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Bismarck an den Masurischen Seen

Von Martyna Czarnowska

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Ein Obelisk zu Ehren des deutschen Reichskanzlers sorgt in einer ostpolnischen Gemeinde für Streit.


Nakomiady, früher Eichmedien, ist ein kleines Dorf. Umgeben von Wäldern liegt es am Rande der großen Masurischen Seenplatte, im Nordosten Polens. Tausendjährige Bäume finden sich in der Umgebung, heißt es. Und der Nationalpark, wo die letzten lebenden Wisente, eine europäische Bisonart, zu sehen sind, ist auch nicht weit entfernt.

Vom Massentourismus, von achtlosen Seglern und Wanderern, die die masurischen Seen jeden Sommer stellenweise in eine Kloake verwandeln, bleibt Nakomiady verschont. Nur manchmal kommen deutsche Besuchergruppen auf ihrem Weg zur "Wolfsschanze", dem Ostfront-Hauptquartier Adolf Hitlers, dort vorbei. An die 600 Menschen leben in dem Ort. Er wäre auch in Polen einer breiten Öffentlichkeit unbekannt - wenn da nicht Otto von Bismarck wäre.

Ein Obelisk zu Ehren des deutschen Reichskanzlers sorgt in der Gemeinde für Streit. Im Jahr 1899 hatten ihn ostpreußische Siedler aufgestellt. "Dem großen Kanzler Fürsten Otto v. Bismarck gewidmet" schrieben sie darauf. Und auch nach 1945, als Ostpreußen wieder Polen war, störte das Denkmal kaum jemanden. Zwanzig Jahre später stieß ein Bagger bei Bauarbeiten den Obelisk um. Der Stein blieb liegen, mit der Zeit bedeckt von Erde und Gras.

Wieder entdeckt und renoviert wurde er im Vorjahr, im Zuge einer Dorfverschönerungsaktion. Vielleicht ließe sich das Denkmal auch als Touristenattraktion verkaufen, dachte sich so mancher.

Doch nicht allen Bewohnern passte eine derartig gepflegte Erinnerung an Bismarck, der für seine polenfeindliche Haltung bekannt war. Als geschmacklos sieht auch der Rat zum Schutz von Gedenkstätten die erneute Aufstellung an: Der Stein müsste in einem Museum stehen und nicht mitten auf dem Dorfplatz. Die Debatte wurde weit über die Grenzen der Gemeinde bekannt, auch landesweit erscheinende Zeitungen - wie "Rzeczpospolita" - berichteten darüber.

Der Obelisk sei ein Teil der Geschichte des Landstrichs und müsse erhalten werden, befand Bürgermeister Slawomir Jarosik. In erster Linie hätte darüber aber das Dorf zu entscheiden. Und das Dorf entschied: Bei einer Bürgerversammlung - zu der nicht einmal jeder zehnte Bewohner gekommen war - wurde geheim abgestimmt. Für den Verbleib des Denkmals sprachen sich 34 Menschen aus, 16 waren dagegen. Doch damit war der Streit nicht zu Ende.

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Als der polnische Schriftsteller Melchior Wankowicz Anfang der 30er-Jahre die Masuren bereiste, war er auf der Suche nach Spuren des Polnischen. 1920 hatte sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in einer Volksabstimmung für den Verbleib bei Ostpreußen ausgesprochen. Erst 1918 hatte Polen seine Unabhängigkeit wiedererlangt, zuvor war es länger als hundert Jahre zwischen Preußen, Russland und Österreich-Ungarn aufgeteilt. Die Germanisierungspolitik reichte tief: Lehrer, die auf Polnisch unterrichteten, wurden zu Tode geprügelt, polnische politische Aktivisten eingesperrt, das Land der masurischen Bauern sollte kolonialisiert werden.

Gaben bei der Volkszählung 1910 in Ostpreußen noch 263.888 Menschen an, Polnisch zu sprechen, waren es 15 Jahre später nur noch 97.424. Dass Masurisch nicht Polnisch sei, hätten die Deutschen den Masuren so lange eingebläut, bis es viele Masuren selbst glaubten, schreibt Wankowicz. Ein Denkmal für einen polnischen König hätten die preußischen Herren damals nicht zugelassen.

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"Wir haben gezeigt, dass wir jetzt anders handeln als Bismarck", freute sich ein Bewohner von Nakomiady über die Entscheidung zugunsten des Obelisken. Doch dessen Zukunft ist noch keinesfalls gefestigt. Die Baubehörde auf Gemeindeebene ordnete die Entfernung des Steins an. Bürgermeister Jarosik berief bei der Baubehörde auf Bezirksebene. Wenn es sein muss, will er auch vor dem Verwaltungsgerichtshof für das Bismarck-Denkmal kämpfen.