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Blairs Polit-Zukunft steht auf dem Spiel

Von Hervé Guilbaud

Politik

Die politische Zukunft von Tony Blair sieht derzeit so düster aus wie noch nie. Seit Wochen schon steht er unter zunehmendem Druck wegen dubioser Geheimdienstinformationen, mit denen seine Regierung die Gefahr irakischer Waffen aufgebauscht haben soll. Quelle für die schwerwiegenden Beschuldigungen eines BBC-Berichts war der Waffenexperte David Kelly. Nach seinem tragischen Tod wurden am Wochenende die ersten Rücktrittsforderungen an Blair laut.


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In den vergangenen Monaten hat sich der Wind scharf gegen den einstigen Medienliebling Blair gedreht. Schon vor der Affäre um den Bericht des BBC-Reporters Andrew Gilligan befand sich die Glaubwürdigkeit des engsten Verbündeten von US-Präsident George W. Bush im freien Fall. Je mehr Zeit nach dem offiziellen Ende des Irak-Kriegs verstrich, ohne dass Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, desto lauter wurden die Zweifel an der Darstellung der irakischen Bedrohung durch die Regierungen in London und Washington. Bei jeder Gelegenheit musste Blair sich unangenehmen Fragen nach dem Verbleib der angeblich vorhandenen irakischen Waffen stellen.

Gilligans Bericht vom 29. Mai, in dem er sich auf einen "ranghohen" Regierungsvertreter berief, war für London so brisant, dass die Regierung sich einen regelrechten Kleinkrieg mit der BBC über die Glaubwürdigkeit des Journalisten lieferte. In ein schlechtes Licht geriet dabei auch Blairs Kommunikationschef Alastair Campbell. Dieser veranlasste laut Gilligan, dass in ein Regierungsdossier vom vergangenen September die fragwürdige Behauptung hineingeschrieben wurde, dass der Irak "binnen 45 Minuten" Massenvernichtungswaffen aktivieren könne.

Schließlich nannte das Verteidigungsministerium den Waffenexperten Kelly als möglichen Informanten von Gilligan. Spätestens seit dessen Verhör im Außenausschuss des Unterhauses am vergangenen Dienstag ist für die Öffentlichkeit jedoch klar, dass Kelly nur das Bauernopfer für Ranghöhere abgeben sollte. Der scheue Mann wirkte angesichts der aggressiven Fragen mancher Parlamentarier völlig überfordert, und versicherte, er könne nicht die "Hauptquelle" für Gilligans Behauptungen sein.

Gerade noch vom US-Kongress frenetisch gefeiert, wurde Blair im Flugzeug nach Asien von der heimischen Krise eingeholt. In Japan sah sich ein sichtlich angespannter Premier mit der Frage eines Journalisten konfrontiert, ob er "Blut an den Händen" habe und deshalb an Rücktritt denke. Blair antwortete mit einem vielsagenden Schweigen. Doch ob er die Krise wird aussitzen können, muss sich noch zeigen.

Laut einer Blitzumfrage für den Fernsehsender Sky News vom Samstag fordern 60 Prozent der Befragten den Rücktritt Blairs. 20 Prozent finden, dass Campbell entlassen werden sollte. Derweil hüllt sich ein alter Rivale Blairs aus dem eigenen Labour-Lager in beredtes Schweigen: Finanzminister Gordon Brown. Sollte Blair doch noch politische Konsequenzen aus der Irak-Affäre ziehen müssen, könnte Browns große Stunde schlagen.