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Blair: Unbeliebt, aber unbesiegbar

Von Sigrun Saunderson

Politik

Schmutzige Wahlkampfmethoden haben neuerdings im sonst so kultivierten Großbritannien Einzug gehalten. Die konservative Oppositionspartei unter ihrem Führer Michael Howard befasste sich in den letzten Wochen weniger mit konkreten politischen Ideen, sondern konzentrierte sich auf Tony Blairs Charaktereigenschaften.


"Tony Blair ist ein Lügner", "Stellen Sie sich noch einmal fünf Jahre mit dem da vor" und "Lasst uns Blair endlich loswerden" sind diesmal die Hauptaussagen der konservativen Kampagne, für deren Leitung Howard den Australier Lynton Crosby engagiert hat. Doch was Down Under für Wahlsiege sorgt, scheint den wohlerzogenen Briten doch noch etwas zu anstößig zu sein. Sogar Ex-Premierministerin Margaret Thatcher verließ kurz vor den Wahlen empört das Land. Und Stephen Yorke, seit 20 Jahren prominentes Mitglied der Konservativen, stieg letzten Samstag "angewidert" aus Howards Partei aus.

Schon vor Howards Frontalangriff genoss Blair nur noch wenig Vertrauen von Seiten der Wähler. Spätestens seit der Diskussion um die Rechtmäßigkeit des Irak-Krieges fühlt sich rund die Hälfte aller Briten, darunter auch 75 Prozent der Labour-Wähler, von ihm betrogen. Das heißt aber nicht, dass sie seinem Gegner Howard mehr Redlichkeit zutrauen. Im Gegenteil. Durch die Schlammschlacht und den Versuch an Blairs Image zu kratzen, verlieren nicht nur Labour, sondern besonders die Konservativen stetig an Popularität.

Der Kampf um die Mitte

Doch welche Wahlthemen bieten sich der Oppositionspartei noch, seit "New Labour" sie in den 90er Jahren aus der politischen Mitte verdrängte? Wollen sich die Konservativen von Labour abgrenzen, bleibt ihnen nur ein bedeutender Rechtsruck. So verlangt Michael Howard eine verschärfte Immigrations- und Sicherheitspolitik und will Blairs Menschenrechtsverordnung rückgängig machen. Aussagen wie "Einwanderer sollten Gesundheitstests unterzogen werden" und "Die Kriminalität ist außer Kontrolle geraten" bringen ihm aber sogar in der eigenen Partei den Vorwurf ein, mit Angstmacherei auf Stimmenfang zu gehen, und lassen Tory-Wähler abwandern.

Als moralische Gewinner steigen die Liberaldemokraten aus. Sie haben sich in den letzten zehn Jahren von einer kleinen Minderheitenpartei zur dritten Kraft mit einem Stimmenanteil um die 20 Prozent hochgearbeitet und nehmen Überläufer von allen Seiten gerne in ihrer Mitte auf. Ihr Führer Charles Kennedy versteht seine Partei als die wahre Opposition. Bewusst beschränkt er sich auf konstruktive Diskussion, sachliche Argumente und geht in Umfragen als der Vertrauenswürdige und Vernünftige hervor.

Von Anfang an konsequente Gegner des Irak-Krieges, haben die Liberaldemokraten einen Großteil des Volkes hinter sich, wenn sie beide Großparteien wegen ihrer "unmoralischen" Irak-Politik kritisieren. Auch ihre Sozialpolitik findet Anklang. Doch immer noch scheint Charles Kennedy dem Wähler zu anständig oder gar naiv, um sich als britischer Premierminister durchzusetzen.

Wahlstimmenverschiebung zwischen Labour und LibDem

Und dann ist da noch das britische Wahlsystem, das viele Anhänger der Liberaldemokraten zum taktischen Wählen verleitet. Sie geben lieber Labour ihre Stimme, anstatt durch eine verlorene LibDem-Stimme den Konservativen in die Regierung zu helfen. Kein Wunder, dass Charles Kennedy zu den größten Kritikern dieses "perversen" Wahlsystems zählt.

Immer wieder verweisen Blair und seine Wahlkampfstrategen auf das stabile Wirtschaftswachstum und die seit 30 Jahren niedrigste Arbeitslosenrate. So gerne Blair die Aufmerksamkeit auf die Erfolgsthemen der Labour-Regierung lenken möchte - wozu auch Steuererleichterungen, Investitionen im Schul- und Gesundheitswesen sowie erhöhte Sozialleistungen gehören - seine Person steht weiterhin unter ständiger Kritik. Auch aus den eigenen Reihen. Die Angstmacherei im "Kampf gegen den Terrorismus" verärgerte einen beachtlichen Teil seiner Labour-Kollegen. Kurz vor den Wahlen wechselten zwei Abgeordnete zu den Liberaldemokraten. Darunter Partei-Veteran Brian Sedgemore. Ihnen sollen laut Gerüchten noch weitere Überläufer folgen. Sedgemore trat in der vergangenen Woche nach 27 Jahren aus der Partei aus und wechselte zu den Liberalen, die von Anfang an gegen den Waffengang waren. Er fordere alle Wähler auf, Blair am Donnerstag "eine blutige Nase zu verpassen", sagte Sedgemore. Und Liberalen-Chef Charles Kennedy erinnerte den Premier an seinen Ausspruch, die Geschichte werde sein Richter sein. "Da irrt er", sagte Kennedy. "Das britische Volk wird sein Richter sein."

Brown in den Startlöchern

Blairs alter innerparteilicher Opponent, Schatzkanzler Gordon Brown, demonstriert hingegen neuerdings Einigkeit mit dem Premierminister. Er wird als Nachfolger Blairs gehandelt - und das möglicherweise schon innerhalb der kommenden Regierungsperiode. Dieser bevorstehende Führungswechsel stellt sich nun als Trumpfkarte der Labour-Partei heraus. Auch Blairs Gegner können ruhigen Gewissens noch einmal Labour wählen.

Trotz ihrer Schmutzkampagne bereiten nicht die Konservativen sondern die aufsteigenden Liberaldemokraten der Labour-Regierung die größten Sorgen. "Wählt nicht die Liberaldemokraten, sonst endet ihr mit Howard als Premier" droht Labour und hofft noch die letzten Wechselwähler zu gewinnen. Dem entgegnet Charles Kennedy: "Umfragen zufolge besteht keine Gefahr eines Sieges der Konservativen. Die Leute sollen beruhigt nach ihrer Überzeugung - also die Liberaldemokraten - wählen". Er hofft auf eine wesentliche Schwächung der Labour-Mehrheit. Und auf den lang ersehnten zweiten Platz für seine Partei.