Zum Hauptinhalt springen

Bittere Pillen für den Hauptverband

Von Katharina Schmidt

Politik

Ziel der geringeren Kostensteigerung rückt in die Ferne. | Ärztekammer: Versorgungsniveau ist ebenfalls höher. | Wien. "Ärzte verschreiben so viele Medikamente wie noch nie". Mit dieser Warnung hat in der vergangenen Woche der Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Erich Laminger, aufhorchen lassen. Tatsächlich wurden im ersten Quartal 2006 um rund elf Prozent mehr Medikamente verschrieben als noch im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Einen gleich hohen Anstieg gab es laut Laminger bei den bundesweiten Heilmittelkosten.


Für Hauptverbands-Sprecher Dieter Holzweber bietet diese Entwicklung Anlass zur Sorge: Das Ziel des Hauptverbandes, eine Steigerung der Arzneimittelkosten von lediglich drei bis vier Prozent bis Jahresende zu erreichen, werde wohl nicht erfüllbar sein, meint er zur "Wiener Zeitung". Prognostiziert war zwar eine Kostensteigerung von neun Prozent, die Versicherungen wollten diese aber deutlich unterschreiten.

Mehr Freiraum für Ärzte "Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung kränker geworden ist", sagt Holzweber. Der Grund für den starken Anstieg liege viel eher darin, dass durch die Gesundheitsreform "zahlreiche Schranken gefallen" seien. So wurde etwa die Zahl jener Arzneimittel, die vom Chefarzt vorab bewilligt werden müssen, von fünf Millionen auf eine Million gesenkt. Damit haben die Vertragsärzte mehr Möglichkeiten, teurere Medikamente eigenverantwortlich zu verschreiben. Von "Kaputtsparen" des Gesundheitssystems, wie es die Ärztekammer jüngst formuliert hat, könne also keine Rede sein, so Holzweber. Er appelliert allerdings an das "Verantwortungsbewusstsein der Ärzte" beim Ausstellen von Rezepten.

"Therapien kosten"

Die Ärztekammer bewertet den Anstieg anders: "Wenn man ein hohe Versorgung gewährleisten will, dann muss man auch die Finanzierung sicherstellen", sagt Günther Wawrowsky, Obmann der niedergelassenen Ärzte. Für ihn ist der Mehrverbrauch an Medikamenten eine logische Konsequenz aus den verstärkten Werbeaktionen etwa rund um die Vorsorgeuntersuchung. Als Arzt könne man nicht eine Vorsorgeuntersuchung durchführen und dann auf eine medikamentöse Therapie - beispielsweise bei Diabetes - verzichten. "Und Therapien kosten Geld", erklärt er.

Dass sich Ärzte nicht genügend Zeit für ihre Patienten nehmen wollen und daher lieber zum Rezeptblock greifen, wie vom Hauptverband vermutet, weist Wawrowsky zurück. Einen Diabetiker, der keine offensichtlichen Krankheitssymptome hat, zu überzeugen, seine Medikamente gegen die Spätfolgen regelmäßig zu nehmen, koste gerade die meiste Zeit. "Es ist diese Zuwendung, die letztlich die Kosten verursacht", ist Wawrowsky überzeugt.

"Eine Kostensteigerung ist nicht per se schlecht", heißt es dazu auch im Büro von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. "Es soll ja jeder das bekommen, was er braucht", meint Sprecher Christoph Hörhan. Der Kostenanstieg könnte etwa durch den verstärkten Einsatz von Generika ausgeglichen werden.

Zu wenige Generika?

Hier setzt allerdings die Kritik der Opposition an: Während in Österreich der Generika-Anteil noch bei rund 10 Prozent liege, würden in Deutschland bereits mehr als 50 Prozent der günstigeren Medikamente mit gleicher Wirkung verschrieben, erklärt SPÖ-Gesundheitssprecher Manfred Lackner.

Hörhan weist diese Kritik zurück. Innerhalb einer Legislaturperiode habe man es immerhin geschafft, die Zahl der verschriebenen Generika zu verdoppeln, "dass der Anteil nicht plötzlich auf 50 Prozent steigen kann, ist klar", meint er zur "Wiener Zeitung".

Zahlen:

Die Arzneimittelkosten sind seit den 90er Jahren stark angestiegen. Betrugen sie im Jahr 1990 noch 859 Millionen Euro, waren es im Jahr 2005 schon 2463 Millionen Euro an Kosten.

Die Anzahl der Verschreibungen hat sich ebenfalls erhöht: Von 81,8 Millionen (1990) auf 105 Millionen im Jahr 2005. Sie stieg damit um fast 30 Prozent.