Zum Hauptinhalt springen

Bitte lächeln!

Von Karin Henjes

Reflexionen

Designer sind ernste Menschen. Mit kantigen Brillen sitzen sie in hellen | Ateliers und denken über Schönheit nach. Wenn sie damit fertig sind, entwerfen sie minimalistische Gegenstände in vollendeter Perfektion. Stimmt das wirklich? Der | eine oder andere Produktgestalter mag so vorgehen. Die meisten jedoch arbeiten viel lebensnaher. Und Humor haben sie auch. Zumindest in den Niederlanden.


Ben von Berkel beobachtet gerne das Verhalten von Menschen in größeren Gruppen. Jürgen Bey denkt darüber nach, wie Gefängnismöbel aussehen müssen, damit Häftlinge ihre Würde wiederfinden. Und Hella Jongerius überlegt, wie man den industriellen Produktionsprozess so gestalten kann, dass die Arbeiter an den Maschinen einen kreativen Spielraum erhalten. Dennoch sind die drei keine Verhaltensforscher, sondern Produktdesigner.

Humor muss sein. Jürgen Bey und Hella Jongerius stehen dabei - wie viele ihrer Landesgenossen - in der Tradition von Droog Design in Amsterdam. 1993 von Renny Ramakers und Gijs Bakker gegründet, bot und bietet das Unternehmen den jungen und originellen Geistern des Landes eine Plattform zur Verwirklichung ihrer Designideen. Das Wort "Droog" drückt dabei die "trockene" oder "sachliche" Gesinnung aus, in der die Produkte gestaltet werden. "Sachlich" allerdings nicht im Sinne von streng und reduziert, sondern im Sinne von originell und naheliegend. Herausgekommen ist ein ständig wachsendes Sortiment von Produkten, die oft zum Lächeln und häufig zum Nachdenken animieren. Darüber hinaus hat sich Droog Design zur Talentschmiede par excellence entwickelt. Kaum einer der großen niederländischen Namen fehlt im Designerverzeichnis von Droog. Auch die Produkte selbst sind unter eigenwilligen Inneneinrichtern international bekannt und beliebt. "Die Sachen von Droog Design sind einfach immer ein bisschen anders. Wir finden sie sehr innovativ", urteilt Nicole Oest vom Einrichtungsstudio Elimination im süddeutschen Waltersberg. Vor allem zwei Objekte von Droog hat sie schon öfters für Raumplanungen verwendet: den "Rug Chair" und die aus Glühbirnen zusammengebundene Leuchte "85 lamps". Fragt man Frau Oest, ob es ihrer Meinung nach ein typisch niederländisches Design gibt, zögert die Diplomingenieurin. "Man könnte zumindest von einem Benelux-Design sprechen", meint sie nach einer Denkpause. "Es hat eine spezielle Linie, und die Dinge sind neu durchdacht."

Kommunikation erwünscht. Gründlich nachgedacht wird auch in Ben van Berkels UN Studio. Der freundliche Architekt und Produktdesigner wird nicht müde zu betonen, dass die Entwürfe seines Amsterdamer Studios Gemeinschaftsleistungen all seiner Mitarbeiter sind. So wie der "längste Tisch der Welt" (O-Ton Ben van Berkel), der im Januar auf der Kölner Möbelmesse seine Premiere hatte. Das 55 Meter messende weiße Möbel wurde als kulturübergreifender Treffpunkt in der Halle 11 des Kölner Messegeländes konzipiert. Neben einer ganz gewöhnlichen riesigen Arbeitsfläche enthielt es Aussparungen, in denen sich Besucher quer zum Tisch gegenübersitzen konnten, sowie Erhöhungen, auf denen sie (wie z. B. in China üblich) ein Schläfchen abhalten durften. Auch in der Frankfurter Ausstellungshalle Portikus hat Ben van Berkel kürzlich im Sinne einer nichthierarchischen Kommunikation gewirkt. Als Professor der Frankfurter Städelschule entwarf er gemeinsam mit Kollegen und ortsansässigen Unternehmen eine komplexe architektonische Installation. Der zweistöckige Raum, der durch Lichtdesign um eine neue, inspirierende Dimension bereichert wurde, diente als Plattform für Kunstobjekte, Sound-Installationen und Events.

Dekoration ist Kult. Zum einen stellen die niederländischen Designer ihre - eigenwilligen - Entwürfe also gerne in einen gesellschaftlichen und kommunikativen Kontext. Zum anderen hat das Land der bunten Tulpen aber noch eine zweite starke Kraft zu bieten: die Lust auf das Dekorative und Üppige bis hin zum Kitsch. Denn die Niederländer trauen sich was - und tragen damit manchmal zu regelrechten Modewellen bei. Als stilprägend in diesem Sinne erwies sich Tord Boontje zur Jahrtausendwende. Anfang des 21. Jahrhunderts entwarf er seine sogenannte Mittwochs-Kollektion. "Die Wednesday Collection entstand nach der Geburt meiner Tochter Evelyn", informiert der Designer. "Ich begann mich zu diesem Zeitpunkt für wärmere, liebevollere Dinge zu interessieren. Es ging um die Frage, wie sich Weiblichkeit und Dekoration verbinden lassen." Das Ergebnis von Tord Boontjes Studien waren zarte Scherenschnitte, in denen neben Blumen und Blättern auch Hasen, Füchse und Krähen Platz hatten. Mit diesen feinen Fantasiewiesen und -wäldern, die er bald noch üppiger ausschmückte, machte der in Frankreich angesiedelte Designer weit über Europa hinaus Schule. Viele andere Lifestyle- und Accessoires-Unternehmen griffen die Ornamentik auf und entwickelten eigene Produkte daraus. Auch Tord Boontje selbst variierte und vermarktete seine Traumwelten hundertfach - als Leuchten und Vorhänge, als Teppiche und Tischtücher, als Sessel und Sofas. Und so kann man seine Blumen und Bambis in Einrichtungsgeschäften und Museumsshops, in Schreibwarenläden und Lichtgalerien, in Warenhäusern, Schaufenstern und Museen sehen. Auch für die Swarovski Crystal Gallery in Innsbruck oder das House of Shiseido in Tokyo hat Boontje schon Installationen kreiert.

Lächeln, bitte. Doch nur auf den ersten Blick sind seine zarten Schöpfungen Lichtjahre entfernt von dem Lumpensessel für Droog Design oder den technischen Installationen eines Ben van Berkel. Denn all diese Entwürfe sind stark genug, um ein Staunen bei ihren Betrachtern hervorzurufen. Und auch, wenn man Tord Boontjes naive Ornamente zu verspielt finden mag - ein Lächeln zaubern sie allemal auf die Lippen!