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Bisher umworben, bald ignoriert?

Von Heiner Boberski

Politik

Sie ist keineswegs homogen, die heute heranwachsende Generation der Kinder und Jugendlichen. Das betont auch Ingrid Kromer vom Österreichischen Institut für Jugendforschung im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Aber einige Trends zeichnen sich ab: Die Jungen werden keine von der Werbewirtschaft besonders umworbene Gruppe bleiben. Und sie leiden unter mehr Zukunftsangst, vor allem, was den Einstieg in den Arbeitsmarkt und die Stabilität ihrer Familie, aber auch Umweltverschmutzung sowie Kriegs- und Terrorgefahr anlangt.


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"Wiener Zeitung": Was sind aus jüngster Zeit die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit hier am Institut?

Ingrid Kromer: Es ist vielleicht ein alter Hut, aber es ist trotzdem wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Jugendliche nicht politisch desinteressiert sind, sondern dass es einfach die Strukturen sind, die sie hindern mitzumachen. Ich werde nicht müde, das immer wieder zu betonen. In Diskussionen über Wahlaltersenkung, jüngst wieder in St. Pölten, heißt es ja oft: Die wollen das ja selber nicht. Wenn man Jugendlichen nicht ernsthaft die Chance bietet, dann denken sie auch nicht darüber nach. In Graz hat man die Jugend mitwählen lassen, auch im Burgenland. Dort wo viel in Vorbereitungsarbeiten und in begleitende Bildungsarbeit investiert wurde, da wurde die Wahl als Mitspracheinstrument angenommen und führte zu einer hohen Wahlbeteiligung.

Wir mussten auch feststellen, dass Gender-Mainstreaming sich noch nicht durchgesetzt hat. Es ist noch immer ein Unikum, wenn man einfordert, dass Verhaltensweisen, Situationen, Maßnahmen, etc. geschlechterspezifisch betrachtet werden. Da ist noch sehr viel in Österreich zu tun.

Eine wichtige - und doch nicht neue - Erkenntnis ist noch, dass die heutige Jugend nicht so schlimm ist, wie man allgemein behauptet. Jugendliche stehen heute natürlich vor vielen Herausforderungen - insbesondere die 12- bis 15-Jährigen - und müssen diese zumeist ganz alleine bewältigen, denn Erwachsene können mit ihnen meist gar nicht umgehen. Aber ich finde, dass sie eigentlich ziemlich kompetente Mädchen und Buben sind. Es wird zu viel von Problemen mit der Jugend geredet und zu wenig von den Kompetenzen.

"Wiener Zeitung": Wie stehen sie zu Neil Postmans These vom Ende der Kindheit? Können Sie das unterschreiben?

Ingrid Kromer: Nein, das kann ich nicht unterschreiben. Man kann ein paar Dinge herausnehmen. Er hat Recht, zu meiner Zeit durften Kinder nicht Zeitung lesen, das war Erwachsenensache. Jetzt dürfen Kinder auch Zeitungen lesen, und sie werden mit vielen Problemen konfrontiert, wo sie draufkommen, dass die Eltern sie auch nicht lösen können. Und das ist eine Schwierigkeit, die manche auch in Krisen geraten lässt. Aber es gibt heute nach wie vor noch dieses Moratorium, diesen Schonraum für Heranwachsende. Heutige 11-/12-Jährige dürfen auch noch Kind sein.

Konsum- und Freizeitindustrie stürzen sich natürlich auf diese Altersgruppen, weil da ein großes Potenzial drinnen ist. Das sind die einzigen, die diese Altersgruppe ernst nehmen. Wir sagen immer, wie wichtig Jugendliche sind, aber wir nehmen ihre Ideen nicht ernst. Wer sie ernst nimmt, ist die Freizeit- und Konsumindustrie, natürlich, denn die machen damit auch das große Geschäft.

"Wiener Zeitung": Die Geburtenentwicklung deutet in eine Richtung, die daran zweifeln lässt, dass die Jugend auf die Dauer die von der Werbung meistumworbene Zielgruppe sein wird ...

Ingrid Kromer: Das wird bzw. ist sie auch sicher nicht mehr. Ich sehe die Geburtenentwicklung auch als großes Problem für die heranwachsenden Kids. Im Gegensatz zur Vergangenheit wird es immer schwieriger für Kinder und Jugendliche, ihre Anliegen und Interessen gegenüber einer Mehrheit von Älteren durchzusetzen. Doch je mehr das Stimmengewicht sich zu Lasten der Jüngeren verschiebt, desto stärker werden langfristige Konsequenzen der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen und Entscheidungen ausgeblendet. Der Zukunftshorizont der gegenwärtigen Politik wird - demographisch bedingt - ausgeblendet und führt zu einem qualitativen Ungleichgewicht der Generationeninteressen.

Denn ich bezweifle, dass mit einer marginalisierten Gruppe besonders wohlwollend umgegangen wird; man wird vielmehr die Bedürfnisse und Interessen von Kindern/Jugendlichen ignorieren. Den Ton geben, das sehen wir ja jetzt schon, die 50-Jährigen und Älteren an. Wieso haben wir eine ewige Diskussion über die Pensionsreform und nicht über eine nachhaltige Bildungsreform?

"Wiener Zeitung": Sehen Sie einen stärkeren Generationenkonflikt heraufdämmern?

Ingrid Kromer: Ich sehe einen solchen Konflikt nicht. Man sprach schon Mitte der 90er Jahre vom "verschwundenen Generationskonflikt". Ich denke, man konstruiert künstlich einen Generationenkonflikt, der gar nicht da ist. Es haben sich die Kinder und Jugendlichen mit den Erwachsenen arrangiert. Eltern akzeptieren den Lebensstil ihrer Kinder viel selbstverständlicher als noch vor 20 Jahren. Das große Ausmaß akzeptierter Nichtübereinstimmung zwischen Eltern und Kindern hat zur Folge, dass Jugendliche sich nicht erst gegen ihre Eltern durchsetzen müssen, sondern sogar großteils von den Eltern bei ihrer Abgrenzung und Distanzierung von den Lebensstilen der Elterngeneration unterstützt werden. Es kann sicherlich eine Entwicklung vom Befehlshaushalt hin zu einem Verhandlungshaushalt beobachtet werden.

"Wiener Zeitung": Spüren Sie bei der Jugend heute mehr Zukunftsangst als bei früheren jungen Generationen?

Ingrid Kromer: Also bei Kindern glaube ich, dass Zukunftsangst mehr ein Thema ist als vor etwa 20 Jahren, weil eben die Eltern, die Erwachsenen keine Lösungskonzepte mehr parat haben und damit Probleme in unserer Gesellschaft bedrohlicher wirken. Durch die dominierende "Bad News"-Berichterstattung der Medien können sich Kinder diesen Bedrohungen weder durch Flucht entziehen noch an politischen Entscheidungen partizipieren, die diese Risiken eventuell vermindern könnten. Das erzeugt Gefühle der Verunsicherung, Angst und Ohnmacht.

"Wiener Zeitung": Betrifft das jetzt mehr die persönlichen Dinge, zum Beispiel Angst vor Scheidung der Eltern, oder auch globale Probleme?

Ingrid Kromer: Wenn man von Ängsten bei Kindern redet, dann bestehen die vorrangig darin, dass sich die Eltern trennen oder dass der Hamster stirbt, also persönliche Probleme im Mikrobereich. Aber auch Sorgen auf der Makroebene sind sehr stark: dass die Kriege immer mehr werden, dass die Umweltverschmutzung zunimmt, dass wir den Terrorismus nicht in den Griff bekommen, etc. Gerade der 11. September 2001 hat bei Kindern viele Ängste ausgelöst.

Es stellt sich dann die Frage: Wie kompetent gehen Erwachsene mit den Ängsten um? Dass man also diese Ängste nicht wegredet, aber auch nicht aufbauscht.

Bei Jugendlichen sehe ich verstärkt die Sorge im Bereich berufliche Zukunft: Wie kann ich bestehen? Wie kann ich mich integrieren? Welche zusätzlichen Qualifikationen brauche ich noch? Arbeit war sicher nie so ein starkes Thema wie in den letzten fünf Jahren.

"Wiener Zeitung": Mit welcher Forschung beschäftigen Sie persönlich sich momentan im besonderen?

Ingrid Kromer: Mit der Nachhaltigkeit. Mit der Frage: Wie kann ich nachhaltiges Umwelthandeln bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen fördern? Welche Einflussfaktoren sind wesentlich für eine nachhaltige Praxis? Welche Erfahrungen und welches Wissen sind für eine Veränderung in Richtung nachhaltigen Lebensstils relevant? Ich glaube, man muss da schon ganz früh ansetzen.

Weiters arbeite ich auch zum Bereich Partizipation und Mitbestimmung: Dabei stehen sowohl Fragen nach den individuellen Kompetenzen, Interessen und Erfahrungen der Kinder/Jugendlichen aber auch Fragen nach den strukturellen Rahmenbedingungen und Mitsprachemöglichkeiten im Vordergrund der Forschungsarbeit.

Für das Bildungsministerium habe ich gerade einen österreichischen Länderbericht zum OECD-Projekt "starting strong" abgeschlossen: In Österreich gibt es im Gegensatz zu anderen Ländern kaum Grundlagenmaterial und Daten über die Betreuung von Kindern zwischen 0 und 6 Jahren. Dabei stellen sich natürlich so wichtige Fragen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, qualifizierte Betreuungsplätze, soziale Chancengleichheit, etc.

"Wiener Zeitung": Beschäftigen Sie sich auch mit der Frage, was die Jugend in der Freizeit vorrangig tut?

Ingrid Kromer: Nein. Das wissen wir, das erfährt man immer wieder von Meinungsforschungsinstituten. Uns würde viel mehr interessieren: Wie geht es Jugendlichen in prekären Arbeitsverhältnissen? Wie geht es denen, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, die nur von Job zu Job gehen? Jugendliche machen sich große Sorgen, wie sie sich in den Arbeitsprozess integrieren können. Diese Sorgen ernst zu nehmen und auch aufzuzeigen ist für uns vorrangiger als zu wissen, ob Jugendliche heute mehr Mountainbiken oder Basketballspielen.

Das Gespräch führte Heiner Boberski