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Blairs Mitgefühl lässt Briten kalt

Von Michael Schmölzer

Politik
"Kriegsverbrecher": Ex-Premier Tony Blair musste vor Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen. Foto: ap

Kritik am Irak-Krieg war laut Blair "provisorisch". | "9/11-Terroristen hätten auch 300.000 Menschen getötet." | London/Wien. Sechs Jahre dauerte der Einsatz, für 179 britische Soldaten endete er tödlich. Im März 2003 gab Premier Tony Blair den Befehl, Seite an Seite mit den USA im Irak einzumarschieren; um Massenvernichtungswaffen unschädlich zu machen, Saddam Hussein zu stürzen und die Al Kaida zu bekämpfen. Die Zustimmung der UNO hatte man damals nicht, die vermuteten Waffen waren ebenso unauffindbar wie islamistische Terroristen. Der Irak schlitterte ins Chaos, Zehntausende kamen allein bei Anschlägen ums Leben.


Trauer um Tote

Am Freitag musste Blair ein zweites Mal vor dem Irak-Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen - einem Gremium, das die Rechtmäßigkeit des Kriegs prüft. Die Entscheidung Blairs, Bush in den Irak zu folgen, wird von vielen Briten als großer Fehler angesehen. Der Premier selber erhielt den Beinamen "Bushs Pudel", seine Popularitäts-Werte sanken dramatisch, immer noch herrschen Wut und Trauer über die toten Soldaten.

Blair präsentierte sich am Freitag in London selbstsicher. Die grundlegende Frage nach den Anschlägen von 9/11 sei, ob man das Terror-Risiko direkt bekämpfen oder nur verwalten wolle, dozierte er zu Beginn der Befragung. Er sei für die erste Variante, denn die Terroristen hätten 9/11 statt 3000 "auch 300.000 Menschen" getötet, "wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten". Der Anschlag auf die Twin-Towers hätte alle Risikoabwägungen verändert, Saddam sei als ernsthafte Bedrohung für die Welt anzusehen gewesen. Er habe dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush bereits ein Jahr vor dem Irak-Einmarsch Unterstützung zugesichert, so Blair: "Sie können auf uns zählen, wir sind völlig auf Ihrer Seite", will Blair Bush mitgeteilt haben. Eine Veröffentlichung der Korrespondenz mit dem US-Präsidenten lehnte der Befragte ab. Von einer "bedingungslosen" Unterstützung der USA schon im Jahr 2002 wollte Blair auch nicht sprechen. Vielmehr habe er Bush darauf hingewiesen, dass es "Probleme" gebe.

Eines dieser Probleme war Peter Goldsmith, juristischer Chefberater der britischen Regierung. Dieser warnte Blair im Jänner 2003, dass ein Einmarsch in den Irak auf Basis der existierenden UN-Resolution illegal sei. Blair gab zu, den Rat Goldsmiths ignoriert zu haben, da er diesen als einen "provisorischen" Standpunkt wertete, den Goldsmith noch revidieren würde - was dann tatsächlich der Fall war. Auch habe er Bush nicht mit einer "internen Rechtsdebatte" der britischen Regierung behelligen wollen, so Blair.

Unmut im Publikum

Schließlich meinte der Ex-Premier, er bedaure den Verlust von Menschenleben im Irak "zutiefst". Bei seiner ersten Befragung im Vorjahr hatte Blair noch gemeint, er bereue nichts, Saddam Hussein sei ein Monster gewesen, seine Söhne ebenso. Diese Reaktion hatte damals für Empörung gesorgt, Blairs spätes Mitgefühl löste im Königin-Elisabeth II.-Konferenzzentrum ebenfalls Unmut aus. Viele Menschen verließen den Zuschauerraum, einige kehrten Tony Blair demonstrativ den Rücken zu. "Er hat kein Wort von dem, was er gesagt hat, ernst gemeint", so eine Zuhörerin, die ihren Sohn im Irak verloren hat.