drei Forderungen erfüllt werden, wird es wieder eine Förderung geben."

Derzeit sei man sich aber über die wahren Motive des Herrn Wenzel noch nicht im Klaren - ob er tatsächlich um das Wohl der Kinder besorgt ist oder ob er mit seinem Rückzug aus dem Vorstand und dem neuen Vergleichsangebot nur seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will - immerhin wurde gegen ihn eine Anzeige bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft eingebracht.

"Viele leere Versprechungen"

"Das ist schwer zu sagen, weil Herr Wenzel sehr oft widersprüchliche Informationen auch über die Medien ausrichten ließ und viele leere Versprechungen gemacht hat. Deswegen wollen wir zuerst alles ganz genau prüfen, bevor wir weitere Schritte überlegen", so die Sprecherin.

Insider befürchten, dass der Zug schon längst für die "Alt-Wien"-Kindergärten abgefahren ist. "Wenzel pokert einfach. Das hat er schon immer getan", hieß es etwa. Für den Verein mache es demnach überhaupt keinen Sinn, den vollen Betrieb aufrechtzuerhalten, zumal bereits bis zu 300 Kinder umgemeldet worden seien. "Das heißt, es fehlen dem Verein bereits jetzt schon Fördergelder in der Höhe von weit mehr als 100.000 Euro pro Monat." Und der Rückzug aus dem Vorstand sei nichts Außergewöhnliches für einen Mann im Pensionsalter, hieß es weiter. Auch von dem neuen Vergleichsangebot verspricht man sich wenig. Und tatsächlich hat Wenzel der "Wiener Zeitung" erklärt, dass sich das neue Angebot kaum von dem vorangegangenen unterscheidet.